Ein Drama, das nachwirkt, hat sich am 27. Juni im Albstädter Polizeirevier abgespielt. Foto: Karina Eyrich

Wie in der „Mausefalle“ gefühlt hat sich einer der Polizisten bei der Geiselnahme am 27. Juni nach eigener Aussage.

„Spitz auf Knopf“ sei die Lage bei einem Ladendiebstahl ein Jahr vor der Geiselnahme auf dem Truchtelfinger Polizeirevier gewesen – als der Polizeibeamte B. den 42-jährigen Ukrainer, der am Montag vor dem Landgericht stand, kennenlernte.

 

Nach einer Körperverletzung durch einen anderen sei der Ukrainer zu seinem eigenen Schutz in der Polizeizelle gewesen. Sein Angebot, ihm eine Unterkunft in Balingen zu suchen, habe er abgelehnt, erinnerte sich der Polizist.

Der Kollege wäre vielleicht noch rausgekommen

Als der Mann tags darauf im Verhörzimmer einen Splint auf den Tisch gelegt und behauptet habe, er halte eine Handgranate in der Jackentasche, sei er selbst „in der Mausefalle“ am Fenster gesessen. Sein Kollege, näher bei der Türe, wäre bei einer Detonation „vielleicht noch rausgekommen“.

Die Jeans des Angeklagten wanderte nach der Geiselnahme im Polizeirevier in die Asservatentüte. Eine Handgranate steckte nicht in seiner Kleidung – die war nur vorgetäuscht. Foto: Eyrich

Als er versucht habe, seinen Kollegen draußen eine E-Mail zu schreiben, „war der Kopf vom Körper abgetrennt, ich konnte gar nicht mehr schreiben“, schilderte er das Gefühl wie nach einem Kälteschock. Das Fliegengitter, das er vom Fensterrahmen geschlagen habe, um einen Fluchtweg zu öffnen, habe sich erst in der Jalousie verhakt.

Nach der Festnahme des Ukrainers habe sich das Klopfen von Bauarbeiten zur selben Zeit vor dem Polizeirevier „bei mir eingehämmert“. Er sei einige Tage krank geschrieben gewesen, dann aber doch zur Arbeit gegangen, um sich abzulenken, berichtete der Polizist, der als Nebenkläger auftritt.

Seither habe er immer wieder Alpträume, in denen nahe Angehörige sterben und er nichts tun könne: Die „Machtlosigkeit“ in der mutmaßlich lebensbedrohlichen Situation auf dem Revier spüre er darin immer wieder. „Starke dreieinhalb Monate“ habe es gedauert, bis er zur alten Leistungsfähigkeit zurückgefunden habe, so der Polizeibeamte, der von Ohrgeräuschen und einer Art Burnout-Syndrom berichtete.

In all den Dienstjahren war es der größte Schock

Sein Hausarzt habe eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. „So etwas habe ich in fast 30 Dienstjahren nie erlebt“, betonte der Beamte – nicht einmal nach dem Flugzeugabsturz in Überlingen, als er verstreute Leichenteile gesehen habe. Im Gericht war es Revierleiter Wysotzki persönlich, der seinem Kollegen den Rücken stärkte.