„Seine Hemmschwelle wurde immer niedriger“ – so Cornelia Hoppe über ihren Ex-Mann. Foto: Imago/Shotshop/Monkey Business

Es klingt unglaublich: Cornelia Hoppe wuchs als Kind von Alkoholikern auf und heiratete später einen alkoholkranken Mann. Mit uns hat sie über ihre Kneipen-Kindheit auf St. Pauli gesprochen, darüber, was Co-Abhängigkeit bedeutet und wie man da raus kommt.

Es sind die 70er auf St. Pauli. Gestrandete sitzen an den Kneipentresen, und mittendrin wächst Cornelia Hoppe mit alkoholkranken Eltern in bitterer Armut auf. Später scheint sie in der Ehe mit einem Banker ihr Glück gefunden zu haben – bis sie merkt, dass auch ihr Mann trinkt. Wie kann man sich aus so einem Leben befreien?

 

Frau Hoppe, St. Pauli in den 70ern gilt als wild und aufregend – aber als Kind empfindet man das wohl anders?

Es ist kein Ort, um Kinder großzuziehen. Damals lebten dort Zuhälter, Prostituierte, Freier und Matrosen. Gestrandete, die woanders keine Bleibe und kein Zuhause fanden. Im „Goldenen Handschuh“ trieb sich zu der Zeit sogar noch der Serienmörder Fritz Honka herum. Dieses Trinkermilieu war im Grunde eine traurige Gesellschaft.

Wie landete Ihre Familie dort?

Meine Brüder sind zehn und 14 Jahre älter als ich, die haben den sozialen Abstieg der Eltern noch miterlebt, wie mein Vater mit seinem Handwerksgeschäft in die Insolvenz ging. Die Familie zog dann vor meiner Geburt nach St. Pauli, dort konnte jeder eine Wohnung bekommen. Mein Vater, Jahrgang 1919, war schon 50 bei meiner Geburt, meine Mutter zwölf Jahre jünger, sie haben nicht richtig verhütet, so kam ich auf die Welt. Meine Mutter war hoffnungslos überfordert.

Wie zeigte sich das?

Es wurde jeden Tag und jede Nacht geschrien bei uns. An den meisten Nachmittagen nahm meine Mutter mich nach dem Kindergarten mit in eine der Kneipen von St. Pauli. Mein Vater kam oft dazu. In den Gaststätten hatten wir es im Winter immerhin wärmer als zu Hause. Meist waren am Nachmittag alle Plätze am Tresen schon besetzt. Meine Eltern nahmen ihre Stammplätze ein, bestellten jeweils ein kleines Bier und hatten bald auch den ersten Schnaps vor sich stehen.

Was taten Sie als kleines Kind dort?

Mich setzten meine Eltern allein an einen der Tische, meist bekam ich ein paar Blätter und Stifte. Manchmal machten die Gäste auf ihrem Weg zur Toilette bei mir Halt und streichelten mir über den Kopf. Das war wohl nett gemeint, für mich aber ekelhaft. Meine Eltern fanden, ich solle mich nicht so anstellen. Das war für mich alles normal, weil ich es nicht anders kannte.

Wann wurde Ihnen klar, dass andere Kinder nicht so aufwachsen?

In der Schulzeit. Davor war mir nur aufgefallen, dass meine Eltern nicht ansprechbar waren, ich nicht auf den Spielplatz gehen konnte mit ihnen. Sie haben ihr Leben einfach gelebt, ohne mich zu beachten. Meine Brüder zogen damals schon alleine los. Und ich blieb als kleines Kind zurück, hatte keine Wahl.

Haben Ihre Brüder sich gekümmert?

Die haben auf mich geachtet und mich mit großgezogen, waren auch verlässlich. Aber mein älterer Bruder war sehr verwundet von dem, was bei uns zu Hause los war. Er hat sich viel geprügelt mit meinem Vater und ist mit 16 weg von zu Hause. Er hat danach dann harte Jahre gehabt und sich rumgetrieben.

Was hat das für Sie bedeutet?

Schon als Kind habe ich Verantwortung übernommen. Da kehren sich die Rollen um. Was eigentlich das Kind bekommen sollte, gibt das Kind den Eltern. Und die Eltern checken das nicht mal. Es gab aber auch Situationen, in denen meine Mutter liebevoll war. Sie wusste, dass das alles übel war, aber sie konnte nicht anders. Meine Mutter war als Adoptivkind selbst in sehr behüteten, bürgerlichen Kreisen aufgewachsen. Sie war später nicht stark genug, etwas an unserem Leben zu ändern.

Wie haben Sie damals schon Verantwortung übernommen?

Ich tat als Kind alles, damit die Situation nicht an die an die Öffentlichkeit kommt. Ich spielte dieses Spiel also mit. Was natürlich Quatsch ist, jeder merkt das doch sofort. So lernte ich zu lügen, die Lehrer zu belügen zum Beispiel. Auch den Haushalt zu führen und mir selbst was zu essen zu machen lernte ich. Wenn es meiner Mutter nicht gut ging, weil sie einen Kater hatte, nicht zur Arbeit konnte, blieb ich auch zu Hause, um ihr zu helfen oder sie zu pflegen.

Sie haben nie jemandem gesagt, wie schwierig es zu Hause war?

Die Eskalationen habe ich nie nach außen getragen. Das ist das klassische Verhalten in einer Co-Abhängigkeit. Man unterstützt den Abhängigen. Alles kreist um die abhängige Person, alle anderen bleiben auf der Strecke oder in der eigenen Entwicklung zurück. Was meine Bedürfnisse waren, musste ich hinten anstellen.

Um den „Goldenen Handschuh“ auf St. Pauli ranken sich viele Geschichten. Foto: Imago/imageBROKER

Trotz dieser Vergangenheit haben Sie später einen Alkoholiker geheiratet.

Das wusste ich ja am Anfang nicht. Alkohol kann die Persönlichkeit stark verändern. Ein liebevoller, charmanter Mensch mutiert mit dem Alkoholmissbrauch, kann sich zum Monster entwickeln, plötzlich hasserfüllt sein. Gegenüber seinen Liebsten hat er sich nicht mehr unter Kontrolle. Meiner Mutter war dann alles nur noch egal, und genau da habe ich Parallelen gesehen zu meinem damaligen Mann Andreas. Diese Aggressivität und die Ausraster, von null auf hundert, es gibt keine Impulskontrolle mehr. Da ähneln sich alle Alkoholiker.

Wie läuft so etwas dann ab?

Der Alkoholiker rastet aus wegen Nichtigkeiten, man kriegt Angst vor ihm, schreckt zurück und kann nicht mehr selbstbewusst auftreten, weiß nicht, was im nächsten Moment passiert. Wird er ausfallend oder gar handgreiflich? Man will eine weitere Eskalation dann vermeiden.

So etwas kam öfter vor mit Ihrem Mann?

Einmal waren wir mit unseren kleinen Töchtern im Skiurlaub. Andreas hatte Probleme mit der Schulter und konnte nicht selbst fahren, ruhte sich die meiste Zeit im Hotel aus. Zum Mittagessen wollten wir uns in einem Hüttenrestaurant treffen. Meine zwei Töchter waren vom Skifahren müde und hungrig, daher brauchte ich mit ihnen lange für die Abfahrt zur Hütte. Wir kamen bestimmt zwanzig Minuten zu spät zum Treffpunkt. Andreas saß auf der Terrasse, hatte ein Weizenbier vor sich stehen. Als wir schwitzend und keuchend unsere Ski abgestellt hatten und auf ihn zu kamen, empfing er uns mit dem Satz: „Ist alles ganz schlimm anstrengend wieder, oder?“

Was geschah dann?

Ich merkte, dass er nicht mehr nüchtern war. Man entwickelt Antennen und weiß, jetzt könnte sich wieder was anbahnen. Ich ging also gar nicht auf seine Stichelei ein. Ich antwortete nur freundlich, er solle etwas rutschen auf der Bank, damit wir dazu sitzen können. Das brachte ihn vollends zum Ausrasten, er beschimpfte uns, sagte, dass wir nicht wertschätzten, was wir haben, und ließ eine ganze Litanei an Demütigungen auf uns los, die andere Skifahrer mit anhören mussten. Irgendwann sagte er, wir würden ihn anwidern, sprang auf und lief weg.

Wie war das für Sie und Ihre Kinder?

Meine kleinere Tochter rannte ihm nach und schrie: „Papa, bitte bleib hier!“ Aber er beachtete sie gar nicht. Ich kaufte den Kindern etwas zu essen, dann fuhren wir ins Tal zu unserem Hotel und stellten unsere Ski ab. Weil wir im Zimmer nicht auf Andreas treffen wollten, gingen wir zu einem kleinen Waldstück in der Nähe, dort setzte ich mich in den Schnee und weinte. Meine Töchter weinten auch. Eine sagte: „Papa hat sich bestimmt schon wieder beruhigt, so schlimm ist es auch nicht.“

Ihre Tochter tröstete dann Sie?

Als Kind hast du keinen Ausweg. Du kannst nicht einfach deine Koffer packen und gehen. Es macht dich jedes Mal kleiner, und das ist so demütigend. Als Erwachsene, wenn man den Mut hat, sollte man handeln. Aber der Mut, nun ja, der muss ja auch irgendwo herkommen. Man empfindet Scham und Schuld, ist verdammt zum Schweigen. Das waren Gefühle, die ich als Kind hatte, die dann im Erwachsenenalter wieder kamen.

Wann kam bei Ihnen die Einsicht, dass es nicht mehr geht?

Das hat bei mir lange gedauert. Es gab ja auch schöne Momente. Doch die Hemmschwelle für Andreas wurde immer niedriger. Irgendwann wusste ich: Du musst was machen. Und du musst das auch für deine Töchter tun. Deinen Töchtern das anders vorleben und dich nicht von einem Typen so klein machen lassen. Irgendwann war mir außerdem klar geworden, dass ich als Erwachsene plötzlich wieder in so einem Schlamassel wie mit meinen Eltern steckte. Das war genau, was ich nicht wollte. Da dachte ich: Jetzt bin ich gefordert, etwas zu tun. Und jetzt kann ich es, als Kind konnte ich es nicht.

Was haben Sie dann getan?

Ich habe angefangen, mich langsam zu öffnen, mit Freundinnen zu sprechen, vorsichtig. Alle sagten: „Endlich sprichst du. Wir haben so lange darauf gewartet.“

Sie wussten also Bescheid?

Ja. Andreas hatte keine Probleme damit, mich auch in der Öffentlichkeit runterzuputzen, mich zu diffamieren, das haben sie mitbekommen. Sie sagten: „Du hast immer gesagt, es sei alles in Ordnung, und wir wollten dich nicht bedrängen.“ Es gibt in der Bundesrepublik drei Millionen Alkoholabhängige, innerhalb der Familie kommen bei jedem mehrere Co-Abhängige dazu, die eine Sucht mit tragen, die den Boden bereiten, dass es funktioniert. Wir zählten auch dazu.

Es ist unglaublich, dass Sie das als Kind erleben mussten und dann noch einmal mit Ihrem Mann.

Das ist aber nicht ungewöhnlich. Wenn man vorbelastet ist, kann man sich unbewusst durch das Helfersyndrom wieder in so eine Lage bringen. Dann denkt man jahrelang, ich meistere das schon, ich liebe ihn doch, ich muss mich nur anstrengen. Aber warum muss ich mich anstrengen? Es kann nicht immer nur um den einen Menschen gehen.

Sind Sie wütend auf Ihre Eltern, weil die Sie um Ihre Kindheit gebracht haben?

Manchmal schon. Aber ich habe da keine Rechnung mehr offen, auch nicht mit meinem Ex-Mann. Meine Eltern konnten nicht anders. Sie haben mir leid getan. Dieses Mitgefühl hatte ich schon als Kind, ich merkte, die sind in ihren Traumata und kommen da nicht raus. Ich habe ihr Verhalten verteufelt und als Kind geweint, geschrien: „Warum macht ihr das?“ Aber das konnte mir niemand beantworten. Ich habe außerdem immer gewusst, dass ich auf mich selbst aufpassen muss, weil es sonst keiner tut.

Was war Ihre Rettung?

Sicherlich waren meine Brüder wichtig für mich, und mit 16 dann mein erster Freund, der war 20 Jahre älter als ich und hat mir als Erster ein ruhiges und gutes Leben gezeigt, zu Hause bin ich ausgezogen. Es hat mich natürlich gerettet, von diesem Elternhaus wegzukommen. Zum Glück bin ich mit Robustheit ausgestattet. Ich bin nicht zu labil. Man weiß, etwa ein Drittel schaffen es, gestärkt aus solchen Familien hervorzugehen, mit einer gewissen Widerstandskraft, und die bekommen das Leben dann auch hin.

Zum Buch

Hintergrund
 Die Hamburgerin Cornelia Hoppe heißt eigentlich anders. Um ihre beiden Töchter und ihre Familie zu schützen, hat sie ihre Erinnerungen an ihre Kindheit auf St. Pauli und ihre Befreiung aus der Co-Abhängigkeit mit ihrem alkoholkranken Ehemann im Ullstein Verlag in diesem Herbst unter einem geschlossenem Pseudonym veröffentlicht. Der Journalist Wigbert Löer hat sie beim Aufschreiben ihrer Geschichte unterstützt.

Buch
 Cornelia Hoppe, Wigbert Löer: Säuferkind. Mein Leben als Co-Abhängige und wie ich trotzdem glücklich wurde. Ullstein, 272 Seiten, 14,99 Euro.