Farbenfroh zeigte sich die Klosterkirche, passend zur meditativen musikalischen Gestaltung des Gottesdiensts.Foto: Haubold Foto: Schwarzwälder Bote

Musik dient Gott: Einblicke ins Leben von Frauenrechtlerin und Holocaust-Opfer Edith Stein

Die zweite Lichtklang-Meditation lockte unerwartet viele Besucher nach Alpirsbach. Ein Spiel aus Musik, Lichtszenen und Texten der Philosophin und Frauenrechtlerin Edith Stein beeindruckte in der Klosterkirche.

Alpirsbach. Kulturelle Angebote sind wegen der aktuellen Corona-Verordnung verboten. Den letzten kulturellen Lichtblick bieten in dieser Zeit musikalische Andachten. Dieses Angebot ermöglicht auch die evangelische Kirchengemeinde in Alpirsbach. Angenommen haben es überraschend viele Besucher. Die Schlange am Eingang war lang, doch alle Gäste fanden ihren Platz, als Kantorin Carmen Jauch mit kurzer Verzögerung den musikalischen Gottesdienst mit einem "Bach´schen Orgelwerk" eröffnete.

Lichttechniker Matthias Zizelmann sorgt für mystische Stimmung

In blau und violett leuchtete der Altarraum. Mit Hilfe vieler Lampen erstrahlten die Mittelsäulen im Wechsel in rot und orange. Verantwortlich dafür zeigte sich einmal mehr Lichttechniker Matthias Zizelmann. Als ebenso erhaben und stimmungsvoll wie das Lichtspiel in der ansonsten dunklen Kirche, erwiesen sich auch Carmen Jauchs musikalische Interpretationen mit Orgel, Klangsteinen und Gesang. Pfarrer Horst Schmelzle begrüßte die zahlreichen Zuhörer, die nach ihrem Eintrag in der Kontaktpersonenliste unter Einhaltung der Corona-Regeln der Andacht lauschten.

Mit dem Wunsch, "dass Sie heute Abend durch Klang, Licht und Text zur Ruhe kommen und aufatmen können in einer schwierigen Zeit", begann der Pfarrer von Edith Stein, einer aus dem Judentum stammenden Ordensfrau, zu erzählen. Ihr Lebens- und Glaubenszeugnis und ihre zahlreichen Veröffentlichungen seien bis heute für viele Menschen von großer Bedeutung.

Am 12. Oktober 1891 in Breslau als Kind einer jüdisch-orthodoxen Familie geboren, fiel Edith schon früh als intelligentes Kind auf und distanzierte sich bereits als Jugendliche von ihrem Glauben. Nach ihrem Abitur 1911 studierte die engagierte Frauenrechtlerin Literatur, Geschichte und Psychologie. "Doch schon bald suchte sie in der Philosophie die Wahrheit", wusste Pfarrer Schmelzle zu berichten, der die Biografie Steins anschaulich umriss und mit einigen ihrer Zitate spickte. "Das innerste Wesen der Liebe ist Hingabe", las der Pfarrer aus den Texten der Wissenschaftlerin. In den 1920er Jahren galt Stein als gefragte Rednerin über Themen der Frauenfrage. Sie konvertierte 1922 zur katholischen Kirche. Unter dem Nationalsozialismus durfte sie ihren Beruf nicht mehr ausüben und wurde später ein Opfer des Holocaust.

Im Jahr 1987 wurde Edith Stein selig gesprochen, die Heiligsprechung folgte im Oktober 1998 in Rom.

Gesamtkunstwerkaus Zitaten, Gebeten und Meditation

Es war das harmonische Zusammenwirken von Sprache und Musik, das die Besucher sichtlich faszinierte. Denn damit ein Gesamtkunstwerk aus Zitaten, Gebeten und meditativer Musik entstehen konnte, war das Können von Carmen Jauch gefragt. Sie verstand es, zu den Texten musikalische Formen zu entwickeln, die die Empfindungen dieser bekannten Wissenschaftlerin und Ordensfrau ausdrücken sollten. Choräle aus dem Mittelalter, aber auch geistliche, auf Deutsch gesungene Lieder erklangen.

Die Besucher verfolgten mit Interesse den Vortrag Jauchs, die von der Empore aus musizierte und immer wieder den rhythmischen Zauber von Klangsteinen und Monochord durch das Kirchenschiff schickte. Die gefühlstiefe Vertonung "Wer bist Du, Licht, das mich erfüllt, und meines Herzens Dunkelheit erleuchtet?" nach einem Gedicht von Edith Stein nahm die Besucher sichtlich gefangen. Die Steine schienen ein Eigenleben zu entwickeln. Tröstliche Lebendigkeit erfüllte dann auch Arvo Pärts Fassung des "Vater unser", das Carmen Jauch zum Abschluss auf der Orgel spielte und das die Gäste in die Nacht hinaus begleitete.

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