Man wird gefragt: „Können wir Ihre Frau erreichen?“ Foto: nzebizjan

Alleinerziehende Männer müssen mit vielen Vorurteilen leben. Väter-Coach Carsten Vonnoh sagt, was sich ändern muss.

A lleinerziehende Väter werden bewundert und zugleich kritisch beäugt. Väter-Coach Carsten Vonnoh erklärt, warum Männer als primäre Bezugspersonen oft unterschätzt werden – und wie sich Vaterschaft gerade verändert.

 

Herr Vonnoh, mit welchen Vorurteilen werden alleinerziehende Väter konfrontiert?

Alleinerziehende Väter erleben ein paradoxes Bündel von Vorurteilen: Einerseits ist da die Annahme, dass sie es nicht richtig können – besonders bei jüngeren Kindern wird ihnen oft unterstellt, emotional weniger feinfühlig oder im Alltag weniger kompetent zu sein. Andererseits werden sie als Helden gefeiert, wenn sie exakt das tun, was von Müttern selbstverständlich erwartet wird. Das tieferliegende Vorurteil ist: Männer seien grundsätzlich die zweite Wahl als primäre Bezugsperson. Das zeigt sich in Kita-Gesprächen („Können wir Ihre Frau erreichen?“), bei Behörden und auch im Familienrecht. Hinzu kommt der Verdacht, dass etwas mit der Mutter nicht stimmen könne, wenn die Kinder beim Vater leben – eine Unterstellung, die alleinerziehende Mütter so gut wie nie erleben.

Wie sieht es neben dem Mental Load mit der finanziellen Verantwortung aus?

Das kommt noch hinzu. Alleinerziehende Väter stehen unter demselben Versorgerdruck wie andere Männer – die gesellschaftliche Erwartung, wirtschaftlich zu performen, verschwindet nicht, nur weil sie jetzt auch die Care-Arbeit allein stemmen. Das ist ein strukturelles Dilemma: Sie sollen beiden Rollen gerecht werden: dem Ernährer und der fürsorgenden Bezugsperson – haben aber dieselben 24 Stunden wie alle anderen auch. Alleinerziehende Mütter haben oft ähnliche ökonomische Herausforderungen, aber nicht denselben gesellschaftlichen Druck, ihre Identität über Erwerbsarbeit zu definieren. Väter hingegen erleben oft eine innere Zerrissenheit: Reduzieren sie für die Kinder, gelten sie schnell als ,nicht mehr ambitioniert‘. Bleiben sie im Vollzeit-Job, sind sie daheim ,nicht präsent genug‘. Dieser doppelte Anspruch wird kaum anerkannt.

Familienberater Vonnoh über generellen Missbrauchsverdacht: „Männer mit Kindern stehen unter latenter Beobachtung.“ Foto: Katharina Kraus

Gibt es weitere Vorurteile gegenüber alleinerziehenden Vätern?

Ja, die gibt es durchaus. Da wäre einmal der Missbrauchsverdacht. Männer mit Kindern – besonders mit Töchtern – stehen unter latenter Beobachtung. Körperliche Nähe, Umkleidesituationen und Übernachtungspartys werden kritischer beäugt als bei Müttern. Dieses implizite Misstrauen ist für viele Väter verletzend und schränkt ihre natürliche Beziehung zu den Kindern ein.

Werden Väter und Kinder von der Gesellschaft also nicht als „komplette Familie“ angesehen?

Genau. Das Narrativ ,Du brauchst eigentlich eine Frau‘ hält sich hartnäckig. Als Mann alleinerziehend zu sein, wird nur als Übergangssituation betrachtet. Da ist die Erwartung, dass Alleinerziehung temporär ist – bis eine neue Partnerin kommt oder die Kinder älter sind. Diese Lebensform wird nicht als legitime Familienform anerkannt. Da ist die Annahme, dass ein Mann allein keine vollständige Familie bilden kann – dass es zwingend eine weibliche Ergänzung braucht für Haushalt, Emotionen oder weibliche Pubertät. Das streitet nicht nur väterliche Kompetenz ab, sondern auch die Lebensrealität vieler funktionierender Ein-Eltern-Familien. Zudem werden ihnen oft egoistische Motive unterstellt. Anders als bei Müttern wird Vätern häufig unterstellt, strategisch zu handeln: ,Will nur Unterhalt sparen‘ oder ,Nutzt die Kinder als Waffe gegen die Ex‘. Ihre Elternschaft wird als taktischer Schachzug gelesen, nicht als ehrliche Fürsorge.

Werden Väter also kollektiv als inkompetent betrachtet?

Ja, vor allem wird ihnen häufig emotionale Inkompetenz unterstellt. Das ist besonders schmerzhaft, weil es das Herzstück von Elternschaft betrifft. Die Annahme, Väter könnten mit kindlichen Gefühlen, Ängsten oder Konflikten nicht umgehen – und bei Töchtern erst recht nicht –, ignoriert, dass viele Väter heute bewusst an ihrer emotionalen Präsenz arbeiten und auch viele Mütter diese Ebene der Beziehung ebenfalls erst erlernen.

Im Gegensatz zu Müttern werden Väter oft gefeiert, wenn sie Care-Arbeit leisten, beispielsweise allein Kinderarzttermine organisieren und oder auf dem Spielplatz aufs Kind aufpassen. Gibt es einen „Väter-Bonus“?

Ja, den gibt es – und er ist ein perfektes Beispiel für wohlwollenden Sexismus. Väter werden für Basisarbeit bewundert, die bei Müttern unsichtbar und wenig wertgeschätzt bleibt. Ein Vater mit Kind im Supermarkt erntet bewundernde Blicke, eine Mutter Gleichgültigkeit. Das ist einerseits angenehm, andererseits wird man als Vater, für den das selbstverständlich ist, dadurch nicht als vollwertige primäre Bezugsperson ernst genommen. Der Väter-Bonus verdeckt auch reale Probleme: Weil Väter so viel Lob bekommen, wird übersehen, dass viele strukturell benachteiligt sind – bei Beratungsangeboten, Vernetzung oder beim Zugang zu Hilfsangeboten, die fast ausschließlich auf Mütter zugeschnitten sind. Der Bonus ist letztlich Ausdruck tief sitzender Erwartungen: Wir staunen über Väter, weil wir ihnen weniger zutrauen und weil wir die sich stark verändernde Präsenz von Vätern noch nicht ausreichend wahrnehmen.

Wächst der Anteil alleinerziehender Väter, weil Väter präsenter sein wollen?

Absolut. Wenngleich ich gerne unterscheide zwischen getrennterziehend und wirklich alleinerziehend. Viele Väter übernehmen weit überdurchschnittlich viel Verantwortung, es gibt aber immer noch eine Mutter, die die Verantwortung zumindest teilweise mitträgt. Hier gibt es nicht selten eine Diskrepanz zwischen den rechtlichen Rahmenbedingungen und der gelebten Praxis. Ich sehe in meiner Arbeit deutlich: Eine wachsende Zahl von Vätern will nicht mehr nur Wochenend-Papa nach einer Trennung sein. Sie wollen vollwertige Elternschaft leben – und sind bereit, dafür auch Karriereeinbußen in Kauf zu nehmen. Das ist ein massiver kultureller Wandel, mit allen Anpassungsschwierigkeiten, die das bedeutet.

Wie hängt das mit modernen Rollenbildern zusammen?

Moderne Rollenbilder spielen eine große Rolle, aber es ist komplexer: Väter, die heute 30 bis 45 Jahre alt sind, hatten oft selbst abwesende Väter. Viele wollen es anders machen und die emotionale Lücke nicht weitergeben, ihnen fehlt aber nicht selten noch das Repertoire und die Möglichkeiten, sich auszutauschen. Gleichzeitig haben Männer nach wie vor Schwierigkeiten, die Wertigkeit von Care-Arbeit bei sich selbst und bei Müttern ähnlich wert zu schätzen wie allgemeine Lohnarbeit. Diese Diskrepanz ist schon lange für viel Frust und Einsamkeit bei Müttern verantwortlich. Allerdings: Das System hinkt hinterher. Väter, die präsent sein wollen, stoßen auf Strukturen, die für das alte Modell gebaut wurden – vom Elterngeld bis zur Kita-Kommunikation. Wir brauchen nicht nur neue Rollenbilder, sondern auch neue Strukturen. Und das bedeutet auch, dass kommunale und betriebliche Strukturen, Väter – insbesondere alleinerziehend und in Trennung – als Zielgruppe bewusst im Blick haben.

Der Väter-Coach

Carsten Vonnoh,
1981 in Thüringen geboren, ist Vätercoach, systemischer Familienberater und Autor von „Up to Dad“. Er begleitet Väter bei Fragen rund um Trennung und Überforderung, Rollenkonflikten. Zudem unterstützt er Organisationen wie Unternehmen, Hochschulen und Kommunen dabei, zeitgemäße und wirksame Väterangebote aufzubauen und zu stärken. Vonnoh studierte Politische Wissenschaft und Psychologie an der Universität Heidelberg. Er lebt in der Nähe von Weimar und ist getrennterziehender Vater von zwei Kindern.

Hier erhalten Betroffene Unterstützung:

Verband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. (VAMV): https://vamv.de

Jugendämter der Kommunen – unterstützen bei Fragen zu Unterhalt, Sorgerecht, Kinderbetreuung und finanzieller Hilfe wie dem Unterhaltsvorschuss.

Sozialberatungsstellen von Caritas oder Diakonie – bieten kostenlose oder kostengünstige Beratung zu sozialen, psychischen und finanziellen Problemen sowie Vermittlung weiterführender Hilfen.