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Aldingen Fassungslosigkeit nach Tod der kleinen Maja

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Die Idylle täuscht: In diesem Haus in Aldingen erlosch das Leben der zwei Jahre alten Maja. Foto: Maurer

Aldingen - Die kleine Gemeinde Aldingen (Kreis Tuttlingen) am Fuß der Alb befindet sich in Schockstarre. Niemand kann verstehen, wie es so weit kommen konnte, dass die knapp zwei Jahre alte Maja sterben musste. Die Betroffenheit ist allgegenwärtig. Darüber, dass niemand etwas bemerkt haben will. Darüber, dass eine Mutter ihre insgesamt drei Kinder im Alter von zwei bis neun Jahren von Samstagabend bis Sonntagmittag alleine lässt. Und auch darüber, dass das Jugendamt, die Nachbarn und selbst das persönliche Umfeld der 24 Jahre alten Mutter die tödliche Gefahr wohl nicht geahnt haben. Und dass so etwas in dem beschaulichen Aldingen, in dem doch die Welt vermeintlich noch in Ordnung ist, geschehen kann.

Die Gemeinde – 7550 Einwohner – ist schuldenfrei, verfügt über eine gute Infrastruktur, ausreichend Kindergärten, und in zahlreichen Vereinen findet jeder, der will, Möglichkeiten für seine Freizeitgestaltung. Heile Welt, fürwahr. Bis Pfingstsonntag.

Von der Mutter im Stich gelassen

Der Tod der kleinen Maja ist Gesprächsthema im Ort. Schon morgens beim Bäcker wird darüber gesprochen. Dass Kinder verwahrlosen und sterben, ja, davon hat man gelesen. Weit weg passieren solche Dinge. Aber doch nicht in Aldingen.

Und doch ist es geschehen. Fast mitten im Ort steht das weiße Haus, in dem sich die Tragödie ereignet hat. Ein schmucker Bau, erst wenige Jahre alt, wie die umliegenden Häuser auch. Keinesfalls ein Ort, bei dem man derartige Tragödien vermutet. Gutbürgerlich, gutsituiert. Im Garten stehen einige Spielgeräte für Kinder. Und doch lebten hier Kinder, die völlig verwahrlosten und von ihrer Mutter im Stich gelassen wurden.

Den alarmierten Beamten sowie dem Notarzt sind am Pfingstsonntag sofort die desolaten Wohnverhältnisse der Mutter und ihrer drei Kinder sowie die offensichtliche Verwahrlosung des toten Mädchens aufgefallen.

Jugendamt hat nichts bemerkt

Verwahrlosung? Das Jugendamt hat davon nichts bemerkt. Immer wieder wurden vonseiten des Jugendamtes Begehungen der Wohnung vorgenommen, – zuletzt am 21. März – aber dabei seien keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden.

Die Obduktion des kleinen Mädchens hat nun ergeben, dass das Kind an einem »Herz-Kreislaufversagen bei starker Auszehrung und Flüssigkeitsmangel« gestorben ist. Das heißt: Dieses Kind ist verhungert und verdurstet. Bei dem Leichnam wurde zudem ein »deutlich reduzierter äußerer Pflegezustand sowie ein extrem­ reduzierter Ernährungszustand festgestellt«, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Polizeidirektion Tuttlingen und der Staatsanwaltschaft Rottweil. Wie dies mit den Berichten des Jugendamts, das bei seinen Besuchen bei der Familie nichts Derartiges festgestellt haben will, in Einklang gebracht werden kann, ist bislang offen.

Die Mutter sitzt in Untersuchungshaft im Justizkrankenhaus Hohenasperg. Sie schweigt sich aus. Ihr wird »Totschlag durch Unterlassung« vorgeworfen, wie es im Juristendeutsch heißt.

Die Frau könnte den Ermittlern weiterhelfen. Es ist immer noch unklar, was in den vergangenen Wochen in der Familie passierte, warum es zu diesem Drama kommen konnte.

Fest steht nur, dass die Mutter am frühen Samstagabend die Wohnung verließ und erst am Sonntag gegen 14 Uhr zurückkehrte. »Sie war zu ihrem Vergnügen unterwegs«, zitiert Polizeisprecher Matthias Preiss aus den Ermittlungsakten. Maja und ihre Brüder blieben alleine daheim. Einen Babysitter hatte ihre Mutter nicht bestellt. Nach der Heimkehr fand die Frau ihre knapp zweijährige Tochter in ihrem Bettchen. Der Notarzt stellte den Tod des Kindes fest, die Frau kam zuerst ins Krankenhaus, am Montag dann stellte der Haftrichter den Haftbefehl aus.

Geschwister sind inzwischen bei Pflegefamilien

Die beiden Geschwister des toten Kindes sind zwischenzeitlich bei Pflegefamilien untergebracht worden. Sie sind traumatisiert und werden psychologisch betreut. Ihre Leidenszeit scheint damit für sie vorbei zu sein. Und diese Leidenszeit war lang.

Im Alter von 15 Jahren wurde die nun verhaftete Frau erstmals Mutter. Sie selbst ist in einer Pflegefamilie aufgewachsen. Mit ihrem Lebensgefährten hat sie zwei weitere Kinder: das verstorbene Mädchen und einen knapp dreijährigen Jungen. Nach Angaben des Tuttlinger Landrats Stefan Bär wohnte die Familie zunächst in Trossingen, nach der Trennung der Eltern in Spaichingen. Nach der vorübergehenden Rückkehr des Vaters wurde zum 1. Juni 2011 die Wohnung in Aldingen bezogen. Der Pflegevater der Mutter und die Großeltern väterlicherseits hätten regelmäßigen Kontakt zu den Kindern gehabt, so der Landrat.

Geschockt reagiert auch Bürgermeister Reinhard Lindner. Seit 34 Jahren leitet er die Geschicke der Gemeinde. Aber »so etwas habe ich bisher nicht erlebt«. Und: »Wie kann so etwas bei uns passieren?« Genau das ist die wesentliche Frage: Wie konnte so etwas passieren?

Familienkrise endete für ein Mitglied tödlich

Polizei und Jugendamt fragen sich, warum das Mädchen in einem dermaßen »verwahrlosten Zustand« und so stark unterernährt war. In der Wohnung hätten »desolate Wohnverhältnisse« geherrscht. Die Behörden wollen herausfinden, was vor dem Tod des Mädchens passiert ist. Genau eingegrenzt: Warum ist die Familie zwischen dem 21. März und dem 26. Mai in eine Krise geraten, die zum Schluss für das jüngste Kind tödlich ausging?

Die Mitarbeiter des Jugendamtes hätten die Frau und ihre Kinder seit Juni 2010 begleitet und waren in ständigem Kontakt: »Ein Dutzend Gespräche und Besuche in der Wohnung«, weiß Sozialdezernent Bernd Mager.

Schwierig, ja. Alarmierend: nein. Denn es habe zu keinem Zeitpunkt Anzeichen dafür gegeben, dass das Mädchen oder die beiden Söhne verwahrlost seien. Im Juni 2010, als die Familie in Trossingen wohnte, habe es Hinweise von Nachbarn gegeben, dass die Kinder häufig alleine seien: »Noch am gleichen Tag haben wir die Familie aufgesucht«, sagt der Tuttlinger Jugendamtsleiter Oliver Butsch. Seitdem habe es mehrere angekündigte und unangekündigte Hausbesuche gegeben, zuletzt am 21. März. Auch Bär betont, den Mitarbeitern könnten keine Vorwürfe gemacht werden.
Butsch betont, die Wohnung sei im März aufgeräumt, ordentlich und sauber gewesen. »Die kleine Maja rannte um den Tisch, sie spielte mit meiner Mitarbeiterin«, betont Butsch. »Wir können uns nicht erklären, was nach dem 21. März passiert ist«, sagt der Jugendamtsleiter.

Sichtlich betroffen sind Bär, Mager und Butsch, als sie auf den nächsten Besuchstermin hinweisen: Am heutigen 30. Mai hätten Jugendamtsmitarbeiter die Familie treffen wollen: »Und wir wären hartnäckig geblieben!«

Weitere Fälle in Lichtenau, Kehl und im Osten

Doch Aldingen ist in diesen Pfingstferien kein Einzelfall. Ein Familiendrama gab es auch in Lichtenau (Kreis Rastatt). Dort versucht die Polizei die Umstände rund um den gewaltsamen Tod eines Kleinkindes aufzuklären. Unterstützt von Spezialisten des Landeskriminalamtes gingen die Beamten gestern im Wohnhaus der vierköpfigen Familie erneut auf Spurensuche. Dort hatte ein 40-Jähriger nach bisherigen Erkenntnissen seine kleine Tochter in der Nacht zum Samstag erstochen und die Mutter mit einem Messer schwer verletzt. Wie es zu der Tragödie kommen konnte, ist nach Angaben eines Polizeisprechers weiter unklar.

Voraussichtlich glimpflich endete ein weiteres Familiendrama im badischen Kehl. Zwei Spaziergänger fanden am Sonntagnachmittag bei einem Waldspaziergang ein lebloses Kleinkind sowie zwei weitere bewusstlose Körper auf dem Boden liegend, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft gestern mit. Sie riefen Notarzt und Polizei und retteten damit Leben. Nach Angaben der Ermittler hatte eine 36 Jahre alte Mutter ihren beiden Kindern – einem zwei Jahre alten Mädchen und einem zehnjährigen Jungen – Tabletten verabreicht. Auch sie selbst nahm diese Medikamente. Als die Spaziergänger sie fanden, hatten die drei bereits das Bewusstsein verloren. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht. Die schnelle Hilfe hatte Erfolg: Zumindest bei den zwei Kindern bestehe keine Lebensgefahr mehr, hieß es gestern. Der Zustand der Mutter sei unverändert kritisch. Die Hintergründe der Tat sowie das Motiv der Mutter seien noch unklar.

Und in Mecklenburg-Vorpommern wurde wurde ein totes Baby in einem Rucksack auf freiem Gelände entdeckt. Drei tote Kinder innerhalb einer Woche. »Statistisch gesehen eigentlich eine ganz normale Woche in Deutschland«, sagt dazu der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann.

Zynisch ist das nicht gemeint. Es ist trauriger Alltag in Deutschland. Darauf weist Ehrmann hin.
 

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