Mit 15 Jahren hatte Jörg Nädelin schon einen Alleinflug gewagt. Foto: Archiv Nädelin

Nach schwerer Krankheit ist der Autor Jörg Nädelin, ein gebürtiger Ebinger, 74-jährig gestorben. Er hinterlässt seine Witwe, vier Kinder und drei Enkel – und ein großes Werk.

Albstadt-Ebingen - Seine Produktivität war ehrfurchtsgebietend: In etwas mehr als einem Jahrzehnt Ruhestand, das ihm vergönnt war, hat Jörg Nädelin fast jährlich ein Buch veröffentlicht, und zwar zu sehr unterschiedlichen Themen: Der Nachkriegsjahrgang 1947, dem er angehörte, kam ebenso zu seinem Recht wie Schulpolitik und Didaktik, Gebiete, auf denen dem erfahrenen Pädagogen keiner etwas vormachen konnte, sowie die Chroniken und Bilddokumentationen über seine "Heimaten" Zollernalb und Hohenlohe.

Es wird keine weiteren Bücher mehr geben: Schon vor 14 Jahren war bei Jörg Nädelin Krebs diagnostiziert worden; einer neuerlichen Erkrankung im Frühjahr 2021 ist der gebürtige Ebinger und Wahl-Waldenburger am 3. Januar erlegen.

Schon mit 13 Segelflieger

Am 31. August 1947 war er als jüngstes von vier Kindern von Eugen und Gertrud Nädelin zur Welt gekommen. Er ging in Ebingen zur Schule, entdeckte mit 13 Jahren seine Leidenschaft für den Segelflug und meisterte mit 15 seinen ersten Alleinflug auf dem Degerfeld.

Gründer der "Allsounds" – eine der ersten Beatbands im Kreis

Außerdem rockte er: Es waren die frühen Jahre der Beatles und der Stones; Jörg Nädelin brachte sich autodidaktisch das Gitarrenspiel bei und gründete 1964 eine der ersten Beatbands im Zollernalbkreis, die "Allsounds". Sie erlangte überregionale Bekanntheit, konzertierte unter anderem in Südtirol; Kostproben ihres Könnens findet man über 50 Jahre später auf der Seite http://naedelin.de/musikszene-zollernalbkreis.

"Kleine Schulen – neue Chancen"

Zum Beruf machte Nädelin die Musik jedoch nicht; stattdessen absolvierte er eine Lehre als Maschinenschlosser bei Gühring, schlug nach dem Wehrdienst den zweiten Bildungsweg ein und studierte an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen.

Seine erste Station als Grundschullehrer hieß Unterdigisheim; wenig später war er bereits Schulleiter der Isinger Grundschule. Er brachte sein musikalisches Talent in den Beruf mit ein; im Klassenzimmer standen üppig bestückte Regale mit stets für die Schüler griffbereiten Musikinstrumenten. Außerdem gab es eine Verkleidungs- und Aufführungsecke, zahlreiche Lernmaterialien und Baukästen, eine Druckerei und eine Leseecke. Es dominierte das flexible Arbeiten in Kleingruppen, der seinerzeit übliche Frontalunterricht war die Ausnahme – nicht von ungefähr erhielt die Isinger Grundschule in den 1980er-Jahren oft Besuch von interessierten Kollegen, von der überregionalen Presse und vom Fernsehen. In dieser Zeit entstand auch das Buch "Kleine Schulen, neue Chancen", in dem Nädelin und sein Kollege Hermann Bienert ihre Unterrichtspraxis beschrieben und zur Nachahmung empfahlen. Musik machte Nädelin in dieser Zeit auch, nämlich mit der Balinger "Jazz Company".

Von Isingen nach Sao Paulo

1992 zog die mittlerweile sechsköpfige Familie aus dem Dorf Isingen in die brasilianische Megacity Sao Paulo. Drei Jahre lang bildete Jörg Nädelin brasilianische Deutschlehrer aus und weiter; es folgten noch einmal zwei Jahre an der deutsch-mexikanischen Begegnungsschule Alexander von Humboldt in Mexico City.

Zurück in Deutschland war Jörg Nädelin fünf Jahre lang in der Lehrerfortbildung auf der Comburg, Schwäbisch Hall, und am Schulamt Bad Mergentheim tätig; anschließend übernahm er die Leitung des Schulamts Heilbronn.

Nach Jahren im Ausland Karriere als Autor

2010 ging Jörg Nädelin krankheitsbedingt in den vorzeitigen Ruhestand. In der Folgezeit verfasste er Familiendokumentationen und Berichte über seine Ebinger Kindheit und Schulzeit. Die war ursprünglich als Lektüre für seine Kinder gedacht, doch dann kam er auf die Idee, einige seine Jahrgänger um Beiträge für ein gemeinsames Buch zu bitten. Das Ergebnis hieß "Lebenswege: Unterwegs in sechs Jahrzehnten", erschien 2012 und präsentierte in Wort und Bild die Erinnerungen von 18 Ebingern des Jahrgangs 1947.

Der Selektion las er die Leviten

Ein Jahr später folgte das Sachbuch "Schule morgen, Schule heute, Schule gestern", in dem Nädelin einer nicht auf Förderung, sondern auf Selektion ausgerichteten deutschen Schulbildung die Leviten las. Danach die Bildbände "Wolkenbilder" und "Gartenmomente", Städtebücher über Albstadt – drei Bände! – , Schwäbisch Hall und Öhringen sowie 2017 das Opus magnum "Den Albtrauf entdecken", eine reich bebilderte, 450 Seiten dicke Liebeserklärung an die Schwäbische Alb, von der mittlerweile die elfte Auflage auf dem Markt ist – seit jüngstem kann das Werk auch in sechs Einzelbände tranchiert erworben werden; außerdem existieren aus Jörg Nädelins Feder und Fotoapparat die Bücher "Blickpunkt Zollernalb – Großer Heuberg", "Blickpunkt Blaubeuren und Umgebung" und "Im Kochertal" sowie ein Werk zur Musikszene im Zollernalbkreis.