Kinderlähmung: Hans Pfarr legt sein Amt als Polio-Plus-Koordinator für Rotary Deutschland nieder
Albstadt-Ebingen - Für Hans Pfarr endet eine Ära und für Afrika beginnt eine neue: Der Kontinent ist nun komplett als Polio-frei zertifiziert und der langjährige Polio-Beauftragte von Rotary Deutschland gewinnt neue Freiräume: Nach 20 Jahren gibt er diese Aufgabe ab.
Es war ein Höhepunkt zum Ende seiner Zeit als Koordinator der Kampagne "End Polio now" – beendet Kinderlähmung jetzt – für Rotary Deuschland: Hans Pfarr, Albstadts erster Oberbürgermeister, war am Dienstagabend, wenn auch virtuell, live dabei, als der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Ghebreyesus, die Urkunde entgegen genommen hat, die Afrika als Polio-frei zertifiziert. "Es war beeindruckend", schwärmt Pfarr. "Die Staatsoberhäupter der 47 afrikanischen Nationen waren zugeschaltet, viele in bunten nationalen Trachten mit Kopfschmuck."
Eine Stunde lang hat Hans Pfarr aus seinem Arbeitszimmer unter dem Schlossfelsen die Konferenz, die ein Meilenstein für Afrika sei, mitverfolgt. Dort hätten zunächst die unabhängigen Prüfer berichtet, die zuvor durch die Staaten gereist seien, um zu verifizieren, dass das gefährliche Virus tatsächlich nirgends mehr vorkomme. Nigeria war der letzte Staat gewesen, in dem Fälle aufgetreten war. Seit 2016 gilt aber auch das westafrikanische Land als Polio-frei.
Die Stiftung verdreifacht jeden Spendendollar
Danach habe der aktuelle Präsident von Rotary International, der Deutsche Holger Knaack vom Club Herzogtum Lauenburg-Mölln, gesprochen, den Pfarr seit vielen Jahren gut kennt. Was den Alt-Oberbürgermeister besonders freut: Christopher Elias von der "Bill und Melinda Gates"-Stiftung habe die gute Zusammenarbeit gelobt und zugesagt, sich weiterhin im bisherigen Maß zu engagieren: Der Microsoft-Gründer und seine Frau verdreifachen seit vielen Jahren jeden Spendendollar, den Rotary für den Kampf gegen die Kinderlähmung sammelt. 890 US-Dollar kamen bisher vom Internationalen Club. 580 Millionen Euro hat die Bundesregierung investiert.
Afghanistan und Pakistan sind noch betroffen
Dennoch ist Polio nicht ausgerottet: In Afghanistan und Pakistan grassiert das wilde Virus noch, und weil es seit Beginn der Coronavirus-Pandemie unmöglich sei, dort Impfaktionen gegen Polio durchzuführen, stiegen die Fallzahlen, berichtet Pfarr. "Immerhin können sie die Infrastruktur, die für Polio-Impfungen existiert, für Covid-19-Tests nutzen." Besonders schwierig sei der Kampf gegen die Kinderlähmung in den beiden asiatischen Ländern deshalb, weil dort viele Nomaden unterwegs und damit kaum zu entdecken seien. Rotary habe deshalb GPS-Geräte und Smartphones beschafft, um Nomadenstämme ausfindig zu machen und sie impfen zu können.
Entscheiden sei es freilich auch, die Frauen zu überzeugen, ihre Kinder impfen zu lassen, wie das Beispiel Nigeria gezeigt habe: Dort hatten Religionsführer gegen das Impfen mobil gemacht, doch bei Aktionen des Rotary Clubs hätten Frauen auf die Mütter eingewirkt – und sie überzeugt. "Ihnen und den Müttern hat die Vertreterin von Unicef bei der Konferenz am Dienstag besonders gedankt", betont Pfarr.
Nun sei es wichtig, den Durchimpfungsgrad hoch zu halten – erst wenn er bei 96 Prozent liege, könne das Polio-Virus sich nicht mehr verbreiten, betont Pfarr. "Auch die Voraussetzungen dafür sind überprüft worden." Mit der Urkunde, auf der alle Prüfer unterschrieben hatten, sei auch der Wunsch des inzwischen verstorbenen Nelson Mandela in Erfüllung gegangen, sagt Pfarr: "1996 hatte der damalige südafrikanische Präsident unter dem Motto ›Kick Polio out of Africa‹ zum Sturm auf das Virus geblasen." Nun ist es soweit: Afrika hat das Virus vom Kontinent gekickt.
Für Hans Pfarr ist das nach 20 Jahren der Punkt, an dem er sich als Deutschland-Koordinator der Aktion "Polio Plus" zurückzieht. Künftig wird es einen gemeinsamen Koordinator für Deutschland, die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein geben: Urs Herzog. Der Mediziner ist selbst als Kind an der Kinderlähmung erkrankt.
Im örtlichen Club bleibt er "Mister Polio"
Für seinen Rotary-Club Ebingen-Zollernalb bleibt Hans Pfarr "Mister Polio", zumal es ihm wichtig ist, dass das Ziel einer Polio-freien Welt erreicht wird. Wie schwer es nach den bisherigen Erfolgen ist, manche zum Weitermachen zu motivieren, hatte er in den vergangenen Jahren bereits erlebt, in denen er rund 15 Stunden pro Woche investiert hat: Recherchieren für den Newsletter, Vorträge vorbereiten und halten – in ganz Deutschland ist Pfarr herumgereist, und weiß deshalb auch um den Wert persönlicher Kontakte für die Zusammenarbeit. "Man muss einen langen Atem haben und sich selbst immer wieder motivieren", betont er, doch inzwischen ist er längst "im positiven Sinn von ›Polio Plus‹ infiziert und stolz, dass es gelungen ist, Afrika Polio-frei zu machen."
Weitermachen bis das große Ziel erreicht ist
Deswegen will der 83-Jährige auch noch weiter machen – das große Ziel vor Augen: "Eine Welt ohne Kinderlähmung" – das haben Rotary International sowie die "Bill und Melinda Gates"-Stiftung versprochen.
Albstadt-Ebingen (key). Was dem Kampf gegen die Kinderlähmung dient, können Mediziner auch gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus nutzen.
Die "Global Polio Eradication Initiative" (GPEI), also die weltweite Initiative zur Ausrottung von Kinderlähmung, zu der auch Rotary gehört, hat Impf- und Aufklärungskampagnen organisiert, Wege gefunden, um Kinder in schwer zugänglichen und in Kriegsgebieten zu impfen, ist auf Bahnhöfen, Märkten, in Auffanglagern, an Grenzstellen und großen Straßen aktiv, um zu impfen, sammelt Spenden, wirbt bei Regierungen, Behörden und Führungspersönlichkeiten aus Politik und Religion und betreibt Öffentlichkeitsarbeit, um den Kampf gegen die folgenreiche Krankheit voranzutreiben. Dank der vielen Aktivitäten konnte auch immer schnell und wirksam auf Ausbrüche reagiert werden. Mit Spenden von Rotary sind laut Hans Pfarr GPS-Geräte und Smartphones angeschafft worden, mit deren Hilfe Nomaden ausfindig gemacht werden können, um sie zu impfen. In Afrika ist Rotary in 47 Ländern mit 1400 Clubs und 32 000 Mitgliedern präsent.
Die flächendeckende Infrastruktur, die im Kampf gegen die Kinderlähmung geschaffen wurde, spielt derzeit laut Hans Pfarr eine entscheidende Rolle bei den Maßnahmen gegen Covid-19 sowie andere vermeidbare Krankheiten und bei der Bereitstellung umfassender Gesundheitsdienste in bedürftigen Gemeinden. "Das", so Pfarr, "ist das wirkliche ›Plus‹ von PolioPlus."