Ein Werbeplakat der kroatischen Uni im bosnischen Mostar reißt alte Wunden auf. Auf dem Foto sind die Minarette einer Moschee verschwunden – ob absichtlich, bleibt unklar.
Ein mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstelltes Poster entzweit Bosniens geteilte Stadt Mostar. Eigentlich wollte die kroatische Universität in der Vielvölkerstadt mit einem Werbeplakat, auf dem die berühmte Brücke „Stari most“ samt Altstadt zu sehen ist, ihre internationale Sommerschule bewerben. Doch auf dem Poster wurden die Minarette der Moscheen getilgt – und durch zwei kirchturmähnliche Gebäude ersetzt.
Über Hysterie, „Hassreden“ und selbst Morddrohungen klagt die Philosophische Fakultät der Universität nun: Sie hat die Sommerschule angesichts der Welle der Kritik nun aus „Sicherheitsgründen“ wieder abgeblasen. Die „vollkommen gut gemeinte“ Ansicht der Brücke sei mit Hilfe des KI-Grafikprogramm „Freepike“ angefertigt worden, so die Fakultät, die die auffälligen Änderungen als zufällig darstellt.
Doch egal, ob die KI-Metamorphose der Minarette auf dem überwiegend von muslimischen Bosniaken bevölkerten Ostufer unbeabsichtigt oder mit Bedacht über die Bühne ging: Die verfremdete Brückenansicht hat in dem noch immer vom Bosnienkrieg (1992-1995) gezeichneten Mostar alte Wunden neu aufgerissen. Zu Kriegsbeginn hatten die Truppen der bosnischen Kroaten (HVO) und der Bosniaken in Mostar noch gemeinsam gegen die jugoslawische Volksarmee (JNA) der Serben gekämpft. Doch bald begannen sich die einstigen Partner verbittert zu bekriegen. Es war die kroatische HVO, die am 9. November 1993 das Wahrzeichen von Mostar zerstörte. Zwar wurde dir Brücke, Weltkulturerbe der Unesco, nach Kriegsende auch mit kroatischer Hilfe wieder aufgebaut. Doch von Aussöhnung kann in der geteilten Stadt keine Rede sein.
Keineswegs für einen Zufall hält der kroatische, in Mostar geborene Historiker Dragan Markovina das Verschwinden der Minarette auf dem Plakat der Fakultät, deren Erklärungen er als „scheinheilig” bezeichnet: Die retuschierte Ansicht sei „nichts mehr als eine Dummheit“.