Alisa Scetinina, die am Samstag im Stuttgarter Theaterhaus auftritt, ist ein Multitalent. Doch Mark Zuckerbergs Meta-Konzern macht es ihr schwer, das zu zeigen.
Sie ist die Frau, die den Cold-Wave-Sounds von Levin Goes Lightly die coolen Synthieharmonien beschert. Sie ist die Frau, die Friedemann Vogel in „Die Seele am Faden“ tanzen lässt. Sie ist die Frau, die am Samstag im Theaterhaus den Jazztagen Hip-Hop und Neo-Soul beibringt. Und sie ist die Frau, die einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen Mark Zuckerbergs Meta-Konzern führt.
Die in Lettland geborene Künstlerin Alisa Scetinina lebt seit 15 Jahren in Deutschland, lange in München, inzwischen in Stuttgart. Sie war Balletttänzerin auf höchstem Niveau, arbeitete am Bayerischen Staatsballett, bevor sie sich entschied, diesen Weg zu verlassen. „Ich hatte Angst, irgendwann zurückzuschauen und zu denken: Das war’s jetzt?“, sagt sie. Statt sich ganz einer Karriere zu unterwerfen, suchte sie Breite: Musik, Performance, Theater, Tanzunterricht. Ein Leben mit vielen Identitäten – oder, wie sie es selbst beschreibt, ein Film mit verschiedenen Rollen.
Selbstbestimmung endet bei Instagram und Facebook
Doch dieser Drang zur Selbstbestimmung stößt heute an eine neue Grenze: die digitale Infrastruktur, auf der Künstlerinnen wie sie sichtbar werden – oder eben nicht. Alles beginnt 2023 mit einer scheinbar harmlosen E-Mail. Eine Nachricht, die aussieht wie von Meta, dem Konzern hinter Facebook und Instagram. Zeitdruck, ein Link, eine Eingabemaske. Scetinina klickt – und gibt ihr Passwort ein. Erst später merkt sie: ein Phishing-Angriff.
„Ich war in einem Loop“, sagt sie. Immer wieder reagierte sie auf weitere Nachrichten, im Glauben, Facebook selbst versuche, den Angriff zu stoppen. Tatsächlich öffnete sie den Angreifern damit weiter Tür und Tor. Logins aus sieben Ländern tauchen auf, von den USA bis Rumänien. Irgendwann ist klar: Der Account ist kompromittiert.
Sichtbarkeit entscheidet über Engagements
Was folgt, ist ein endloser Kampf mit dem Support-System von Meta. Viele Telefonate, viele Ansprechpartner – und widersprüchliche Aussagen. Ein Mitarbeiter sagt, ein neuer Account sei unmöglich. Ein anderer empfiehlt genau das. Als Scetinina es versucht, wird der neue Account sofort gesperrt. Gesichtserkennung, Sicherheitsmechanismen, automatische Deaktivierung.
Und der Kampf geht weiter. „Ich bin immer noch eingeschränkt“, sagt Scetinina, die sich als Künstlerin Gaisma nennt. Sie kann ihr Profil bei Facebook und Instagram nicht vollständig nutzen, keine Werbung schalten, keine neuen Leute erreichen. Für eine Künstlerin im Jahr 2026 ist das ein massives Problem. Denn Plattformen wie Instagram sind längst mehr als Kommunikationsmittel. Sie sind Portfolio, Visitenkarte und Vertriebskanal zugleich.
Was hier sichtbar wird, ist ein strukturelles Machtgefälle: Ein globaler Konzern trifft automatisierte Entscheidungen – und Einzelne haben kaum Möglichkeiten, sie anzufechten. Der Support vermittelt Hoffnung, aber keine Lösungen. Prozesse bleiben intransparent. Für Scetinina bedeutet das konkret: Ihre digitale Marke ist beschädigt, ohne dass sie eine realistische Chance auf Reparatur hat.
Bei Plattformen gilt: Quantität statt Qualität
„Ich sehe das jetzt als Herausforderung“, sagt sie trotzig, weil ihr nichts anderes übrig bleibt und weil sie nicht aufgeben will. Denn die Erfahrung mit Meta ist für sie kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Problems. Auch in der Musikbranche beobachtet sie eine zunehmende Dominanz von Zahlen: Klicks, Streams, Follower. Plattformen wie Spotify oder Tidal setzen auf Sichtbarkeit durch Quantifizierung. Was viele hören, gilt als gut. Was wenig Reichweite hat, verschwindet.
„Heute wird man gebucht, weil Leute auf Instagram schauen, wie viele Follower man hat, oder auf Spotify, wie viele Plays“, sagt sie. „Die großen Zahlen suggerieren Qualität – dabei nehmen sie uns nur die Entscheidung ab. Man muss nicht mehr selbst fühlen.“ Für Hörer bequem – für Künstler problematisch. Denn hinter großen Reichweiten stecken oft hohe Werbebudgets. Kampagnen, Playlist-Platzierungen, bezahlte Promotion. Sichtbarkeit ist käuflich geworden.
Musik, die von Migration und Heimat erzählt
Trotzdem macht sie weiter. „Ich will, dass meine Musik Menschen erreicht, die sich darin wiederfinden.“ Besonders wichtig sind ihr Rückmeldungen von Menschen mit ähnlichen Biografien – Migrantinnen etwa, die sich in ihren Texten erkennen. Ihr von Dexter produziertes Album „Motherland“ (2024) ist voller solcher Geschichten, in denen erzählt wird, was Heimat bedeuten kann.
Eigens für den Auftritt bei den Theaterhaus Jazztagen hat sie aus ihrer Musik eine Show konzipiert, bei der sie nicht nur von zwei Musikern, sondern auch von Tänzerinnen begleitet wird. Sie selbst übernimmt diesmal nur den Gesang. Bisher stand sie als Musikerin meistens hinter Geräten auf der Bühne, kontrollierte Sounds, reduzierte Bewegung. Nun setzt sie stärker auf Präsenz, Körperlichkeit, Interaktion: „Ich kann keine Beziehung aufbauen, wenn ich mich verstecke“, sagt sie. Und zumindest auf der Bühne kann sie kein Meta-Konzern daran hindern, im Scheinwerferlicht zu stehen.
Theaterhaus Jazztage: Doppelkonzert mit Gaisma und Sorvina am Samstag, 11. April, um 20 Uhr in der Halle T3 im Theaterhaus. Tickets gibt es hier.