Mit Anlagen wie dieser wird bei der Tiefengeothermie in die Erde gebohrt, um dort warme Wasservorkommen anzuzapfen. Foto: Archiv

Um die Abhängigkeit von Energie aus Russland zu reduzieren und den Klimaschutz voranzutreiben, könnte Geothermie eine Lösung sein. Immer mehr Firmen interessieren sich für die umstrittene Technologie. Auch für den Ortenaukreis ist sie Thema.

Offenburg - Mehr als 150 Aussteller aus ganz Europa kommen am 2. und 3. Juni nach Offenburg zur 15. Auflage der Geothermiemesse "Geotherm". "Es gibt ein reichhaltiges Vortragsangebot", kündigte Projektleiterin Anja Kurz auf der Pressekonferenz an. Die Messe, die sich vorwiegend an das Fachpublikum richte, werde an beiden Tagen jeweils einen Kongress zu den Themen Tiefengeothermie und oberflächennahe Geothermie veranstalten.

"Das Thema ist sehr aktuell geworden", erläuterte Ingrid Stober von der Universität Freiburg, die auch im Landesforschungszentrum für Geothermie mitwirkt. Der Krieg in der Ukraine habe deutlich gemacht, dass Deutschland unabhängiger von Energie-Importen aus Russland sein möchte. Doch Stober ist sich bewusst, dass die Technologie in der Bevölkerung umstritten ist. Bohrungen in der Tiefe können zu Erdbeben führen – so geschehen im Dezember 2020 bei Vendenheim im Elsass. Diese Beben führten zu Rissen in Gebäuden. Im Dezember 2020 wurden nach dem Beben rund 500 Schäden in der Ortenau gemeldet.

Ängste der Kritiker wurden aufgenommen

Seit Jahren kämpft beispielsweise die "Bürgerinitiative gegen Tiefengeothermie" gegen den Ausbau dieser Technologie am Oberrheingraben. Erst im vergangenen Jahr gab es eine hitzige Debatte über eine solche Anlage in Neuried. "Wir haben Befürchtungen aus der Bevölkerung aufgegriffen und versucht, Fragen zu beantworten", erklärte Stober dazu. Dazu habe ihr Team einen Frage-Antwort-Katalog erstellt, der im Netz unter www.lzfg.de/125.php einsehbar ist. In diesem geht es unter anderem um die Rolle der Tiefengeothermie bei der Energiewende, den Einfluss auf die Umwelt, aber auch Probleme, die auftreten können. Bis zur Messe soll auch eine Broschüre darüber fertig sein, kündigte Stober an.

"Es ist eine große Dynamik entstanden. Große Firmen interessieren sich jetzt für Geothermie", berichtete Horst Kreuter, Geschäftsführer der Firma "Vulcan Energy Ressourcen". Attraktiv sei Geothermie dadurch, dass sie Versorgungssicherheit und stabile Preise bieten könne. Bei der Form der Energie gehe es inzwischen weniger um Strom als um Wärme. Die Stromerzeugung durch Geothermie sieht Kreuter in Form einer "Brückentechnologie bis die Kohlekraftwerke abgeschaltet sind" dennoch als entscheidend an. André Neidhard, Geschäftsführer des Bundesverbands für Geothermie, ergänzte, dass die Technologie "bei konservativen Prognosen" in Deutschland bis 2045 mehr als ein Viertel der Energie durch russisches Gas ersetzen könnte.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für den Klimaschutz könnte die Förderung von Lithium aus den Thermalgewässern sein. "Lithium ist ein wichtiger Rohstoff für die E-Mobilität", betonte Kreuter. Der Oberrheingraben hätte für Lithium das größte Potenzial Europas. Ab 2024 oder 2025 könnte man mit der Förderung beginnen. Dies sei auch ein Grund für das gestiegene Interesse der Energiefirmen.

Dass es in der Ortenau ein großes Potenzial für Tiefengeothermie gibt, wurde nicht nur auf der Pressekonferenz der anstehenden Messe deutlich. Auch im Umwelt- und Technikausschuss des Kreistags am Dienstag wurde das Thema behandelt. Dort ging es um das Klimaschutzkonzept für den Ortenaukreis und konkret um den Ausbau erneuerbarer Energien (wir berichteten).

"Wenn man nicht so tief bohrt, nicht mit den starken Drücken arbeitet, können Schäden vermieden werden. Das hat mittel- oder langfristig großes Potenzial", kommentierte Nikolas Stoermer, erster Landesbeamter des Kreises. Vor allem für Wärme nehme man die Technologie in den Blick.

Landrat Frank Scherer nahm Bezug auf das Expertengutachten über das Beben in Vendenheim im Jahr 2020. Dieser ergab, dass der Fehler bei der Firma lag, die das Risiko unterschätzt habe und laut Bericht mit zu hohem Druck bohrte. Bereits im Vorfeld habe sich die Firma zu wenig Informationen über die Beschaffenheit des Untergrunds eingeholt. Auf den Punkt brachte das Thema Heinz Rith (CDU): "Natürlich hat die Firma Fehler gemacht. Aber die Überwachung durch die zuständigen Behörden gehört dazu". Das Ergebnis des Berichts sollte man nutzen, um zu analysieren, wie man bei Geothermieprojekten Schäden der Allgemeinheit vermeiden kann.

So funktioniert die Technik

In etwa drei Kilometern Tiefe ist das Wasser im Oberrheingraben teilweise bis zu 165 Grad heiß. Die Wasserreservoirs werden bei der Tiefengeothermie angebohrt. Das heiße Wasser wird an die Oberfläche gepumpt, wo es dann zur Stromerzeugung genutzt werden kann oder dem Wärmenetz hinzugefügt wird. Das abgekühlte Thermalwasser wird wieder zurück unter die Erde geleitet, wo es sich erneut aufwärmen kann. Die Geothermie zählt dadurch neben Wind-, Wasser oder Solarkraft zu den erneuerbaren Energiequellen und funktioniert wetterunabhängig und ohne CO auszustoßen.