Mit Humor und klaren Worten warnt Altbundespräsident Christian Wulff beim Neujahrsempfang vor bröselnden Demokratien.
Es braucht einen einzigen Satz, bis der frühere Bundespräsident den Saal auf seiner Seite hat. „Normalerweise zieht der Gast zur Kapelle ein, im Zollernalbkreis Heinrich Haas“, sagt Christian Wulff mit Blick auf den früheren Landrat des Kreises, den früheren Bürgermeister Bisingens und den ehemaligen Präsidenten des Sparkassen- und Giroverbands, der im Publikum sitzt.
Zuvor hatte die Bläserphilharmonie Zollernalb gespielt. Lauter Applaus aus den Reihen.
An diesem Abend ist das frühere Staatsoberhaupt Ehrengast und Redner beim Neujahrsempfang des Kreistags in der Schlossparkhalle in Geislingen vor etwa 500 Gästen. Landrat Günther-Martin Pauli hatte ihn begrüßt: „Herzlich willkommen lieber Christian Wulff, in einer der artenreichsten, reizvollsten und spannendsten Raumschaften in Europa!“
Wulff spricht zum Thema „Frieden. Europa. Demokratie. Alles unter Druck – und doch Zeit für Optimismus?“ Letzterer ist ihm an diesem Abend in Geislingen schon begegnet. Er sagt: „Ich hatte mir vorgenommen, dass Sie optimistischer nach Hause fahren, als Sie gekommen sind.“ Die Menschen hier – so sein Eindruck – seien jedoch schon jetzt zuversichtlich.
Lob fürs Südwest-Bundesland: Er habe es immer als Benchmark genommen, häufig erklärt: „Wir müssen es ein bisschen so machen wie die Baden-Württemberger.“
In seiner Rede spricht er über den Zeitraum von 1946 bis 2046. „Wie wir in dem letzten Fünftel, also in den nächsten 20 Jahren leben werden, hängt entscheidend davon ab, welche Konsequenzen aus der Geschichte gezogen werden.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg sei es darum gegangen, „dass niemand verhungert, niemand erfriert“. Es habe Einigkeit bestanden: nie wieder Krieg, nie wieder Nationalismus, sich nie wieder erheben über andere, nie wieder Kampf gegen Minderheiten, nie wieder Rassismus. „Der Beginn eines friedlichen Europas“, betont Wulff.
„Wenn 80-Jährige beispielsweise über die Situation unzufrieden sind, sollten sie sich zumindest vergegenwärtigen, dass sie die ersten 80-Jährigen in unserem Land sind, die ein Leben lang in Frieden und Freiheit im Inneren wie nach außen gelebt haben.“ Und: „Ob wir uns dessen bewusst sind, da habe ich gelegentlich Zweifel.“
Wulff erinnert an die Deutsche Einheit, Demokratisierung, an die Zusammenarbeit von USA und Europa, an Versöhnungsbereitschaft, Euphorie nach der Wende. Und heute? Warnt er vor zerbröselnden Demokratien. „Wir sollen nicht glauben, dass das folgenlos bliebe, wenn Demokratie angegriffen wird und gefährdet ist von Populisten von links und rechts.“ Und: „Demokratien klingeln nicht, wenn sie gehen. Sie sind auf einmal weg.“
Optimismus ist angebracht
Optimismus sei angebracht, immerhin habe Deutschland einige Asse im Ärmel, sagt der frühere Bundespräsident noch. „MEGA“ klinge sowieso viel besser als „MAGA“. Heißt: „Make Europe great again“ statt „Make America great again“.
Nochmals Applaus im Saal. Im Anschluss nimmt sich Wulff noch Zeit für die Gäste, für die zahlreichen Helfer. „Das hat Mut gemacht“, sagt einer der Zuhörer. Ein ordentliches Fazit für diesen Abend.