Über den Umgang mit der täglichen Dosis an düsteren Nachrichten: Ein Blick in die Frühlingsnatur kann stets von Nutzen sein, meint unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn.
Vor einer Wiese im Stuttgarter Schlossgarten steht ein Schild mit den Worten der im April 1785 geborenen Dichterin Bettine von Arnim: „Blumen sind die Liebesgedanken der Natur“. Darunter folgt eine mehrsprachige Erklärung zu Wildblumen und ihren Nutzen für die Insektenwelt. Jemand hat mit kräftigen violetten Lacklettern „Fuck the truth“ darüber hinweggeschrieben – Scheiß auf die Wahrheit. Im Drogerie-Markt um die Ecke ärgere ich mich anschließend über die Versprechungen auf den Teeschachteln: Gelassenheit, Glück, innere Ruhe, sogar Abenteuer.
Gerade hat eine Gallup-Umfrage den Deutschen insgesamt Resignation bescheinigt. Angst statt Aufbruch. Stress statt Arbeitseifer. Soll das alles gewesen sein? Und sollen Ströme von Kräuteraufguss diese Missstimmungen hinwegspülen?
Ein Turm von Sprudelkästen für schlechte Zeiten
Wenn ich mir meine tägliche Dosis an Nachrichten zuführe, fürchte ich mich oft. Als ich den Karton voller Ostereier und Holzhasen in den Keller zurücktrage, mich vorbeiquetschen muss an Stapeln ausrangierter Stühle, Umzugskartons voller Geschirr und einer Schar kleiner, bunter Fahrräder, stelle ich mir den Keller meiner Kindheit vor, in dem es nur einen Turm Sprudelkästen gab und an den Wänden wohlgefüllte Regale, in denen alles aufgereiht stand, womit eine vierköpfige Familie sich mindestens eine Woche lang durchbringen konnte: Konserven aller Art, darunter auch Corned Beef – etwas, das ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, dazu Knäckebrot, Cracker, H-Milch, eingemachtes Obst.
Alles wurde regelmäßig verbraucht und nachgefüllt. Niemand musste darüber sprechen, dass dies eine Vorsichtsmaßnahme war, ebenso wie die regelmäßig heulenden Sirenen, die fast unsichtbaren Gesten der Sparsamkeit, wenn Plastiktüten und Geschenkpapier zur Wiederverwendung glattgestrichen und aufgehoben, Bleistifte, in eine spezielle Blechhülle gesteckt, zu winzigen Stummeln heruntergeschrieben, harte Brotreste, säuberlich in Würfel geschnitten, für Knödel verwendet wurden.
Ein Frühling voller Tulpen, Veilchen, Flieder
Was ist die Wahrheit? Dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass alles gut bleiben wird, ruhig und friedlich? Dass ich den Keller aufräumen werde? In erster Linie, um das Chaos loszuwerden, die kleinen Fahrzeuge zu spenden, die letzten Ordner der schon vor Jahrzehnten abgebrochenen Dissertation wegzuwerfen. Aber auch, um vorbereitet zu sein. Platz zu haben. Weiter zu denken, erlaube ich mir zwar, schreibe es aber nicht nieder, aus der abergläubischen Furcht heraus, es könne Schwarz auf Weiß wirklich werden.
Aber die Wahrheit ist auch ein neuer Frühling, zwei Wochen zu früh natürlich, dennoch voller Tulpen, Veilchen, Flieder, geduckt über die feuchten Wege rennenden Amseln, einem Zaunkönig, der mit lautem Warnruf ins Efeudickicht einer Mauer schlüpft, den Wildbienen, die ihre goldbepelzten Kehrseiten der Sonne hinstrecken, bebend vor Atem, vor Leben.