Das Orchester folgte bereitwillig dem Faden, den Solist Norbert Anger an die Musiker weiterreichte.Foto: Kosowska-Németh Foto: Schwarzwälder Bote

Konzert: Solocellist und Musiksommer-Orchester lassen Publikum in eigene Gefühlswelten eintauchen

Der Musiksommer Altensteig verzeichnete beim Auftritt des Cellisten Norbert Anger mit dem Musiksommer-Orchester seinen zweitbesten Besucherrekord. Weil sich das klassische Programm nach wie vor großer Beliebtheit erfreut, füllten sich trotz des coronabedingt beschränkten Ticket-Angebots so gut wie alle Sitzplätze in der Eichwaldhalle.

Altensteig. Altensteigs Bürgermeister, Gerhard Feeß, bezeichnete das Altensteiger Festival als "ein Teil des Kultursommers unserer Region, in den wir eingebettet sind" und betonte die Unerlässlichkeit des direkten Dialogs zwischen Ausführenden und Publikum.

Zwei große Werke standen auf dem Programm, diese trafen nicht nur punktgenau den Publikumsgeschmack, sondern erfüllten die Sehnsüchte nach der Begegnung mit lebendiger Musik und nach magischen Momenten des Eintauchens in eigene Empfindungswelten.

Das Cellokonzert von Robert Schumann fasste der Solist Norbert Anger als Inbegriff der heiteren Romantik auf. Bereits nach seinem ersten Solo-Einsatz war es klar, dass der 34-jährige Solocellist der Sächsischen Staatskapelle Dresden ein begnadeter Musiker ist. Seine Ausdrucks- und Klangpalette reichte von ergreifender Lyrik bis ausufernder Vitalität, technische Souveränität und mitreißende Schöpfungskraft schienen geradezu angeboren. Und im Gleichgewicht zwischen Selbstsicherheit und Demut verbarg sich das Wesen eines wahren Künstlers.

Aus den Cello- und Orchesterfarben ließ der Dirigent Christof Harr einen famosen, spannungsgeladenen Klangkörper entstehen, indem sowohl er als auch die Tuttisten demselben "Ariadne-Faden" folgten, den der Solist lächelnd an sie weiterreichte. Es war sichtbar, welche Freude und Hingabe der musikalische Konsens verbreitete und mit welcher Genugtuung die Instrumentalisten des Musiksommer-Orchesters jeden "schmackhaften" Phrasen-Abschluss auskosteten.

Während Anger mit der Darbietung des Cellokonzerts in die Zuhörerherzen mühelos eindrang und eine Beifallwelle hervorrief, erweichte er diese mit der fabelhaften Interpretation der Sarabande aus der 3. Solosuite von Johann Sebastian Bach. Eine Zugabe vom Feinsten, welche dem Cellisten abermals Sensibilität, künstlerische Reife und intellektuelle Tiefe bescheinigte.

Die 7. Symphonie komponierte Ludwig van Beethoven nach zwei Jahren schöpferischer Krise, doch nur in dem zweiten, düsteren und zugleich erhabenen Satz hallen die Echos des leidenden Musikgenies. Die übrigen Sätze schäumen vor Lebenslust und innerer Kraft. Angeblich soll Beethoven gesagt haben: "Sie (die Musik) ist der Wein, der zu neuen Erzeugungen begeistert, und ich bin Bacchus, der für die Menschen diesen herrlichen Wein keltert und sie geistestrunken macht."

In der Tat verbreitete die Symphonie eine hemmungslose, beinahe bacchantische Stimmung auf der Bühne. Die Genauigkeit der Einsätze in extremen Tempi, Vielfalt der Farbkontraste sowie klare Artikulation in differenzierter Dynamik zeugten vom hochprofessionellen Niveau des Projektorchesters.

Christof Harr brauchte kein Dirigentenpult und keine Partitur vor Augen, um den Verlauf der Musik im Voraus zu planen und ihren reißenden Strom zu lenken. Obwohl die Proben erst am Vortag begonnen hatten, gelang es dem mittelgroßen, aber überaus fähigen und flexiblen Ensemble, den authentischen Musikcharakter wiederzugeben und das Publikum zu einem heftigen Beifall und Bravorufen zu veranlassen.

Gerne hätten die Zuhörer eine Zugabe erklatscht, doch nach diesem enormen Kraftakt waren alle mentalen und körperlichen Reserven offensichtlich verbraucht, und das Konzert ging nach eineinhalb Stunden zu Ende.

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