Bereits zu Anfang des Jahres hatten die Albstadtwerke etatmäßig die Energiepreise erhöht – im Sommer legen sie außerplanmäßig nach. Der Grund: Die Bezugspreise gehen durch die Decke.
Albstadt - Um rund 15 Prozent werden Anfang Juni die Strompreise steigen, sogar um 19 Prozent Anfang Juli die Gaspreise – für die vierköpfige Standardfamilie mit einem jährlichen Stromverbrauch von 3000 Kilowattstunden und einem Gasverbrauch von 20 000 Kilowattstunden per annum bedeutet das zusätzliche Stromkosten von 13,50 Euro pro Monat und Mehrkosten für Erdgas von 31,14 Euro pro Monat.
Ukrainekrieg ist nur ein Grund
Der Krieg in der Ukraine ist nur zum Teil schuld daran – er hat eine Lage nur verschlimmert, die schon davor nicht gut aussah. Bekanntlich waren die globalen Lieferketten und die Produktions- und Rohstoffkapazitäten dem Konjunkturaufschwung nach der Corona-Flaute von 2020 nicht so recht gewachsen gewesen; das führte dazu, dass auf einmal vieles sehr teuer und manches überhaupt nicht mehr zu haben war. Auch Energie – spätestens im Herbst 2021 steigen die Weltmarktpreise für Strom und Gas rapide an. Die Folge: Zahlreiche Lieferanten, vor allem aber Discounter, gerieten in schwere Bedrängnis; einige mussten Insolvenz anmelden, andere versuchten, der Zahlungsunfähigkeit dadurch zu entgehen, dass sie die Kunden mit den billigen Tarifen hinauskomplimentierten. Nicht wenige von ihnen erhielten zum Jahresende die Kündigung – die Anwälte der Verbraucherschutzverbände sind mit der Prüfung, ob diese Kündigungen rechtens sind, immer noch gut beschäftigt.
Theoretisch aus dem Schneider – praktisch nicht
Die Albstadtwerke setzen, anders als die Discounter, deren Geschäft von der raschen Reaktion auf kurzfristige Veränderungen volatiler Märkte lebt, auf Sicherheit und hatten bereits 2019 für die Jahre 2021 und 2022 eingekauft – theoretisch waren sie erst einmal aus dem Schneider, denn die Preise, die sie zahlten, waren in besseren Zeiten vereinbart worden. Praktisch sah die Situation nicht ganz so gut aus, denn die Albstädter und Bitzer Discounterkunden, die vor die Tür gesetzt wurden, müssen von den Albstadtwerke übernommen werden, weil die für die Grundversorgung zuständig sind. Da in ihren Verträgen nicht nur Tarife, sondern auch Liefermengen festgeschrieben sind, waren sie auf über 400 neue Kunden nur bedingt eingerichtet: Nun mussten sie ihrerseits neu einkaufen, und zwar zu Strom- und Gaspreisen, die sechsmal so hoch waren wie im vergangenen Sommer. Das hält auch ihre Kalkulation nicht ewig aus.
Beschaffung ausgesetzt
Der Krieg in der Ukraine war unter diesem Umständen nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Albstadtwerke haben auf den rasanten Preisanstieg nach Kriegsausbruch reagiert, indem sie die Beschaffung von Strom und Gas für 2023 aussetzten und die Bugwelle der Preissteigerung passieren ließen. Sie sehen sich momentan in dieser Strategie bestätigt – die Preise sind inzwischen wieder leicht gefallen und werden nach Einschätzung von Geschäftsführer Thomas Linnemann und Vertriebsleiter auf hohem Niveau verharren. Bewahrheitet sich die Prognose, ist die nächste Preiserhöhung erst wieder Anfang 2023 fällig – vielleicht kommt sogar vorher eine Strompreissenkung, weil die EEG-Umlage abgeschafft wird.
"Corona wird dann nur ein Schnupfen gewesen sein"
Sollte allerdings irgendjemand in nächster Zeit den russischen Gashahn abdrehen, dann wären alle Kalkulationen Makulatur. Dass die Deutschen für die Ukraine frieren müssen, erwartet Thomas Linnemann nicht; eine Rationierung des Gases, prognostiziert er, würde weniger die Privathaushalte treffen als die Wirtschaft. Aber was sei Deutschland ohne funktionierende Wirtschaft? "Für das, was dann kommt, gibt es keine Blaupause – aber Corona wird im Vergleich dazu ein Schnupfen gewesen."