Februar 2025: Das Grab Nawalnys ist mit Blumen bedeckt. Foto: Inna Hartwich

An diesem Sonntag jährt sich der Todestag von Kreml-Kritiker Alexej Nawalny. Russlands Opposition ist derweil im Exil oder im Untergrund – und zerfleischt sich gegenseitig.

Jemand hat Süßes mitgebracht. Ein paar Bonbons, ein Gebäck in Bärchenform, mit Kondensmilch als Füllung. Eine Plastikflasche Apfelsaft steht daneben und eine Grabkerze. „Wir denken an dich“, hat jemand auf eine Gummiente zwischen all den Plastikblumen geschrieben. „Du fehlst“.

 

An diesem Sonntag jährt sich der Tod des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny zum ersten Mal. Ein Tod, so plötzlich und doch erwartbar, in einer Strafkolonie hinter dem Polarkreis. Eine weitere Erschütterung in erschütternden Zeiten, seit Russland seine Truppen in die Ukraine schickt. Ein vom Regime herbeigeführter Tod, durch zahlreiche absurde Urteile, Einzelhaft, Bestrafung und Erniedrigung, Fernhalten von Ärzten.

Es war ein Tod, der vielen Russinnen und Russen die Hoffnung nahm. Die Hoffnung auf das „wunderbare Russland der Zukunft“, die ihnen ihr Idol – auch hinter Gittern – mit einem Lächeln immer wieder zu spenden vermochte, selbst, wenn sie nicht hinter allem standen, was Nawalny an Ideen für Veränderungen im Land einbrachte. Und doch bleibt diese Hoffnung bis heute in ihren Tränen. In ihren Blumen. Im Bärchengebäck auf Nawalnys Grab auf dem unscheinbaren Friedhof im Moskauer Stadtteil Borissowo im Südosten der Stadt.

Am Eingang zum Friedhof sitzt ein Wachmann in seinem Auto

Baulärm aus der Ferne dringt in die Stille. Eine Katze streift zwischen den Gräbern umher. Eine Gruppe junger Männer steht am Grab, auf dem ein Kranz aus Plastikblumen in russischer Trikolore liegt. Manchmal seien sie zu zweit hier, manchmal zu sechst, wie an diesem Februartag. „Wir können wenig bewirken in unserem Land, ohne unser eigenes Leben zu gefährden, aber noch können wir frei denken, zusammen trauern, zusammen wütend sein, zusammen von einer Zukunft träumen, von der wir seit drei Jahren gar nicht recht wissen, wie sie aussehen soll“, sagt einer der Männer, die anderen schauen zu Boden oder nicken. Sie sprechen nur leise, viel reden wollen sie nicht. Sie wissen, dass auf dem Friedhof Kameras hängen. Sie wissen, was Menschen in Russland blüht, die das Regime kritisieren. Sie könnten zu „Extremisten“ erklärt oder auch an die Front geschickt werden. Das ist das, was der Gesprächigste von ihnen als „Luft abschnüren“ bezeichnet. Schon gehen sie wieder ihrer Wege, machen einer Frau in Beige Platz am großen Schwarz-Weiß-Foto Nawalnys. „Ewiges Gedenken“ steht auf dem Holzkreuz.

Am Eingang zum Friedhof sitzt ein Wachmann in seinem Auto, auf dessen Scheibe das schwarz-orange Z prangt, der Buchstabe, der die Unterstützung des russischen Krieges gegen die Ukraine symbolisiert. Nawalny hatte den Krieg aus der Haft heraus angeprangert. „Nein zum Krieg“, hatten seine Anhänger bei seiner Beerdigung am 1. März 2024 gerufen. Einen in Russland verbotenen Satz, der die Trauerfeier zu einer Kundgebung machte.

„Warten Sie auf den Frieden“

Mit dem Tod des Politikers starb auch die Bedeutung des Wortes „Opposition“ in Russland. Der Sinn dieses Wortes. Denn niemand im Land, außer den staatlichen Akteuren, darf sich an legaler Politik beteiligen. Schlimmer noch: Alle, die das auch nur zu wagen versuchen, werden von staatlichen Organen für vogelfrei erklärt und strafrechtlich verfolgt.

Es gibt keine politische Opposition in Russland, es gibt lediglich einen politischen Untergrund innerhalb Russlands oder politische Emigranten außerhalb Russlands. Dazu noch wenige, oft ehemalige Lokalpolitiker, die sich zivilgesellschaftlich engagieren. Die meisten von ihnen gehen vor allem zu Gerichtsverhandlungen, um den politisch Verfolgten das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Im Kopf haben sie stets, dass es auch sie treffen könnte, dass auch sie sich im Gerichtskäfig wiederfinden könnten.

Partisanen wählen andere Wege. Es sind einerseits solche, die Gleise, auf denen russische Militärtechnik unterwegs ist, manipulieren, auf der anderen solche, die mit kurzen Sätzen à la „Warten Sie auf den Frieden“ an den Ampeln und anderswo auf die Lage im Land aufmerksam machen. Und es sind politische Aktivisten, die in der Diaspora, ein Russland nach Putin gestalten wollen. Damit versuchen sie, die Menschen in Russland zu erreichen – auch wenn ihr eigenes Land für sie selbst mittlerweile unerreichbar geworden ist, weil hier ein Strafverfahren auf sie wartet, die Gefängniszelle, der Tod.

Chodorkowski ist in Augen der Nawalny-Leute ein „Verräter“

Doch die ehemals russische Opposition findet sich in einer Beziehung gegenseitigen Hasses wieder. Da ist die Gruppe um Nawalnys Antikorruptionsstiftung FBK, für die bereits der frühere Präsident Boris Jelzin und seine Oligarchen am Putin’schen Übel Schuld seien. Sie drehen Filme, die sie „Verräter“ nennen und treten selbst denen auf die Füße, die Nawalny und seine Mitstreiter grundsätzlich schätzen. Da ist auch die Gruppe um den Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski, der zehn Jahre in russischen Strafkolonien verbrachte, bevor Putin ihn 2013 kurz vor den Olympischen Spielen in Sotschi begnadigte und ins Ausland entließ.

Aus London operiert der einstige Ölmagnat mittels seines Medienunternehmens und ist im Westen gut vernetzt. Mit seinem Antikriegskomitee aus älteren Vertretern der russischen Opposition lädt er zu Konferenzen, die die Nawalny-Gruppe jedes Mal meidet. Chodorkowski ist in ihren Augen ein „Verräter“. Zudem soll sein einstiger Partner, Leonid Newslin, für den Überfall auf den Ex-FBK-Chef Leonid Wolkow verantwortlich sein. Wolkow war in seinem litauischen Exil im März 2023 mit einem Hammer überfallen worden. Chodorkowski verurteilte die Tat, distanzierte sich aber nicht von Newslin.

Im Clinch liegen die Nawalnys Leute auch mit dem ebenfalls ausgewanderten Aktivisten Maxim Kaz. Er informiert über seinen erfolgreichen Youtube-Kanal aus Israel über die Geschehnisse in Russland und der Welt. Nun wollen die FBKler nachgewiesen haben, dass Kaz’ Ehefrau Gelder aus russischen Staatsunternehmen annimmt. Finanziert sich Kaz also vom schmutzigen Regime-Geld? Gegenseitige Vorwürfe in den sozialen Medien gewinnen in solchen Situationen die Oberhand. Und vor allem jene Regimekritiker, die in Russland geblieben sind, fragen sich, ob die Diaspora nichts Besseres zu tun habe als sich selbst zu zerfleischen.

Diskussionen über die Moral und kollektive Schuld

Die beim Gefangenenaustausch im vergangenen August frei gekommenen Oppositionspolitiker Ilja Jaschin und Wladimir Kara-Mursa versuchen sich als einigende Kraft. Zusammen mit Nawalnys Ehefrau Julia betonen sie den gemeinsamen Feind: Wladimir Putin. Eine Antikriegsdemo, die die Andersdenkenden aus Russland vereinen sollte, hatten sie vor einigen Monaten in Berlin bereits organisiert. Eine zweite soll am 1. März folgen. Doch auch ihnen schlägt teils scharfe Kritik aus Kreisen der Putin-Gegner entgegen. Einmal können sich die Gruppierungen nicht darüber einigen, ob denn die russische Flagge bei solch einer Demo angebracht sei, einmal gar nicht ausmachen, wer denn da alles mitlaufen solle. Zudem sind Forderungen nach Waffenlieferungen und militärischer Unterstützung für die Ukraine nicht Jaschins und Nawalnajas Sache.

So bleiben heftige Diskussionen über die Moral und über kollektive Schuld, es bleiben Anschuldigungen und Kränkungen. Derweil gaukelt der Kreml weiter die Existenz politischen Lebens in Russland vor.