Alkohol während der Schwangerschaft kann dem Ungeborenen schaden. Foto: dpa

Vor allem gebildete Frauen halten sich nicht an den Alkoholverzicht in der Schwangerschaft. Experten fordern mehr Aufklärung.

Stuttgart - Ein Gläschen in Ehren – das kann man auch in der Schwangerschaft keiner verwehren. Wer so denkt, denkt falsch. „Der Alkohol gelangt ungefiltert in den Blutkreislauf des Kindes und wirkt als gefährliches Nervengift, weitaus schlimmer als Heroin“, sagt die Kinderärztin Andrea Bevot vom Sozialpädiatrischen Zentrum der Uniklinik Tübingen. Die Menge Alkohol und zu welchem Zeitpunkt in der Schwangerschaft getrunken wird, spielt keine Rolle. Jedes Jahr kommen so in Deutschland bis zu 10 000 Kinder mit geistigen und körper­lichen Behinderungen zur Welt. Damit ist die alkoholbedingte Behinderung FASD (Fetales Alkoholsyndrom) die häufigste Ursache der geistigen Behinderung.

Der 9. September ist der Tag, an dem weltweit darüber aufgeklärt wird, welche Schäden ein Ungeborenes aufgrund des Alkoholkonsums der Mutter in der Schwangerschaft erleidet. Mahnenden Worte von Experten gehören dazu. So etwa von denen, die die Landesstelle für Suchtfragen der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg kürzlich nach Stuttgart eingeladen hat.

Offensichtlich müssen sie aber noch lauter werden. Denn das Problem wird nicht kleiner, bestätigt Manuela Pfinder von der Uni Bielefeld. Die Soziologin hat in einer Studie untersucht, wie ernst Schwangere es mit dem Alkoholverzicht meinen. Sie stellte fest: „Seit Mitte der 80er Jahre gab es keinen signifikanten Rückgang an Kindern, die mit einer alkoholbedingten Schädigung zur Welt gekommen sind.“ So hat sich der Wert bei etwa 15 Prozent der Schwangeren, die ab und zu Wein und Bier trinken, eingependelt.

Unwissenheit herrscht

Dabei handelt es sich nicht etwa um ein Unterschichtenproblem: „Der Alkoholkonsum in der Schwangerschaft kommt besonders häufig mit zunehmendem Alter und höherem­ Schulabschluss vor“, so Pfinder. Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2011 bestätigt diese Werte: Damals griffen rund 20 Prozent der Frauen aus der sozialen Oberschicht, aber nur 8,5 Prozent der Schwangeren aus der Unterschicht zu Alkohol. Warum das so ist, wird derzeit untersucht.

Erste Vermutungen lassen zumindest darauf schließen, dass Frauen, die bereits ein Kind zur Welt gebracht haben, mit folgenden Schwangerschaften sorgloser umgehen – vor allem wenn sie selbst bei guter Gesundheit sind. Es ist aber auch die Unwissenheit, die Frauen es mit dem Alkoholverzicht nicht allzu genau nehmen lässt. „Auch bei Hebammen und Hausärzten ist die Meinung verbreitet, dass ein Gläschen Wein gegen Ende der Schwangerschaft kein gesundheitliches Problem darstellt“, sagt die Ärztin Bevot.

Große Versorgungslücke im Land

Für die Landesstelle für Suchtfragen Grund genug, zusammen mit der Krankenkasse DAK eine landesweite Aufklärungskampagne zu starten: Postkarten, betitelt mit „Wir geh’n auf Nummer sicher“, werden derzeit in Kneipen, Apotheken und Praxen ausgelegt. Zudem fordert der Vorsitzende Hansjörg Böhringer die Regierung auf, durchzusetzen, dass entsprechende Warnhinweise auf alkoholische Getränke aufgedruckt werden – wie schon in anderen Ländern wie Finnland und den USA üblich.

Zudem will sich die Landesstelle für mehr Anlaufstellen für Betroffene und deren Angehörige einsetzen. „In Baden-Württemberg gibt es hierbei eine große Versorgungs­lücke“, sagt Böhringer. Bislang müssen Betroffene nach Münster oder Berlin reisen, um sich oder ihr Kind untersuchen zu lassen. „Ich bin mir sicher, dass mit einer besseren Versorgung von Diagnosezentren auch die Fallzahlen erheblich steigen werden“, sagt er. Die aktuellen Zahlen von FASD-Kindern seien nur die berühmte Spitze des Eisbergs.

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