„Man spricht meist über die Komasaufen-Eskapaden der Jugendlichen, aber tatsächlich sind Erwachsene im Alter von 40 bis 55 ­Jahren eine hochgefährdete Gruppe“, sagt Christa Niemeier von der Landesstelle für Suchtfragen. Foto: dpa

Sind ein Glas Rotwein am Abend oder ein Bier schon erste Anzeichen einer Alkoholsucht? Experten geben Hilfestellungen, woran eine beginnende Sucht zu erkennen ist.

Stuttgart - Viele Menschen trinken Alkohol, um sich zu entspannen und um in bessere Stimmung zu kommen. Doch sind ein Glas Rotwein am Abend oder ein Bier schon erste Anzeichen einer Sucht? Nicht unbedingt, sagt Christa Niemeier. Sie ist die Referentin für Suchtprävention bei der Landesstelle für Suchtfragen und gibt Hilfestellungen, woran eine beginnende Sucht zu erkennen ist.


Alkohol gilt für viele nicht als Droge. Woher kommt es, dass Alkohol oft als weniger gefährlich eingestuft wird, als etwa Marihuana?
Das liegt zum einen daran, dass Alkohol hierzulande schon immer als Genuss- und Rauschmittel galt. Zu unserer Historie gehört die Brauerei, aber auch der Weinbau dazu. Das Bier oder der Wein ist also Teil des Alltags. Das bekommt man schon von Kindesbeinen an vermittelt. Und was als alltäglich gilt, wirkt nicht gefährlich. Hinzu kommt, dass sich auch die Wahrnehmung des Alkohols verändert: Heute vermittelt die Werbung mit alkoholischen Getränken ein bestimmtes Lebensgefühl.

Sind es tatsächlich die Jugendlichen, die am stärksten suchtgefährdet sind?
Man spricht meist über die Komasaufen-Eskapaden der Jugendlichen, aber tatsächlich sind Erwachsene im Alter von 40 bis 55 ­Jahren eine hochgefährdete Gruppe. Im Jahr 2007 hat das Statistische Bundesamt die Fälle von Jugendlichen, die im Krankenhaus aufgrund von Alkohol behandelt werden mussten, und Erwachsenen verglichen, die aus den selben Gründen im Krankenhaus gelandet sind: Waren es bei den Jugend­lichen 3865 so zählten die Experten bei den Erwachsenen 17.200 Fälle.

Wie viel Alkohol ist noch gesund?
Alkohol ist grundsätzlich nicht gesund. Auch das hochgelobte Glas Rotwein, das vor Herzkrankheiten schützen soll, ist im Grunde überflüssig. Es gibt einen Haufen Tees mit der selben Wirkung. Zumindest als gesundheitlich unbedenklich eingestuft werden 20 Gramm Alkohol pro Tag bei Frauen und 40 Gramm Alkohol pro Tag bei Männern. Ein Viertele Wein oder ein halber Liter Bier entsprechen etwa 20 Gramm. Darüber hinaus sollte man ein bis zwei Tage pro Woche ganz auf Alkohol verzichten.

Ab wann gilt man als abhängig?
Das ist bei jedem Menschen anders. Generell gelten aber folgende Kriterien: Ist der Drang, Alkohol zu trinken schon zwanghaft? Kann man selbst noch seinen Konsum kontrollieren? Braucht man immer mehr Alkohol, um in den gewünschten Zustand zu kommen? Gibt es Entzugserscheinungen wie Zittern, aber auch Schlafstörungen und innere Unruhe? Ein typisches Warnzeichen ist auch eine Veränderung des sozialen Lebens, wenn sich Betroffene stark aus der Familie oder dem Freundeskreis zurückziehen.

Was kann ich als Angehöriger tun?
Am besten professionelle Hilfe suchen. Denn Angehörige sind selten in der Lage, objektiv Hilfe leisten zu können. Oft ist die Beziehung schon schwer belastet durch Vorwürfe und auch Gegenvorwürfe. Daher ist es besser, sich an eine Suchtberatung zu wenden. Jede dieser Stellen ist verpflichtet, auch ­Angehörigen von Suchtkranken kostenlos zu helfen. Das ist besonders für Kinder und Jugendliche wichtig, die aus Familien mit einem Suchtproblem kommen. Wir raten daher dazu, stets auch die Kinder zu einer ­Beratung zu schicken. Denn die psychische Belastung für die Jüngsten enorm.

Hilft es, seine Sucht öffentlich zu machen?
Das kann jeder so halten wie er es für richtig hält. Manchen Suchtkranken hilft es zu sagen, dass sie ein Alkoholproblem haben. So ist es für sie einfacher, auf das Trinken zu verzichten. Andere wollen ihre Erkrankung geheim halten, weil sie die Stigmatisierung fürchten. Alkoholabhängigkeit gilt bei vielen nicht als Krankheit, sondern als persönliches Versagen. Das ist aber Quatsch. Es ist eine Sucht und gehört somit zu den psychischen Erkrankungen, die übrigens sehr erfolgreich behandelt werden kann.

Welche Möglichkeiten der Therapien gibt es?
Es braucht nicht immer einen Aufenthalt in einer Entzugsklinik. Man kann sich auch ambulant behandeln lassen – beim Hausarzt und in einer psychosozialen Beratung. Die meisten Suchtkranken probieren erst alleine, vom Alkohol wegzukommen. Das kann funktionieren. Doch sollten körperliche Beschwerden auftreten, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.
Weitere Infos gibt es bei der Landesstelle für Suchtfragen Baden-Württemberg, Telefon 0711/619 67 31, oder im Internet www.suchtfragen.de