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Als Brasilien vor den Toren Stuttgarts lag

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Von Michael Ossenkopp Lauffen. Ober- oder unterirdisch: Die Frage, die Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 spaltet, spielte im Zweiten Weltkrieg noch keine Rolle. Vielmehr war man bemüht, die Angriffe auf die Landeshauptstadt und ihren Bahnhof abzuwehren. Eine Attrappe sollte es richten.

Als "Scheinanlage Brasilien" wurde im Zweiten Weltkrieg rund 35 Kilometer nördlich von Stuttgart eine Attrappe des Bahnhofs installiert, um alliierte Bomberstaffeln fehlzuleiten. Bis Ende 1940 errichtete die Heeres-Flakabteilung Ludwigsburg ein Bauwerk aus Holz und Backstein, das ein Bahnhofsgebäude vorgaukeln sollte. Lampen an Stangen erweckten den Eindruck von beleuchteten Gleisen und Weichen, Lichtblitze simulierten fahrende Züge und Straßenbahnen, Strohmatten dienten als umliegende Straßenzüge. Außerdem wurden 50 Flakstellungen und 30 Scheinwerferbatterien installiert. Damit wollten die Nazis die Angreifer zum falschen Ort locken. Aus der Luft sah alles täuschend echt aus.

Insgesamt bombardierte die Royal Air Force (RAF) die schwäbischen Felder zwischen Lauffen am Neckar, Nordheim, Nordhausen und Hausen an der Zaber 37 Mal. Allein 1941 fielen mehr als 1500 Spreng- und Stabbrandbomben auf "Brasilien". Erst ab 1942 verfügte die Luftaufklärung der Engländer unter Oberbefehlshaber Arthur "Bomber"-Harris über das präzise Radarsystem "Oboe" (Observer bombing over enemy), das gezielte Abwürfe auch ohne Sicht ermöglichte. 1943 wurde die Scheinanlage abgebaut. Bis dahin war es den Alliierten nicht gelungen, Stuttgart schwer zu treffen. Das änderte sich, zum Kriegsende waren 68 Prozent der Wohngebäude und 75 Prozent der industriellen Anlagen Stuttgarts zerstört.

Im Zweiten Weltkrieg waren alle deutschen Städte nach Größe, Gefährdung und ihrer Bedeutung für die Rüstungsproduktion in drei Gefahrenzonen eingeteilt. Militärisch gesehen lag Lauffen an der sogenannten Neckar-Enz-Befestigungslinie, einem Teil des Westwalls. Die Geburtsstadt Hölderlins gehörte als beschauliche Weinbaugemeinde in die unterste Gefährdungsklasse. Wegen der Scheinanlage Brasilien erhielt sie aber den Status als "besonders gefährdeter Luftschutzort". Allerdings brachte das Gebiet um Lauffen nie den militärischen Erfolg, den sich die Machthaber aus Berlin versprochen hatten. Deshalb gab Hermann Görings Luftwaffe Ende 1943 die Order: "Eine dringende Notwendigkeit, die Einrichtung des Sicherheits- und Hilfsdienstes weiter bestehen zu lassen, besteht nicht."

Menschen in Lauffen waren Leidtragende des Ablenkungsmanövers

Am 13. April 1944 folgte die schwerste Bombardierung Lauffens. Alliierte Maschinen mussten sich wegen schlechten Wetters aus dem Zielgebiet Nürnberg zurückziehen. Auf dem Rückweg entledigten sich die Flugzeuge 21 Zehn-Zentner-Bomben, 30 Flüssigkeitsbomben und einer unbestimmten Zahl Splitterbomben durch "Notabwürfe" über Lauffener Gebiet. Dabei starben 59 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt. Nur rund drei Monate später flogen die Piloten von Harris einen schweren Angriff auf die Schwabenmetropole. "Ich will, dass Stuttgarts Straßen ausglühen, ein Feuerorkan wie in Hamburg und Kassel", so der Oberbefehlshaber der RAF-Bomber.

Über die Jahre stieg der Groll der Lauffener, man sah sich als Bauernopfer zu Gunsten des Ballungszentrums. Erst 1958 entschuldigte sich Stuttgarts Oberbürgermeister Arnulf Klett offiziell bei den Lauffener Bürgern.

Bei der "Scheinanlage Brasilien" – der militärischen Variante eines potemkinschen Dorfes – handelte es sich keineswegs nur um einen Trick der Nazis. In Nordafrika wurden britische Panzerverbände simuliert, indem man mit Flugzeugmotoren Sand aufwirbelte und damit nicht existente Truppenbewegungen vortäuschte. Unter dem Decknamen "Operation Fortitude" stellten die Alliierten vor der Invasion in der Normandie im Frühjahr 1944 nahe Dover komplette Geisterarmeen mit 3000 aufblasbaren Gummipanzern und Kanonen aus Pappmaché auf, um den wahren Ort des Aufmarsches der Invasion zu verschleiern. Schiffs- und Flugzeugattrappen waren aus Sperrholz zusammengebastelt, reger Funkverkehr spiegelte emsige Generalstabsaktivitäten vor. In den Wäldern Südenglands wurden Pseudo-Treibstofflager und Munitionsbunker aufgestellt. Dafür zog die britische Armee professionelle Bühnenbildner und Spezialisten für Filmkulissen ein. Sogar ein eigenes 358-seitiges Drehbuch gab es.

Nach dem Krieg erlangte Lauffen noch einmal traurige Berühmtheit, als am 20. Juni 1959 ein Eilzug mit einem voll besetzten Omnibus zusammenstieß. Beim schwersten Busunglück Deutschlands starben 45 Menschen, 27 wurden zum Teil schwer verletzt.

 
 

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