Leonie Wimmer und Barbara Leiber erzählen. Der Alltag fühlt sich für sie oft wie ein Seiltanz ohne Netz an. Probleme für Mütter sind auch im Schwarzwald-Baar-Kreis ähnlich.
Morgens um fünf Uhr klingelt der Wecker. Leonie Wimmer aus Königsfeld richtet drei Brotdosen, bereitet das Frühstück vor und weckt die Kinder. Sie zählt im Kopf die anstehenden Termine: Schule, Pflegedienst, Arztbesuch. Es ist Frühstück, aber es fühlt sich an wie der Startschuss für einen langen Lauf. Alleinerziehend, drei Kinder, Gegenwart.
40 Jahre früher, Anfang der Achtzigerjahre, steht Barbara Leiber am Küchentisch und packt das Vesper für drei Kinder. Auch sie ist seit fünf Uhr wach und schon mit dem Hund auf den Schellenberg gelaufen. „Das gemeinsame Frühstück war bei uns das Wichtigste für mich. Diese Routine haben wir gebraucht, bevor der Alltag losging“, erzählt sie.
Schwieriger Alltag
Leonie Wimmers ältester Sohn ist 14 Jahre alt, die beiden jüngeren gehen in die Grundschule. Seit zehn Jahren übernimmt die in der Altenpflege tätige Frau die Erziehungszeit alleine. Wie auch bei Barbara Leiber leben die Kinder vollständig bei ihr – im Residenzmodell. „Das Schwierigste für mich ist tatsächlich diese Alltagsorganisation. Dass nicht alles wegen einer Kleinigkeit zusammenbricht“, so Wimmer. Heute ist die Zahl der alleinerziehenden Frauen in Deutschland so hoch wie noch nie. Denn Frauen sind unabhängiger und selbstständiger. Selbst den Wunsch, ein Kind ohne Partner zu haben, können sie sich erfüllen. Alleine von 1996 bis 2017 stieg die Zahl der alleinerziehenden Elternteile, zumeist Frauen, von 17 Prozent auf rund 23 Prozent an, so zeigt es eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes durch den Mikrozensus.
Das war nicht immer so. Schon aus finanziellen Gründen trennten sich über Jahrzehnte Frauen nur unter den widrigsten Umständen von ihrem Partner. Dass Barbara Leiber aufgrund einer nicht funktionierenden Ehe mit den Kindern auszog, stieß damals vielerorts auf Unverständnis. Der Jüngste war da gerade eineinhalb Jahre alt, die Älteste in der Grundschule. Sie zieht mit den drei Kindern nach Donaueschingen.
„Ob mein Mann mich geschlagen habe oder trinke, fragte mich der Pfarrer“, erinnert sich Barbara Leiber. „Ich verneinte. Dann sei ich selbst schuld an meiner Situation, so seine Antwort.“ Rückblickend sagt sie, dass es nicht das Aufziehen der Kinder gewesen sei, das sie am meisten erschöpft habe. Das Schwerste sei von außen gekommen, von einer Gesellschaft, die nicht geholfen, sondern geurteilt habe. Noch heute bewegt sie die Erinnerung an die Aussage ihres Vaters: „Barbara ist nicht mehr meine Tochter“. Sie erkaufte sich Selbstbestimmung mit sozialer Ausgrenzung.
Soziale Ausgrenzung
Im Laufe der Zeit hat die Stigmatisierung abgenommen. Sie findet heute aber auf einer anderen Ebene statt. „Nachteile gibt es vor allem auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt“, so Leonie Wimmer. „Vermietende Personen interessieren keine Schufa-Einträge oder das Einkommen. Die hören ‚alleine mit drei Kindern‘, und ich kann die Wohnung vergessen.“ Sie könne es sich nicht leisten, krank zu sein. „Es muss trotzdem alles weiterlaufen, auch wenn es mir nicht gut geht. Da bleibt kaum Zeit, sich zu erholen“, so Wimmer weiter. Auch statistisch gesehen haben Alleinerziehende ein höheres gesundheitliches Risiko, so bestätigen es mehrere Studien, zuletzt die GEDA-Studie des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2023.
Auch Barbara Leiber erinnert sich daran, dass Kranksein unmöglich war. Als Arzthelferin arbeitete sie damals in einer Donaueschinger Praxis. Für die geplante Operation ihres Sohnes beantragte sie vier Tage Urlaub. „Der Antrag wurde mir gestrichen und selbst die Krankschreibung des Kinderarztes nicht akzeptiert. Stattdessen erhielt ich eine Abmahnung.“
Ohne Netz und doppeltem Boden
„Ich habe mich gefühlt wie eine Seiltänzerin. Doch während alle anderen mit einem doppelten Netz abgesichert wurden, hat das Netz bei mir gefehlt“, berichtet Leiber. Die Erwartungen von allen Seiten seien enorm gewesen. „Was auch immer schiefgeht, es ist die familiäre Situation, die dafür verantwortlich ist“, so Leiber weiter. Leonie Wimmer berichtet ebenfalls von einem hohen gesellschaftlichen Erwartungsdruck. „Als Alleinerziehende wird man nicht mehr komisch angesehen. Gleichzeitig ist die Erwartungshaltung der Gesellschaft, dass man alles genauso hinbekommt und nichts vergisst, da wird kein Unterschied gemacht zu normalen Familien“, so Leonie Wimmer weiter. „Es gab eine Zeit, da hatte ich meinen Opa in der Pflege und einen Minijob nebenher. Und das Arbeitsamt sagte mir, ich müsste mein Kind in Vollzeitbetreuung geben und meinen Opa in die Tagespflege, damit ich Vollzeit arbeiten gehen kann“, berichtet die 38-Jährige.
Entlastung erhalten
Doch es gibt auch Möglichkeiten, Entlastung zu erhalten. Die 38-Jährige bezieht derzeit Familienhilfe. Diese unterstützt durch regelmäßige Begleitung im Alltag und wird über das Jugendamt finanziert. „Ich habe gelernt, Hilfe ohne Scham einzufordern, auch von meinem Umfeld“, sagt Wimmer. Auch die Organisation des Unterhalts habe sie an das Jugendamt ausgelagert. „Die kümmern sich jetzt darum, und ich habe eine Streitigkeit mit dem Vater weniger“, erzählt sie.
„Glücklicherweise war ich auf äußere finanzielle Hilfe nicht angewiesen“, sagt Baraba Leiber. Der Gang zum Jugendamt sei in den 1980er-Jahren zudem schambehaftet gewesen. Dennoch habe sie es geschafft, sich ein gutes Leben für sich und die Kinder zu erarbeiten und ihren Ausgleich in ihren Hunden zu finden. „Mein Tagesgebet zu dieser Zeit war ‚Lieber Gott, erhalte mir mein sonniges Gemüt‘“, sagt Barbara Leiber. „Und Gott hat mich erhört. Jetzt, mit 74 Jahren, kann ich die Zeit mit den Enkeln doppelt genießen.“
„Mein autistischer, zeitweise unbeschulbarer Sohn geht jetzt auf das Gymnasium“, sagt Leonie Wimmer. „Dass meine Kinder gut und gesund aufwachsen, ist mein Verdienst, das macht mich sehr stolz.“
Fakten und Zahlen
Laut Statistischem Bundesamt
waren 2023 etwa drei Millionen Elternteile alleinerziehend, Mütter machen dabei einen Anteil von fast 75 Prozent aus. Alleinerziehende müssen Belastungen stemmen, die sonst auf mehrere Schultern verteilt werden, das hat Auswirkungen. So sind 41 Prozent der alleinlebenden Erwachsenen mit Kind armutsgefährdet. Bei Zwei-Eltern-Haushalten sind es nur acht Prozent.