Josef Schnell ist seit Jahrzehnten als Alleinunterhalter auf der Alb und in Oberschwaben unterwegs. Was treibt ihn an?
Um auf einem Dorf auf der Schwäbischen Alb berühmt zu werden, gab es im vergangenen Jahrhundert nur wenige Möglichkeiten, eigentlich nur zwei: Man kickt oder rennt so gut, dass man die anderen schnell hinter sich lässt. Oder man macht Musik und steht jedes Wochenende im Glitzerjackett auf den Bühnen der Festzelte. In den 70er- und 80er-Jahren tingelten Dutzende von regionalen Bands mit ihren Musikern über die Dörfer. Dort machten sie Livemusik und möglichst mit den allerneuesten Schlagern. Einer dieser Nomaden der Volkskultur war und ist Josef Schnell. Seine Freunde und Fans nennen ihn Joschi, und das passt gut zu dem kräftigen Mann.
An der Wand hängt sein Meisterbrief
Er bittet den Reporter ins Büro. Wie für die allermeisten Musikanten dieser Ära war Musik für ihn eine Nebensache, wenn auch eine gewaltige. Ihr Brot verdienten die Wochenend-Bands anderswo. Schnell baute Möbel, er ist Schreinermeister. An der Wand des Büros hängt sein Meisterbrief und der des Sohnes, der den Betrieb übernommen hat. Sein Vater hilft mit. „Ich mache viel Planung und Verwaltung“, sagt er und zeigt auf etliches Papier.
Früher standen seine Instrumente ebenfalls im Wohnhaus. Dann beschwerte sich ein Mieter über das, was er als Lärm empfand. Also suchte der musikverliebte Schreiner ein anderes Domizil auf dem weitläufigen Gelände seines Betriebs. Er zog mit Verstärker, Lichtanlage und Mikrofonen in einen Raum neben der Garage um. Dort übt er seine Programme ein, denn er weiß: Üben muss man immer.
Klassiker von der rauen Alb
Das hängt auch mit seinem Programm zusammen. 1000 Titel hat er sich im Lauf von fünf Jahrzehnten draufgeschafft. Viele gelten heute als Oldies, andere als Klassiker. Er hat sie gespielt und gesungen. Als er 1968 in der Vier-Mann-Band The Comets anfing, war das noch ziemlich handgemacht und mühsam. Er erzählt: „Unsere Frauen saßen vor dem Radio. Wenn ein neues Lied gespielt wurde, nahmen sie es mit einem Tonbandgerät auf.“ Abends kam er aus der Werkstatt und hörte die Aufnahme wieder und wieder ab. Erst der Text, dann spielten The Comets den Titel nach – frei und nach Gehör. Allein das ist eine Leistung. „Wir wollten aktuell sein“, sagt Schnell. „Wenn der Song am Montag im Radio spielte, mussten wir ihn am folgenden Wochenende draufhaben.“
Auf dem Heuberg, der südwestlichen Flanke der rauen Alb, war das eine Ansage. Zumal in Schwenningen, jenem Ort, der immer einen Satz wert ist. Das badische Schwenningen (nicht zu verwechseln mit VS-Schwenningen) ist wie das kleine gallische Dorf, das sich tapfer behauptet im Sturm der Zeiten. Der Ort, 1667 Einwohner, liegt auf dem Heuberg. Die Ecke gilt als besonders kalt. Erst südlich von Schwenningen fallen die Magerwiesen auf der windigen Ebene Richtung Donautal ab, wo es spürbar wärmer wird. Josef Schnell hat sein Nest in Schwenningen gebaut. Schon sein Vater schreinerte dort Eckbänke und Buffets für die kleinen und heute großen Einfamilienhäuser auf diesem dünn besiedelten Teil der Schwäbischen Alb. Dort, wo der Quadratmeter Bauland 95 Euro kostet.
Hinter vielen Häusern mit den zur Alb offenen Hintergärten steht noch altes landwirtschaftliches Gerät, es grasen Kleintiere. In der örtlichen Bäckerei Remensperger treffen sich rüstige Rentner, die für eine Stunde oder zwei vor dem häuslichen Kampfeinsatz fliehen. Im Tarnfleck sprechen sie über Gott und die Welt aus Sicht des Heubergs. „Wenn d’r Strom weg isch und nint me rennt, dann lauft mei‘ Traktor no immer“, sagt einer. Alle nicken, offenbar hat jeder hier eine solche Ratterkiste im Schopf stehen.
An schmalen Stehtischen nippen die Hobby-Maschinisten ihren Kaffee. Am Tresen der Bäckerei kaufen derweil Hausfrauen noch schnell ein Brot ein. Das Mittagessen muss ja pünktlich auf dem Tisch stehen. Sie zahlen und sind schon weg, während die Mannsbilder fröhlich weiter dozieren und inzwischen beim Thema Renten angelangt sind. Das Küchenwesen ist da oben fest in Frauenhand, noch.
Der Herrgott schaut auf Hobelbank, Holzlager und die große Säge herab
Vom Mittagessen schwärmt auch Josef Schnell. Bis halb eins maximal habe er Zeit, sagt er beiläufig. Dann wird auch er zu Tisch eilen. Aus der Küche hört man bereits metallisches Hantieren. Also flugs in die Werkstatt, die der Handwerker gerne vorführt.
Alles sauber aufgeräumt, man könnte hier auch einen Yoga-Kurs veranstalten, ohne dass die Matten stauben. An der Wand hängt ein expressives Kruzifix. „Wir sind hier katholisch“, bemerkt Schnell. Den Korpus kaufte er in Oberammergau. So schaut der Herrgott auf Hobelbank, Holzlager und die große Säge herab, die die Werkstatt in Schwingung versetzt.
Wie seinen Brotberuf hat er auch die Musik von der Pike auf gelernt. Mit zwölf Jahren schickte man ihn in den Schwenninger Musikverein. Dort durfte er Trompete lernen. Das waren seine Lehrjahre in der Blasmusik, mit Märschen und Volksmusik wuchs er auf. Wirklich auffallen konnte er damit nicht. Eine Dorfkapelle ist ein Kollektiv. Er wollte mehr, also trat er mit 18 Jahren und gerade volljährig den Comets bei und sattelte auf E-Bass um. Die Grundgriffe zeigte ihm ein Kumpel von der Band. Den Rest lernte er durch Probieren und Üben.
Als klassische Coverband spielten die Comets anfangs noch viel Rock, kamen aber schnell davon ab und bauten fortan eher auf Musik von Schlagergruppen wie den Flippers. Im Rückblick sagt Schnell: „Du musst bringen, was das Publikum hören will.“
Eine Silberhochzeit ist keine Rock-Nacht
In ihren Glanzzeiten absolvierten die The Comets 150 Auftritte pro Jahr; es gab Stoßzeiten mit bis zu fünf Gigs pro Woche – und das alles neben der Schreinerei her. „Damals lebte noch der Vater“, sagt Schnell, „der hat viel aufgefangen.“
Dann der Sprung in die musikalische Selbstständigkeit. Josef Schnell ging jetzt als Alleinunterhalter unter die Leute. Als „Singender Schreiner“ zog er zunächst über die Wirtshaussäle auf dem Heuberg und in Oberschwaben. Eigentlich wollte er das gar nicht, nachdem er die Combo verlassen hatte. „Eines Tages ruft mich ein Wirt an. Sie brauchen einen für eine Silberhochzeit“, berichtet er schmunzelnd. Der Auftrag war überschaubar, eine Silberhochzeit ist keine Rock-Nacht. Er nahm an und es lief gut. Da hat er Lunte gerochen. Fast 40 Jahre lang war er mit Schunkelrunden und Schnulzen über die Lande gezogen. Von Ulm bis zum Schwarzwald reichte sein Radius, der musizierende Holzmensch zog die Leute an.
Hansi Hinterseer hat es ihm angetan
Doch bald erschien ihm die Werbung mit dem „Singenden Schreiner“ als zu bieder. Es gibt bereits genug singende Wirte, dachte er sich, die sich zwischen Schorle und Jägerschnitzel von den Gästen loben lassen. Ein neuer Slogan musste her. In seinem nächsten musikalischen Lebensabschnitt nennt er sich „Joschi, der singende Heubergtiger.“
Natürlich muss alles stimmen, wenn die Latte so hochgelegt wird. Josef Schnell baute erneut sein Repertoire aus. Dabei schaute er dem Publikum immer aufs Maul. „Die Laute kamen und fragen: Kennsch’d du des Lied?“ Er kannte es nicht und sah zu, dass er es beim nächsten Mal darbieten kann.
Der Tiger vom Heuberg ist kein Herdentier, er machte fortan alles selbst: Er spielte Keyboard, zu dem er von der Bassgitarre gewechselt war; er singt von Heino bis Country, reguliert den Farbwechsel seiner Lichtmaschine und regelt das Mischpult.
Der Alleinunterhalter ist erst einmal allein, bevor er Hunderte von Menschen unterhalten kann. Bis zu 2000 Leute, berichtet er, hingen in den besten Zeiten an seinen Lippen. Das war sein größter Erfolg rein von der Menge her. Die Gage investierte er in neue Ausrüstung, in Elektronik und neuen Soundmix. In seiner Probekammer steht tatsächlich aktuelles Gerät, mit dem man jederzeit übers Land ziehen könnte. Sein Repertoire hält die Nase im Trend. Rein persönlich hört und spielt er gerne Titel von Andrea Berg. Oder von Hansi Hinterseer, dem singenden Schneelöwen.
Corona stürzten ihn in eine Krise
Doch derzeit werden das Keyboard und das restliche Geschirr kaum bedient. Der Heubergtiger ist ein wenig müde geworden. Mit seinen 96 Kilogramm fühlt er sich nicht wirklich wohl, früher war er leichter und kräftiger. Er führt das auf das einprägende Ereignis zu Beginn dieses Jahrzehnts zurück: Die Coronakrise warf ihn und seine Musik mächtig zurück. Nicht nur, dass die bereits gebuchten Auftritte ins Wasser fielen. Er sei seitdem nicht mehr die alte Wildkatze, die am Keyboard die Krallen ausfährt. Corona bedeutet für ihn nicht nur, dass zahlreiche geplante Auftritte ausfielen. Er leidet bis heute unter den Spätfolgen der Epidemie.
Jetzt will es Schnell noch einmal wissen
Es drängt ihn wieder auf die Bühne. Er ist 76 Jahre alt, na und? Wenn er die Zeitung aufschlägt und dort die Bilder gut gealterter Rockmusiker betrachtet, denkt er sich: Die können es noch. Und haben vermutlich nicht so vernünftig gelebt wie er. Josef Schnell hatte für After Partys weder Zeit noch Verlangen. Nach den Auftritten baute er flugs ab, alleine. Dann setzte er sich ins Auto und fuhr zurück auf den Heuberg. Da lagt die Frau schon lange „im Nescht“, wie es auf der Alb heißt.
Nach Trompete, E-Bass und Elektroorgel hat er sich ein viertes Instrument angelacht. Stolz zeigt er auf seine Steirische Harmonika mit vielen perlmuttfarbenen und metallglänzenden Knöpfen. „Die ist gar nicht so einfach zum Spielen“, sagt er. Ein Instrument ohne Elektronik, ohne Spielhilfen. Schnell zeigt einige Griffe und zieht den Blasebalg auf. Die Steirische keucht und pfeift, macht Musik zum Herzwärmen.
Der Musikant schaut auf die Uhr. Seine Frau wartet mit dem Mittagessen, ahnt er. Natürlich will er sie nicht warten lassen. Von der Küche zieht ein gnädiger Duft herunter, eindeutig Kartoffelpüree und selbst gemacht. Josef Schnell verpackt seine Instrumente, löscht das Licht, verabschiedet sich. Musik ist das eine, ein geregelter Tagesplan das andere.