Alkohol wird von vielen nicht als Droge verstanden – und einen Rausch zu haben, gilt hierzulande nicht zwingend als etwas Schädliches. Foto: imago//Ralf Poller

Höhere Altersgrenzen, gesonderte Verkaufsstellen, höhere Preise – das fordert ein Suchtverband. Denn: Hoher Alkoholkonsum hat in Deutschland nicht nur gesundheitliche, sondern auch wirtschaftliche Konsequenzen. Auch die neue Regierung will etwas ändern.

Stuttgart - An der Schloss-Realschule in Stuttgart sind an diesem Tag im Dezember die Polizistin Meike Fischer und ihr Kollege Manuel August zu Gast. Sie sprechen mit der Klasse 8b über Drogen. Neben Ecstasy, Cannabis und Nikotin geht es ausführlich um Alkohol. Wer darf ihn kaufen? Und warum hat man nach dem Trinken einen Kater?

 

„Alkohol ist ein Nervengift“, erklärt Fischer. Ein Raunen geht durch die Klasse. Später zeigt die Polizistin ein Diagramm über das Schadenpotenzial verschiedener Drogen. Alkohol steht auf Platz eins. Der Balken zeigt: Der Anteil an Fremdschädigung ist deutlich höher als der an Selbstschädigung. „Wie kann es anderen schaden, wenn man Alkohol trinkt?“, fragt die Polizistin die Klasse.

„Wenn man betrunken andere schlägt“, ist eine Idee. „Vielleicht, wenn Autounfälle wegen Alkohol passieren“, vermutet jemand anderer. Fischer bestätigt: „Da ist erst mal der wirtschaftliche Schaden an den Autos. Dann muss vielleicht jemand ins Krankenhaus, was das Gesundheitssystem belastet. Dafür muss die Gesellschaft mit ihren Krankenkassenbeiträgen bezahlen. Wegen der Krankheit fehlt in einem Betrieb eine Arbeitskraft, und so weiter.“

Die indirekten Kosten sind hoch

Diese Kosten belaufen sich in Deutschland pro Jahr auf mehr als 57 Milliarden Euro. Rund 17 Milliarden entfallen auf das Gesundheitssystem, der Rest sind indirekte Kosten etwa durch Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung aufgrund von Alkoholkonsum. Das ist das Fazit einer Studie von 2020, die die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) veröffentlicht hat.

Christine Kreider beschäftigt sich als Referentin für Prävention in der DHS damit, wie man diesen Schaden verringern kann. Sie schätzt die Arbeit, die die Polizei und viele andere Institutionen für Prävention leisten. „Um das individuelle Verhalten zu verändern, haben wir sehr viele und sehr gute Maßnahmen“, findet Kreider. Dieses Angebot an Verhaltensprävention sei aber inkonsistent ohne einen weiteren Baustein: die Verhältnisprävention. Damit meint die Expertin „alles, was die Rahmenbedingungen reguliert“ – also höhere Preise, eine eingeschränkte Verfügbarkeit und weniger Werbung. Diese drei Punkte zählt auch die Weltgesundheitsorganisation als wirksame Stellschrauben zur Reduzierung des Alkoholkonsums auf.

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Doch an einer Regulierung dieser Bereiche fehle es in Deutschland. Gründe dafür sind Kreider zufolge etwa der gesellschaftlich positive Status von Alkohol als Kulturgut und die Tatsache, dass die Alkoholproduktion ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist – mit einer starken Lobby: „Die Hersteller verdienen daran, wenn mehr Menschen schädlich konsumieren. Da stehen Partikularinteressen im krassen Gegensatz zum gesundheitlichen Schutz“, sagt Kreider.

Die Branche wehrt sich

Die Branchenverbände der Bier-, Wein- und Spirituosenhersteller sehen das anders – und stellen sich gegen strengere Regulierungen. Warnhinweise und Werbeverbote würden „ein erfolgreiches Wirtschaften“ hemmen und dem Image schaden, heißt es vom Deutschen Weinbauernverband. Der Brauer-Bund weist darauf hin, dass es für Werbung bereits Regulierungen gebe. Die Branchen setzen auf Verhaltensprävention: Selbstregulierung und Aufklärung seien „effizienter und wirksamer als weitere zusätzlich verhältnispräventive Maßnahmen“, so der Bundesverband der Deutschen Sprituosen-Industrie und -Importeure.

Ein Blick in andere Länder zeigt dagegen, dass Regulierung wirtschaftlich, aber auch gesundheitlich durchaus etwas verändern kann. Großen Einfluss habe insbesondere der Preis, sagt Kreider und verweist auf Schottland, wo eine Einführung von Mindestpreisen 2018 bald Wirkung zeigte: In der Folge wurde weniger Alkohol verkauft, die alkoholbedingten Todesfälle gingen zurück.

Auch in anderen europäischen Ländern, gerade im Norden, sind die Steuersätze und damit die Preise für Alkohol deutlich höher als in Deutschland. Zudem ist die Verfügbarkeit oft eingeschränkter – etwa weil Alkohol in Ländern wie Schweden und Norwegen nur in speziellen Verkaufsstellen erhältlich sind . „Deutschland stellt bei der Verhältnisprävention ein trauriges Schlusslicht dar im Vergleich zu anderen europäischen Ländern“, sagt Kreider.

Neue Bundesregierung will Regeln verschärfen

In Island setzte man seit Ende der 1990er auf eine Kombination von Verhaltens- und Verhältnisprävention. Werbung für Tabak und Alkohol wurde dort verboten, die Abgabe reglementiert. Im Schulunterricht ging es um die Auswirkungen eines Rauschs, im Sport-, Tanz- oder Musikverein um alternative Freizeitbeschäftigungen. Und Eltern wurden dazu gedrängt, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Inzwischen betrinken sich nur noch fünf Prozent der Jugendlichen einmal im Monat – im Vergleich zu vorher 45 Prozent.

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Neben einer „verstärkten Aufklärung mit besonderem Fokus auf Kinder, Jugendliche und schwangere Frauen“ will die neue Bundesregierung auch die Regelungen für Marketing und Sponsoring bei Alkohol, Nikotin und Cannabis verschärfen – so steht es im Koalitionsvertrag. Was dies konkret bedeutet, ist noch nicht klar. „Allmählich ist ein Wandel festzustellen, das Bewusstsein für die Probleme, die Alkohol verursacht, wächst“, stellt Kreider fest. „Man hat allerdings bei der Tabakprävention gesehen, dass das insgesamt ein unfassbar langsamer Prozess ist.“

Gesundheitliche Schäden durch Alkohol