Olympiasiegerin Aline Rotter-Focken referierte in Albstadt über ihre sportliche Karriere. Im Fokus: der mentale Umgang mit Drucksituationen und der steinige Weg in den Leistungssport.
Eine Olympiasiegerin zu Gast in Albstadt – das kommt wahrlich nicht häufig vor. Jüngst konnte jedoch die VDI Bezirksgruppe Zollern-Baar in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse und dem Verein der Freunde und Förderer der Hochschule Albstadt-Sigmaringen eine solche als Referentin für einen Vortrag in den Räumen der Hochschule gewinnen. Aline Rotter-Focken, Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Ringen, sprach zum Thema „Wille schlägt Talent“ über mentale Stärke, Selbstführung und den Umgang mit Rückschlägen.
Parallel zu ihrer sportlichen Laufbahn schloss Rotter-Focken unter anderem ein Studium im Bereich Prävention und Gesundheitsmanagement ab und arbeitete als Sporttherapeutin und Gesundheitsmanagerin. Seit 2022 ist Aline Rotter-Focken als Leistungssportreferentin beim Deutschen Ringer-Bund tätig.
Aufgewachsen in Ringer-Familie
Ihrem Publikum in Albstadt schilderte sie ihren harten Weg zum sportlichen Erfolg und legte den Fokus auf den mentalen Umgang mit Drucksituationen. Aufgewachsen in einer Ringer-Familie in Nordrhein-Westfalen, begann die heute 34-Jährige im Alter von sieben Jahren mit Wettkämpfen in ihrer Sportart. Sie blieb jedoch zunächst drei Jahre ohne einen einzigen Sieg. „Ich bin locker 100 Mal in Folge als Verliererin von der Matte gegangen“, offenbart die spätere Olympiasiegerin. Selbst ihr Vater habe gesagt, dass sie „außergewöhnlich schlecht“ in ihrer Anfangszeit abgeschnitten habe.
Davon ließ sich Aline Rotter-Focken jedoch nicht entmutigen. „Der Spaß am Ringen war trotzdem da.“ Dennoch habe sie versucht, ihre Herangehensweise zu verändern. Auf dem Weg zu einem Sieg hat sich die Sportlerin zunächst erreichbare Zwischenziele gesetzt. Ihr Vater, gleichzeitig ihr Trainer, habe ihr klargemacht: „Du musst mehr üben als andere. Aber irgendwann wird es funktionieren“. Diese Erkenntnis, dass Wille Talent schlägt, habe bei ihr den Schalter umgelegt. Und diese Botschaft wollte sie auch dem Albstädter Publikum mitgeben. „Harte Arbeit zahlt sich aus.“
Heute wohnhaft im Schwarzwald
Mit den Siegen kam das im Profisport so wichtige Selbstvertrauen – und wenig später ging die Karriere von Rotter-Focken steil bergauf. Die Berufung in den NRW-Kader und erste Jugendmeisterschaften folgten. Die Initialzündung, es zu den Olympischen Spielen zu schaffen, kam mit der Aufnahme des Frauenringens ins olympische Programm im Jahr 2004. „Ab diesem Zeitpunkt habe ich mein Leben auf den Leistungssport ausgerichtet“, erzählt die heute im Schwarzwald lebende Olympiasiegerin.
Mit dieser Entscheidung habe sie jedoch auch die Schattenseiten des Leistungssports erfahren: keine Partys, wenig Kontakt zu Freunden, viele Fehlstunden in der Schule. „Für mich war der Verzicht ok, für Teile meines Umfelds nicht.“ Die Folge: „Menschen wenden sich teils von dir ab.“
Sportliche Rückschläge
Dazu kamen sportliche Rückschläge: Die Qualifikation für Olympia 2012 misslang. Weil mit Frauenringen allein nicht der Lebensunterhalt bestritten werden kann, stand das Studium parallel auf dem Programm. Dazu weite Anfahrten zu Trainingsstätten mit entsprechenden Kampfpartnern. „Teilweise bin ich an meine Grenzen gekommen“, beschreibt die 34-Jährige diese stressige Phase.
Belohnt wurde der Aufwand mit dem Weltmeistertitel 2014. 2015 folgt die Qualifikation für Olympia 2016 in Rio. Der große Traum von Aline Rotter-Focken sollte in Erfüllung gehen. Doch: Am Abend vor dem Olympischen Wettkampf zog es Rotter-Focken, wie sie selbst sagt, „den Stecker“. Die Drucksituation bescherte ihr eine schlaflose Nacht sowie Tränen. „Mein Lebenstraum wurde plötzlich zum schlimmsten Moment in meinem Leben.“ Im Wettkampf folgte schließlich Platz neun.
Corona schafft Vorteil
So wollte die Leistungssportlerin nicht zurücktreten. Und nahm entsprechend Anlauf für Olympia 2020, das durch die Corona-Pandemie auf 2021 verschoben wurde. Ein Vorteil für die Wahl-Schwarzwälderin: Sie konnte im Gymnastikstudio ihrer Schwiegermutter weitertrainieren, während Sporthallen in vielen Ländern der Welt gesperrt waren. Als Trainingspartner diente ihr Ehemann, ebenfalls ein früherer Profiringer. Kurz vor Olympia sei sie folglich in der physisch besten Form ihres Lebens gewesen.
Und die mentale Komponente? Durch ihre Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen habe sie nach Olympia 2016 ihre Sichtweise verändert. Ihr Motto: „Dankbarkeit besiegt Angst.“ Warum? Weil sie sich klargemacht habe, dass das Ausscheiden in Runde 1 das schlimmste wäre, was passieren könnte. Nicht vergleichbar sei dies mit den Nöten und Sorgen, die Menschen in Kriegs- oder Hungergebieten dieser Welt hätten.
Botschaft für Publikum
Ihre Einstellung daher: „Alles, was ich tun hätte können, habe ich getan.“ Und so gab es plötzlich Olympiagold. Diese Denkweise wollte Aline Rotter-Focken auch ihren Albstädter Zuhörern vermitteln. Dieses war begeistert von Auftritt der Olympiasiegerin. Anschließend bot sich die nahbare Sportlerin für Fotos an – und sogar ihre Goldmedaille durften von den Gästen angefasst werden.