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Altensteig Pfarrerstochter im falschen Körper geboren

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James und seine Eltern in der Kirche von Altensteig. Foto: Kraufmann

Altensteig - Wie eine Burg thront die Kirche über Fachwerkhäuschen. Im Tal fließt die Nagold. Altensteig (Kreis Calw) bietet eine traumhafte Kulisse. Die Pfarrer hier heißen Sabine und Klaus-Peter Lüdke. Sie teilen sich die Stelle. Mit ihrer Familie leben sie im Pfarrhaus, nur ein paar Schritte von der Kirche entfernt. Ein schöner Ort, doch seit mehr als einem Jahr gibt es Unruhe in Altensteig. Das dritte Kind der Pfarrer kam als Mädchen zur Welt. Aber es wurde im falschen Körper geboren: Es ist und war schon immer ein Junge.

In einer tiefprotestantischen Kleinstadt, so scheint es den Lüdkes nach Gesprächen mit anderen Betroffenen, tun sich Menschen besonders schwer mit Transkindern, vor allem wenn die Eltern Pfarrer sind. Lüdke angelt immer wieder mal einen hassgetränkten Brief aus der Post.

Der Pfarrerssohn sitzt zwischen seinen Eltern auf einer Bank im Garten. Die kurzen blonden Haare mit einem leichten Stich ins Rot hat James, 14, hochgegelt, die blauen Augen blitzen spitzbübisch. Vor zwei Jahren fiel ihm die blonde Mähne noch bis zur Hüfte. Und anders als heute zuckte er nicht zusammen, wenn man ihn beim Taufnamen rief. Inzwischen ist der Mädchenname, den ihm die Eltern gaben, tabu. Nicht mal lesen will James ihn. Aus dem Pfarrhaus wurden das Bikini-Urlaubsfoto und andere Bilder der Tochter verbannt, ein Junge also.

Cooles Mädchen eben, dachte die Mutter. Dann kam die Pubertät

Im Nachhinein wundern sich die Eltern, warum ihnen das nicht früher klar wurde. Im Kindergarten spielte ihr Jüngstes nur mit Jungs, im Krippenspiel gab es den Josef, folgte dem Vater zum Klamottenkauf in die Männerabteilung. Der Grundschullehrer nannte den wilden Blondschopf "Rockerbraut". Ein cooles Mädchen eben, dachte die Mutter. Dann kam die Pubertät. Ihr Kind schottete sich ab. Band sich die Brust ab. "Mein Kind so unglücklich zu sehen, war schlimmer als alles andere."

Er war irgendwie anders. James spürte das. "Die Gefühle waren schon lange da, ich hatte nur keine Worte, um sie zu beschreiben." Im Herbst 2016, da war er gerade 13 geworden, lernte er im Internet einen Transjugendlichen kennen. Von Transidentität hatte er bis dahin noch nie gehört. Den Begriff musste er googeln. Transidentität heißt: Man steckt im Körper eines Mannes oder einer Frau, fühlt sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig. James verstand: "Ich will kein Junge sein, ich bin einer."

Als Erstes fielen die Haare. Der Friseur protestierte – "dann siehst du ja aus wie ein Junge". Vor dem Spiegel fuhr James sich durch das blonde Stoppelfeld und war seit Langem wieder glücklich. Das geschnittene Haar klaubte er vom Boden auf und spendete es für Perücken krebskranker Kinder, damit die Eltern keine Fragen stellten. Er schrieb ihnen einen Brief und wollte seine Gefühle erklären. Mittendrin brach er ab.

Irgendwann in den folgenden Wochen war es dann doch heraus – kein Mädchen, sondern ein Junge, keine Tochter, ein Sohn, ein neuer Name: James – so wie der Vater von Harry Potter in den Büchern. Seine Internetfreunde nannten ihn längst so.

In den ersten Monaten des neuen Jahres 2017 sprachen Lüdkes am Küchentisch über nichts anderes. War ihr Kind von der Pubertät verwirrt? Das Jungending eine Phase? Was hatte ihnen Gott da für eine Prüfung auferlegt? Hatten sie in der Erziehung und im Glauben versagt? Sie mühten sich, ihr Kind, das ihnen plötzlich so fremd war, zu verstehen. Sie begleiteten James durch halb Deutschland, um andere Transfamilien zu treffen. Sie beteten, haderten, trauerten um ihre Tochter, beteten wieder und begannen schließlich zu akzeptieren, was inzwischen auch ein Psychiater bescheinigt hatte: Als Frau würde ihr Kind nie glücklich werden.

Seine Brust wird aufhören zu wachsen, Barthaare sprießen

Als James am Morgen des 21. September 2017 zum Frühstück kam, lagen Luftschlangen auf dem Küchentisch. An seinem Platz stand ein Teller mit Muffins. "Alles Gute zum James-Day", riefen die Eltern. Klaus-Peter Lüdke hatte die alte Taufkerze aufgestellt – vorher die alten Buchstaben abgekratzt, neue aus Wachsplatten geschnitten und zu JAMES zusammengesetzt. Es war ein anderer Name, aber immer noch ihr Kind.

James outete sich, ließ Untersuchungen beim Psychiater, beim Endokrinologen – ein Spezialist für Hormone – und der Gynäkologin über sich ergehen. Seit Oktober darf er Hormone bekommen. Seine Brust wird aufhören zu wachsen, erste Barthaare werden sprießen. James sagt: "Das ist kein Weg, den man sich freiwillig aussuchen würde." Umso mehr verletzen die Vorwürfe der anderen.

Seit einem Jahr kämpfen Lüdkes an drei Fronten. Sie müssen sich mit der Schule, den Verwandten und der Kirche auseinandersetzen. Zu Beginn des neuen Schuljahres im Herbst 2017 steht der Name "James" auf der Klassenliste, er wechselt beim Sport von der Mädchen- in die Jungengruppe. Die Eltern weihen ihren Chef ein. Der Dekan sichert ihnen seine Unterstützung zu. Der Kirchengemeinderat wird informiert. Alle reagieren verständnisvoll. James’ Oma übt den neuen Namen. Das ist die eine Seite.

Die andere ist: Viele Verwandte fragen sich, was in diese Familie gefahren ist. Den Lüdkes wird vorgeworfen, ihrem Kind zu schaden, eine Sünde zu begehen. Durch die Hormone würden sie zulassen, dass sein Körper unumkehrbar verändert wird. Wo doch alles nur eine Episode sei. Eine Bekannte mutmaßt gar, ein böser Geist namens James habe vom Kind Besitz ergriffen – sollte man sich besser einen Exorzisten rufen? In der Gemeinde sprechen sie die wenigsten offen auf ihren Sohn an. "Die Leute reden nicht mit, sondern über uns", sagt Sabine Lüdke. James’ Freundschaften in der Schule zerbrechen.

Er lässt sich von seinem Vater konfirmieren, den Eltern zuliebe

Im Mai dieses Jahres schlüpft James in Sakko und Anzughose, bindet sich eine Krawatte um und lässt sich von seinem Vater konfirmieren, den Eltern zuliebe. Er selbst kann mit Gott nicht so viel anfangen, auch weil sich die Kirche mit Transidentität oft schwertut, besonders in Württemberg. Die Lüdkes glauben, dass sich ihr Umfeld vor allem an dem Gedanken stört, ihr Kind könnte homosexuell sein. Gleichgeschlechtliche Paare – für viele Pietisten sind diese Verbindungen nicht von Gott gewollt.

Doch liebt ein Transmann automatisch Frauen? Und ist das dann eine homosexuelle Beziehung? Klaus-Peter Lüdke findet anderes wichtiger: "Es geht doch darum, dass Menschen in der Kirche Annahme erfahren und nicht Ablehnung." Er begann, seine Gedanken zu notieren. Das Buch "Jesus liebt Trans" entstand. Darin ringt er auch um einen theologischen Zugang zur Transidentität. Die Freikirche im Ort versteht das als Provokation. Ein anderer Pfarrer teilte ihm mit: "Dein Buch kann ich nicht lesen, das passt nicht in mein Weltbild."

Was sich Lüdkes eigentlich wünschen, ist Normalität. Bald werden sie zu dritt zum Campen fahren. Dann sind sie einfach eine ganz gewöhnliche Familie: Vater, Mutter und Sohn.

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