Die Enttäuschung nach dem Scheitern im Play-off-Halbfinale ist riesig beim entthronten Meister – und trotzdem haben die Verantwortlichen des Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart ihren Kampfgeist nicht verloren: Sie wollen in der nächsten Saison neu angreifen.
Kurz nach dem Ende des Spiels begann das große Aufräumen. Das Netz wurde abgebaut, die LED-Bande deinstalliert, die Bodenwerbung aufgerollt. Und zuletzt holten die fleißigen Helfer die Banner mit den Porträts der Volleyballerinnen, die bei jeder Partie unter der Decke hängen, herunter. Irgendwann am späten Abend lagen Spielfeld und Tribüne der Scharrena dann im Dunkeln. Ein paar Meter weiter, im Vip-Raum, war zu dieser Zeit von den Spielerinnen und Verantwortlichen von Allianz MTV Stuttgart öfter der selbe Satz zu hören: „Wir sind fertig!“
Dabei ging es allerdings nicht um die Aufräumarbeiten in der Halle. Sondern um die Gefühlslage nach dem 1:3 (18:25, 25:23, 24:26, 21:25) im entscheidenden dritten Duell der Halbfinalserie gegen den Dresdner SC – und dem Saison-Aus. Erstmals seit zehn Jahren finden die Finalpartien um die Meisterschaft ohne Titelverteidiger Allianz MTV Stuttgart statt, der zudem die Champions League verpasste und nächste Saison auch nicht um den Supercup spielen wird. „Seit ich Geschäftsführer bin, habe ich so etwas noch nicht erlebt“, sagte Aurel Irion, „das ist nicht einfach zu verkraften.“ Und Trainer Konstantin Bitter meinte: „Ich spüre eine große Leere. Es tut mir leid für die Spielerinnen, und es schmerzt mich für den Verein.“ Der nur ein Jahr nach dem Triple-Gewinn 2024 seine Vormachtstellung im deutschen Volleyball wieder verloren hat.
Zweimal eine klare Führung verspielt
Dabei hätte es auch anders kommen können. Schon vor einer Woche in Dresden lagen die Stuttgarterinnen klar in Führung, und auch im dritten Duell verspielten sie einen deutlichen Vorsprung. 17:10 lag der Favorit beim Stand von 1:1 im dritten Durchgang vorne, beim 24:22 wurden zwei Satzbälle vergeben. „Wir haben zu viele einfache Fehler gemacht, das war bitter“, meinte der Chefcoach, „in der ganzen Saison ist es uns nicht gelungen, uns aus schlechten Phasen schnell genug herauszuarbeiten. Der Dresdner SC hat in den letzten beiden Spielen eine gute Leistung gezeigt – aber wir haben unseren Gegner auch zweimal stark gemacht. Wir waren nicht effizient genug, haben zu oft das Momentum nicht genutzt.“ Auch weil es im dritten Spiel an Durchschlagskraft fehlte.
Krystal Rivers, die überragende Diagonalangreiferin, hatte gesundheitliche Probleme, saß in der Scharrena nur auf der Bank. „Sie ist ein Kämpferin“, sagte Kollegin Maria Segura Pallerés, „umso mehr hat sie uns gefehlt.“ Ihre Vertreterin Pauline Martin, die nächste Saison die Nummer eins im Diagonalangriff sein wird, spielte zwar nicht schlecht, konnte die US-Amerikanerin aber nicht gleichwertig ersetzen. „Es wäre unfair, die beiden miteinander zu vergleichen“, erklärte Konstantin Bitter, „Pauline Martin hat diese Saison schon unfassbar gute Spiele gemacht. Sie kann mehr, als sie in diesem Halbfinale unter großem Druck gezeigt hat, sie wird uns noch viel Freude bereiten.“ Davon ist auch Aurel Irion überzeugt, zugleich meinte er jedoch: „Ich bin mir sicher, dass wir mit einer gesunden Krystal Rivers gegen Dresden gewonnen hätten. Aber sie war halt nicht gesund.“
Alexander Waibl rechnet weiter mit Allianz MTV Stuttgart
Weshalb sich die drei Vereinslegenden Roosa Koskelo (33), Maria Segura Pallerés (32) und Krystal Rivers (30) nicht mit dem erhofften letzten Titel in den sportlichen Ruhestand verabschiedeten, sondern mit vielen Tränen und einer bitteren Niederlage. Nach der sich die Frage stellte, wie gut Allianz MTV Stuttgart für die Zukunft aufgestellt ist? Alexander Waibl geht davon aus, dass sich der Konkurrenzkampf an der Spitze der Bundesliga nicht merklich verändern wird. „Natürlich bedeuten die Abgänge von drei so großen Spielerinnen eine Zäsur“, sagte der Trainer des Dresdner SC über die Lage bei dem Club, den er einst in die Bundesliga geführt hat, „aber Stuttgart ist ein guter und etablierter Volleyball-Standort, der auch nächste Saison wieder eine starke Mannschaft haben wird.“ Davon gehen auch die Architekten des neuen Kaders aus.
Aurel Irion erinnerte im Moment der Enttäuschung daran, dass das aktuelle Team gut genug aufgestellt gewesen sei, um drei Titel zu holen, im Pokal und in der Meisterschaft aber trotzdem vorzeitig gescheitert sei. „Am Ende war doch zu merken, dass die eine oder andere ihren Zenit überschritten hat“, sagte der Geschäftsführer, „künftig werden wir zwar etwas kleine Brötchen backen müssen, doch ich bin sicher, dass unsere Mannschaft auch nächste Saison stark genug sein wird, um oben mitzuspielen.“ Das deckt sich mit der Einschätzung des Trainers. „Es gibt große Veränderungen, wir werden etwas Zeit brauchen“, sagte Konstantin Bitter, „doch wir wollen zurückschlagen und neu angreifen.“ Mit weiterhin hohen Zielen.
Bitter sprach jedenfalls davon, dass der Verein auch nächste Saison den Einzug in die Finalserie anstrebe und ambitioniert in den (zweitklassigen) europäischen CEV-Cup starte. „Die Dominanz von Allianz MTV Stuttgart ist erst mal vorbei, aber wir wollen uns die dafür nötige Mentalität und Kultur neu erarbeiten“, erklärte der Trainer des entthronten Meisters, „wenn uns das gelingt, dann können wir uns mit allen Kontrahenten messen.“ In der nächsten Saison, wenn die große Leere längst Vergangenheit ist. Und in der Scharrena die Porträts von vielen neuen Spielerinnen unter der Decke hängen.