Aus dem Mai-Scherz 2018 könnte bald Realität werden: Hinter dem Wohnhaus von Klaus Konzelmann in Truchtelfingen liegt die Talgangbahn-Trasse. Ihre Reaktivierung gehört zu den bedeutendsten Entscheidungen des Gemeinderats in seiner Amtszeit – und die Umsetzung des Beschlusses zu seinen größten Wünschen. Foto: Susanne Conzelmann

Der scheidende Oberbürgermeister von Albstadt, Klaus Konzelmann, zieht seine persönliche Bilanz der achtjährigen Amtszeit: Was hat ihn am meisten gefreut und geärgert? Worauf ist er stolz? Wer waren seine Helfer und welche Steine lagen auf seinem Weg? Ein Gespräch über Baustellen und Befindlichkeiten, über Eiertänze und die Macht der Mehrheit, über die starke Mannschaft hinter ihm und über seine Pläne für die – endlich selbstbestimmte – Zukunft.

Am Mittwoch, 31. Mai, endet die Amtszeit von Oberbürgermeister Klaus Konzelmann, der kürzlich beim Bürgerfest seine Bilanz präsentiert hatte. Im Gespräch mit unserer Redaktion geht es um Persönliches, Begegnungen, Tief- und um Höhepunkte.

 
Foto: Eyrich

Herr Konzelmann, acht Jahre Amtszeit sind vorbei. Was haben die mit Ihnen gemacht? Haben Sie sich verändert?

Meine Persönlichkeit bestimmt nicht. Ich bin offen, leutselig, ehrlich wie vor acht Jahren, aber abgehärteter gegenüber Angriffen, die während der Corona-Zeit unglaublich zugenommen haben: Unverschämtheiten, Ich-Bezogenheit – gerade habe ich wieder einen Brief erhalten, dessen Autor mich beleidigt von Seite eins bis Seite fünf. Solche kamen immer wieder. Oft wird der Schreiber auch beleidigend gegenüber Mitarbeitern der Stadt. Nächstes Jahr bin ich 30 Jahre in der Kommunalpolitik, und jetzt ist es gut, jetzt sollen es Jüngere machen, die gewisse Dinge leichter nehmen. Es tut gut, jetzt einen Schnitt zu machen, und ich freue mich auf den neuen Lebensabschnitt.

Foto: Eyrich

Was bringt der Ihnen?

Vor allem werde ich mich mehr um meine Familie und meine Hobbys kümmern, meinem Neffen ab und an auf seinem Hof helfen, was mein Bruder gesundheitsbedingt nicht mehr kann, und mich um meinen Enkel Levi kümmern. Der kleine Kerl, im Juli 2022 geboren, hat so eine Freude am Leben, springt schon herum. Vor allem aber habe ich meiner Frau endlich mehr gemeinsame Zeit versprochen. Ich werde nicht mehr fremdgesteuert sein. Bisher wusste ich im Januar schon, was ich im Juni mache, und war doch mal ein freier Abend dabei und meine Frau hat etwas geplant, kam kurzfristig etwas dazu.

2015 wurde Klaus Konzelmann vereidigt. Foto: Kistner

War Ihre Amtszeit so, wie Sie es erwartet hatten?

Nicht alles. Mehrere Projekte konnte ich mangels Geld oder mangels Mehrheit im Gemeinderat nicht umsetzen, etwa den Rathaus-Anbau oder die Verlegung der Stadtbücherei in die Innenstadt. Dann die ganze Hallenproblematik: 2015 wollten wir schon Nägel mit Köpfen machen, die Festhalle abreißen und haben einen neuen Standort gesucht. Dann hat der Gemeinderat umgeschwenkt. Das ist schade.

Muss sie wirklich abgerissen werden?

Wenn jemand sie mietet, ist es brandschutztechnisch und statisch schwierig. Keiner ist bereit, die Verantwortung zu übernehmen, deshalb unterschreibe ich jeden zweiten Tag einen Nutzungsantrag. Das kann so aber nicht bleiben.

Was hätten Sie gerne noch zu Ende gebracht?

Den Spatenstich für die Ortsumfahrung Lautlingen und das Gewerbegebiet Hirnau hätte ich gerne noch gemacht, und ärgere mich, dass es nicht geklappt hat. Hätte der Gemeinderat dem Bau von „XXL Lutz“ zugestimmt, wäre Hirnau schon auf dem Weg. Aber das Gewerbegebiet wird kommen, und die Ortsumfahrung auch – ober- oder unterirdisch, das ist mir egal. Zehn Jahre wird es aber wohl noch dauern, bis man da mal fahren kann.

Hirnau bleibt ein Streitpunkt.

Ja, aber wir brauchen dringend Gewerbefläche, Lichtenbol ist voll und Unternehmen wollen sich niederlassen. Deshalb sind wir auf den Zug „Interkommunaler Industrie- und Gewerbepark Zollernalb“ aufgesprungen und haben in Meßstetten einen guten Partner gefunden. Das war mein erster Sprung, und Balingen ist an der letzten Haltestelle auch noch eingestiegen, denn alle brauchen Fläche. Die Gewerbebrachen in der Stadt sind größtenteils als Lager vermietet, und Unternehmen, die erweitern wollen, wollen heute anders bauen.

In anderen Bereichen haben Sie mehr hingekriegt...

Wir haben mehrere Kindergärten und für 40 Millionen Euro Straßen gebaut. Dann kam eines nach dem anderen: Montags kam Baubürgermeister Udo Hollauer und erzählte, dass zwei Decken der Kirchgrabenschule bei er jüngsten Sanierung nicht gemacht wurden. Die Maßnahme kostet drei bis vier Millionen Euro. Ein anderer Fall: die Kita Alfred Haux. Da waren die Mäuse drin. Oh je, dann müssen wir zumachen. Wohin mit den Kindern? Mein Vorschlag: in die Kita Gartenstraße. Dann hieß es: Haux müssen wir abreißen. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Oder die Kita Laufen, wo plötzlich Bedarf war. So kamen immer wieder zusätzliche Aufgaben, so dass wir anderes, das ich gerne umsetzen wollte, nicht mehr umsetzen konnten. Aber insgesamt bin ich zufrieden.

Foto: Eyrich

Was war Ihr Lieblingsprojekt?

Dazu zählt in jedem Fall der Hochschul-Bau in der Gartenstraße. Toll, dass der Gemeinderat zugestimmt hat, obwohl es zunächst nicht danach aussah, weil wir keine langfristige Mietzusage hatten – für eine Investition von 4,5 Millionen Euro. Aber ich hatte Rektorin Ingeborg Mühldorfer versprochen, mich dafür einzusetzen – auch als Signal, dass wir zur Hochschule stehen, die immer mehr Zulauf hat. Dass der Gemeinderat dennoch mehrheitlich zugestimmt hat, darauf bin ich richtig stolz. Dann kam auch die Zusage für eine längere Mietzeit. Aber für das Gebäude würden wir immer einen Mieter finden.

Worauf sind Sie noch stolz?

Stolz macht mich, wie viel wir im Kita-Bereich hingekriegt, wie viele tolle neue Einrichtungen wir geschaffen haben. Alleine über 100 neue Mitarbeiterinnen haben wir für die Kitas eingestellt. Die Neue Mitte Tailfingen ist toll geworden, das Kunstmuseum und das Maschenmuseum. Die Leute sehen immer, was man neu baut, aber wir haben auch sehr viel saniert, und das kostet alles Geld. Alleine für die Sanierung des Parkhauses am Bahnhof waren es 6,3 Millionen Euro.

Ihre größte Baustelle ist das Lammerberg-Schulzentrum, das jetzt bei mehr als 70 Millionen Euro steht. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, dafür in der Stadt neu zu bauen?

Die Sanierung des Progymnasiums liegt voll im Kostenrahmen. In die Höhe treibt die Kosten der bevorstehende Abriss der Realschule und der Neubau. Wir wollten in Beton bauen und obendrauf in Holzständerbauweise, doch das geht wegen der verschärften Erdbebenvorschriften und der Traglast nicht. Deshalb wird alles aus Beton, daher die Kostensteigerung. Außerdem wird derzeit alles, was mit Elektro zu tun hat, 70 Prozent teurer.

Ein Zurück gibt es nicht mehr...

Nein, wir müssen weiter machen, haben aber dann ein richtig tolles, barrierefreies Schulzentrum, auf das ich mich freue.

Haben Sie dem Baudezernat je Vorwürfe gemacht?

Das kann ich nicht, denn wenn wir an die Fördertöpfe rankommen wollen wie mit Lammerberg, dann müssen wir bestimmte Anforderungen erfüllen, und die kosten leider Geld.

Hingezogen hat sich ja auch das Projekt Technologiefabrik...

Das war ein Eiertanz! Der Gemeinderat hat dem Kauf des Gebäudes nicht zugestimmt. Zwei Jahre später haben wir es dann gemietet, hätten zwei Jahre früher drin sein können. Dasselbe gilt für das Maag-Areal, das ich dem Gremium drei Mal zum Kauf vorgeschlagen habe – das erste Mal aus der Insolvenzmasse. Inzwischen will der Gemeinderat es kaufen – aber jetzt wird es für sieben Millionen Euro angeboten. Auf das Areal hätten wir eine Kulturhalle, eine Sporthalle und eine Mensa für Hohenberg- und Schlossberg-Realschule bauen können. All das sind Enttäuschungen, aber da muss man drüber stehen – Mehrheitsentscheidungen gelten, und ich akzeptiere das.

Das Stadtsäckel wird aktuell wieder schmaler...

Oh ja. Ich hatte das Glück, dass 2015 bis 2019 gute Jahre waren, wir Schulden abbauen und trotzdem viel investieren konnten. Jetzt ist wieder kein Geld da, und dann muss man Wünsche auch mal zurückstellen. Das wird meinem Nachfolger auch nicht erspart bleiben.

Foto: Eyrich

Wer war im Rathaus denn Ihre größte Stütze?

Meine persönliche Referentin Sarah Braun war ein Glücksgriff: Sie ist menschlich total in Ordnung, intelligent, kann zupacken, hat viel Ahnung und genießt die Anerkennung aller im Rathaus. Außerdem Hauptamtsleiter Josef Klaiber. Ist etwas problematisch, geht man zu Klaiber. Er weiß immer Rat. Sehr gute Berater waren auch meine Mitarbeiterinnen im Bürgermeisteramt, und die allerbeste Beraterin jenseits des Rathauses ist meine Frau, die ein Problem von außen und von der menschlichen Seite betrachtet. Sie hat mir immer gute Anregungen gegeben.

Wie viel ist bei Ihnen gelandet?

Bei 974 Mitarbeitern – 81 Beamte, 823 Angestellte im öffentlichen Dienst und 36 Azubi – ist immer etwas. Das Hauptamt regelt das meiste, aber wenn es problematisch wurde, landete es letztlich bei mir.

Foto: Eyrich

Bei welchen Veranstaltungen hatten Sie die schönsten Erlebnisse?

Als Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Kita Veilchenweg besuchte und total begeistert war – eine ganz neue Kita, eine Kooperation zwischen Stadt und Kirchengemeinde: darauf war ich stolz. An der Fuchsfarm waren wir mit ihm wandern und grillen, und er sagte, er esse die Wurst kalt: „Seit es Pfannen gibt, brät man keine Wurst mehr am Feuer!“ Toll war auch die Reise zur Mountainbike-WM in Nove Mesto mit dem Ersten Bürgermeister Anton Reger, Amtsleiter Jo Triller und Stephan Salscheider, obwohl die Fahrt eine Tortur war. Aber die WM war toll – es hätte mich gefreut, wenn wir unsere 2020 auch hätten ausrichten können. Außerdem natürlich die tollen Veranstaltungen der Literaturtage. Da bin ich sehr stolz auf die ganze Mannschaft im Kulturamt und dass neben all den Hoch- und Tiefbauten die Kultur nie zu kurz gekommen ist – selbst zu Corona-Zeiten mit der Event-Wiese, die sehr gut vom Publikum angenommen wurde.

War es ein Problem, dass Ihr Sohn Max im Kulturamt arbeitet?

Nein. Er hat mir erst nachher von seiner Bewerbung erzählt, und als Hauptamtsleiter Klaiber fragte: „Wie machen wir das?“ sagte ich: „Wie bei allen Bewerbern. Entweder bekommt er die Stelle, oder nicht.“ Bekommen hat er sie, weil er schon mehr Erfahrung im Organisieren von Veranstaltungen hatte als die anderen Bewerber, alles Schulabgänger. Im Kulturamt war zudem nicht er mein Ansprechpartner, sondern der Amtsleiter. Max war einer von 974 Mitarbeitern.

Was hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten überrascht?

Die regelmäßigen Treffen mit den Oberbürgermeistern aus dem Regierungsbezirk. Davon wusste ich vorher nichts. Mittags haben wir getagt, und abends sind wir eingekehrt, auch mit unseren Frauen. Meine Frau hat dort Freundinnen gefunden, und auch wir OBs: Da konnte man dann auch einfach mal einen Kollegen anrufen und etwas fragen.

Sind Freundschaften fürs Leben entstanden?

Mit Sicherheit. Einige der Kontakte werden bleiben.

Hat Sie das Amt auch Freunde gekostet, etwa wenn jemand etwas von Ihnen erwartet und es nicht bekommen hat?

Bewusst nicht. Manche Bürger, die immer wieder in die Sprechstunde kommen, sind natürlich schon sauer, wenn ihre Erwartung nicht erfüllt wird, weil es einfach nicht geht. Oft haben Bürger mir etwas geschildert, und wenn ich den Hintergrund von den Rathaus-Mitarbeitern erfuhr, stellte sich heraus: Es war ganz anders. Ich habe mich auch immer hinter die Entscheidung der Ämter gestellt, wenn sie rechtmäßig waren, und das waren sie in der Regel.

Was war der größte Unterschied zu Ihrem vorherigen Beruf als stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei in Balingen?

Dass es im Rathaus immer jemanden gab, der sich eines Anliegens annahm. Bei der Kripo habe ich oft keinen gefunden und es dann selbst gemacht.

Haben Sie Routinen in Ihrem Alltag verändert?

Ja. Samstags und sonntags bin ich seltener in die Stadt, wenn ich nicht ins Rathaus musste. Es ist zwar nett, wenn jeder einen kennt und mit einem plaudert, aber oft heißt es dann: „Herr Konzelmann, wenn ich Sie gerade sehe...!“ Das ist mir sogar mal bei einer Bergwanderung im Urlaub passiert. Mit den Leuten rede ich immer gerne – aber irgendwann hat man auch mal genug.

Was wünschen Sie sich für Albstadt?

Dass das Schulzentrum Lammerberg bald fertig wird, dass die Talgangbahn kommt und wir bald wissen, was im Bereich Bahnhof Ebingen Sache ist, für den wir vor vier Jahren das Sanierungsgebiet aufgestellt haben. Wer mit dem Zug kommt, muss durch ein Loch, die Unterführung. Das muss offen sein, und ich wünsche mir, dass das schnell kommt. Außerdem: Dass der Gemeinderat sich mal auf eine Entscheidung zur Festhalle einigt. Die muss dieses oder nächstes Jahr getroffen werden.

Wie schwer wird es Ihnen fallen, morgens die Zeitung zu lesen?

Natürlich werde ich das Kommunalgeschehen aufmerksam verfolgen, aber mich nicht einmischen. Künftig halte ich mich da raus. Im Kreistag bleibe ich bis zur Wahl 2024.

Darf Ihr Nachfolger Roland Tralmer Sie anrufen, wenn er einen Rat braucht?

(Lacht) Dann wird er erst mal Josef Klaiber anrufen. Aber er darf es gerne. Wir sind ja weder politisch noch persönlich Gegner, und ich wünsche ihm auf jeden Fall alles Glück! Das Wichtigste ist, dass er auf die Mannschaft der Stadt zählen kann. Wenn es darauf ankommt, stehen sie da, sehen die Arbeit und packen an. Als der Ukraine-Krieg begann und viele Geflüchtete ein Dach über dem Kopf brauchten, waren die Mitarbeiter oft abends bis 20 oder 21 Uhr da – und morgens ab 6 Uhr wieder. Auf eine solche Mannschaft kann man stolz sein, sie ist das Kapital einer Stadt. Auf sie können wir bauen, und das habe ich den Mitarbeitern auch gesagt.

Welche Schlagzeile möchten Sie gerne mal über Albstadt lesen?

(Schmunzelt) Dass Albstadt auch eine Gartenschau bekommt – und die Bahn durch den Talgang fährt. Das würde mir gefallen.

Obwohl Sie direkt an der Trasse wohnen?

(Lacht) Wir würden wohl sogar einen Haltepunkt bekommen – da kann ich dann später sogar mit dem Rollator hinfahren!