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Alltag in Flüchtlingsunterkunft Fotoband über ehemalige Einrichtung in Straubenhardt

Von
Szenen aus dem Alltag in der einstigen Flüchtlingsunterkunft im Holzbachtal bei Straubenhardt. Foto: Fendet

Die Berliner Fotografin Sibylle Fendt hat viel Zeit mit Flüchtlingen in der ehemaligen Unterkunft im Holzbachtal am Rande von Straubenhardt verbracht. Die Aufnahmen ermöglichen Einblicke in einen Alltag im Wartezustand. Was sie dort erlebte und wie sie es mit ihren Bildern zu einer Ausstellung in Berlin geschafft hat, lesen Sie in unserem (SB+)-Artikel.

Straubenhardt -  Weit abgeschieden im Wald, am Rande von Straubenhardt, eine halbe Stunde Fußweg entfernt von der nächsten Bushaltestelle, liegt die ehemalige Flüchtlingsunterkunft H 8 im idyllischen Holzbachtal. In der früheren Pension "Jakob" wurden mehr als 20 Jahre lang männliche Geflüchtete – zu Hochzeiten bis zu 50 Asylbewerber – untergebracht.

Im Dezember 2018 wurde die Gemeinschaftsunterkunft geschlossen und die letzten zwölf Bewohner auf andere Unterkünfte im Enzkreis verteilt. In den drei Jahren davor hat die in Waldbronn aufgewachsene und seit 20 Jahren in Berlin lebende Fotografin Sibylle Fendt die jungen Männer regelmäßig besucht und porträtiert. Daraus entstand ein Fotobuch, welches jüngst im Kehrer Verlag erschienen ist. "Holzbachtal, nothing, nothing" heißt das Werk, welches schon im Titel die trostlose Situation, das "Nowherland" der Bewohner, beschreibt.

"Nothing" (auf Deutsch nichts) – dieses Wort war ständig präsent im Alltag der jungen Männer, die unter anderem aus Syrien, Afghanistan, Irak und Iran, aber auch aus Gambia und Somalia stammten. Ihnen blieb laut Fendt nichts zu tun als zu warten, bis sie einen Intergrationskurs besuchen dürfen, zu schlafen, zu kochen, zu rauchen oder sich mit ihren Handys zu beschäftigen. Zu sehen ist ein verwahrloster Ort, leere Blicke aus Fenstern, ein verdreckter Herd, aber auch muskulöse Oberarme, die mit Hanteln und an Gerüsten trainiert werden.

Schwerpunkt ihrer Porträts liegt im sozialkritischen Kontext

Im Rahmen ihrer ersten Recherchen für ein deutschlandweites Projekt zur Situation von Flüchtlingen im Jahr 2014 stieß sie unter anderem auf das Holzbachtal. Die heute 46-Jährige wollte damals bewusst das Augenmerk auf abgelegene Flüchtlingsunterkünfte richten, als Kontrast zu den bereits beleuchteten städtischen Einrichtungen in Berlin, mit denen sie sich 2011 und 2012 befasste. Dann jedoch von der Flüchtlingskrise und deren über eine Million Asylsuchender quasi überrollt, legte Fendt das Projekt auf Eis und fotografierte in den Jahren 2014 und 2015 vorwiegend Notunterkünfte und Provisiorien.

"Ich wollte die Wege der Flüchtlingskrise und -hilfe verfolgen und dazu Momentaufnahmen festhalten, auch für die Presse", schildert sie. Ihre bevorzugte Arbeitsweise, nämlich Menschen in ihrem täglichen Umfeld auch über einen längeren Zeitraum zu begleiten, führte sie dann schließlich im Sommer 2016 wieder ins Holzbachtal.

"Das Holzbachtal hat mit der Flüchtlingskrise direkt nichts zu tun, sondern ist damals schon ein Dauerzustand gewesen, der über Jahrzehnte toleriert wurde", stellt die Fotografin, deren Schwerpunkt Porträts im dokumentarischen, sozialkritischen Kontext sind, klar. Aber es sei nur sie, die die dortigen Missstände mit ihren Bildern und Texten anprangere, nicht die Bewohner, fügt sie unmissverständlich hinzu.

Sie verbrachte Stunden, Tage und Wochen dort, ohne dass irgendetwas passierte. "Dieses Warten – oder noch nicht einmal das – dieses Zeit-verstreichen-lassen war neu und befremdlich für mich", beschreibt sie die Situation in ihrem Buch. "Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, wird man als Fotografin nicht mehr wahrgenommen und kann das Gegenüber authentisch und in seinem natürlichen Auftreten, ohne irgendwelche Beschönigungen, festhalten", meint Fendt zum künstlerischen Anspruch ihrer Porträtaufnahmen.

Fendt nimmt am Alltag der Asylanten in der Unterkunft Anteil

"Mit der Entscheidung, welche Bilder man letztendlich zeigt, entsteht dann die Geschichte und begründet sich eine Verantwortung, ein persönlicher Standpunkt als Autorin", führt sie aus. "Ich möchte die Stimmung widerspiegeln, die dort die meiste Zeit geherrscht hat, und die sich auch in den Stillleben, der Wohnsituation und der Landschaft äußert."

Kein lebensbedrohlicher Zustand, aber gerade der immer gleiche Blick auf den Schwarzwald im Wechsel der Jahreszeiten als Intro zum Buch könne laut Fendt als absurder Widerspruch zu den Menschen, die ganz andere Sorgen haben, gesehen werden. "Hinter ihnen lag eine zum Teil mehrjährige Flucht aus der Heimat, die Trennung von Familie und Freunden, der erste Kulturschock in einem fremden Land. Vor ihnen ein Berg an Bürokratie, Sprachbarrieren und jede Menge Ungewissheit, wie es weitergehen wird", weiß sie zu berichten.

Positiv empfand Fendt, dass sie ohne jegliches Misstrauen am Alltag der Bewohner teilnehmen durfte. "Meistens war ich willkommen, oft wurde ich zum Essen eingeladen und durfte mit ihnen die Zeit verstreichen lassen", erinnert sie sich.

Auch die gegenseitigen Freundschaften unter den jungen Männern, wenn auch nur selten über die jeweilige Herkunft hinaus, bleiben ihr in positiver Erinnerung. "Es haben sich intensive Cliquen gebildet, innerhalb derer zum Teil bis heute noch Kontakte bestehen", meint Fendt.

Auch habe sie durch die Arbeit zum Fotobuch ihre Heimat wieder besser kennen- und lieben gelernt. "Als Jugendliche fand ich die Gegend provinziell. Heute, mit zwei Kindern, die rund um das elterliche Haus in Waldbronn einen Abenteuerspielplatz vorfinden und sich dort frei bewegen können, sehe ich das nicht mehr so kritisch", meint die 46-Jährige. Trotzdem schätzt sie das kulturelle Angebot und den multikulturellen Hintergrund der Großstadt Berlin. "Am Leben teilnehmen und das Land und die Leute kennenlernen, wenn man zur Tür hinausgeht", darf ihrer Ansicht nach kein Privileg sein.

Netzwerk Asyl kümmert sich seit 2013 intensiv um Integration

Als "etwas einseitig" empfindet Pfarrer David Gerlach aus Conweiler die Darstellung im Fotobuch von Sibylle Fendt. Daraus ginge nicht hervor, dass sich das Straubenhardter Netzwerk Asyl, dessen Sprecher er ist, bereits seit 2013 intensiv um die neu ankommenden Flüchtlinge und deren Integration kümmert. Er nennt hier gegenüber dem Schwarzwälder Boten etwa das monatliche Asylcafé, Deutschkurse vor Ort und im Gemeindehaus, Gesundheitsbegleitung, Spendensammlungen, die Vermittlung in Arbeitsverhältnisse, die Fahrradwerkstatt für mehr Mobilität, den von der Kirchengemeinde finanzierten Internetanschluss sowie die Koordination mit den zuständigen Behörden. Insbesondere bei der großen Flüchtlingswelle im Sommer 2015 sei man dankbar gewesen für jedes Gebäude, das kurzfristig belegt werden konnte, und jeden weiteren Helfer vor Ort, ob haupt- oder ehrenamtlich, räumt er ein.

Bis zu 30 Leute kümmerten sich laut Gerlach neben Sandra Ott, die auch im Buch als "gute Seele des Holzbachtals" erwähnt wird, ehrenamtlich um die Asylanten. Seit 2016 kämen diese auch im Wohnheim in der Daimlerstraße in Feldrennach unter, wo die Infrastruktur besser sei.

"Ich war als Bürgermeister von Anfang an ein Gegner dieser Unterkunft im Holzbachtal, die von privater Hand an den Enzkreis vermietet war, und habe mich mehrfach dafür eingesetzt habe, dass sie geschlossen wird", so Helge Viehweg, der sich ebenfalls "etwas irritiert über den für ihn einseitigen Blick der Fotografin auf die Situation" zeigt. "Aber Kunst darf alles und muss sich dafür auch nicht rechtfertigen", meint er zum Werk Sibylle Fendts, die er bisher noch nicht persönlich kennenlernen durfte.

"Wir wollen als Gemeinde Integration gestalten und gelingen lassen. Deswegen auch der Bau der Hoffnungshäuser", so der Straubenhardter Bürgermeister.

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Fax: 07051 130891

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