Gleich zwei langgediente Mitglieder hat der Albstädter Gemeinderat verabschiedet: Susanne Feil (Grünen) und Friedrich Pommerencke (CDU)
Wäre es nach dem Senioritätsprinzip gegangen und nicht nach dem Alphabet, dann hätte Friedrich Pommerencke zuerst verabschiedet werden müssen, denn er hat dem Albstädter Gemeinderat immerhin 22 Jahre lang angehört, erst von 1980 bis 1988 und dann von 2009 bis 2023. Die zweite, 14-jährige Tranche ist deckungsgleich mit der Zeit, die Feil im Gemeinderat verbracht hat. Aber „F“ kommt vor „P“, und deshalb musste der Senior sich gedulden.
Ladies first. Oberbürgermeister Roland Tralmer bescheinigte Feil in seiner Laudatio Begeisterungsfähigkeit und eine soziale Ader, die sie speziell für den SKSS prädestiniert habe, und würdigte sie als Mitbegründerin von Tailfingens „Langer Tafel“, als Küchenmeisterin des Arbeitskreises Chambéry und als Unterstützerin ukrainischer Kunst und Künstler. Politisch gehörte man unterschiedlichen Lagern an, doch meinte Tralmer in jüngster Zeit eine Annäherung der Standpunkte wahrgenommen zu haben, die nun keine Fortsetzung mehr finden werde – Susanne Feil habe beizeiten die Reißleine gezogen.
Kein „Spiegel der Bevölkerung“
Danach hatte die scheidende Grünen-Fraktionschefin das Wort. Sie scheide nicht leicht und auch nicht leichtfertig, erklärte sie, konstatierte bedauernd, dass sie diverse kommunalpolitische Großbaustellen zurücklasse – „Hallen und Hufeisen“ – , bei denen sie auf tragfähige Lösungen nur hoffen, sie aber nicht mit herbeiführen werde, und bekannte sich zu ihrem Glauben an die Kraft menschlicher Kommunikation. Den „Hinterbliebenen“ im Gemeinde bescheinigte sie Wissen, Expertise und Erfahrung, sprach ihnen aber das Recht ab, sich als „Spiegel der Bevölkerung“ zu betrachten: Dafür sei das Gremium zu alt, zu männlich, zu saturiert –“Setzen Sie bitte bei den Kommunalwahlen junge Leute auf die Listen!“ Immerhin: Ihren Platz wird eine junge Frau einnehmen: ihre eigene Tochter Fenja Feil.
Eine gelbe Weste für den OB
Scheidende Gemeinderäte bekommen Urkunden und Medaillen; Susanne Feil revanchierte sich bei Roland Tralmer mit einer Signalweste, die sie bei einer Stadtputzete in Nordirland ergattert hatte: „Tidy Towns Volunteers – Freiwillige für saubere Städte“ stand darauf, und der OB, Verfechter eines „sicheren und sauberen“ Albstadts, versprach bereitwillig, die Weste bei nächster sich bietender Gelegenheit anzuziehen.
Friedrich Pommerencke hörte sich die Laudatio, in der Tralmer an die Gründung des Tailfinger Wochenmarkts, Tailfinger Stadtfeste und Tailfinger Sanierungsrunden, an „Albstadt-Mäusle“, „Open Air“ und „Fröhlichen Alltag“ sowie die Besuche von Politgrößen wie Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt, Kurt-Georg Kiesinger und Philipp Jenninger erinnerte, fast schon missmutig an. Erst als er selbst sprach, schien sein charakteristisches Temperament zu erwachen: Er erinnerte sich mit Wärme an die Oberbürgermeister Hans-Martin Haller und Jürgen Gneveckow, vor allem aber an Hans Pfarr, den er als den „Glücksfall des jungen Albstadt“ rühmte.
„Nur ein freiheitsliebender Mensch“
Zum Schluss kam er auch auf den Schatten der jüngeren Zeit zu sprechen: seine prononcierte Impfskepsis und die Teilnahme an Ebinger Sonntagsspaziergängen, die ein „unausgesprochenes Strafgericht“ zur Folge gehabt habe: Drei Jahre lang habe keinen Termin als Oberbürgermeisterstellvertreter mehr wahrgenommen dürfen. „Dabei bin ich nur ein freiheitsliebender Mensch.“ Roland Tralmer gestand ihm die eigene Meinung zu – an der Bereitschaft dazu erweise sich die Stärke der Demokratie.