Foto: Foto: Schwarzwälder Bote

"Im Herbst muss man auf die Alb" heißt es unter Freunden

"Im Herbst muss man auf die Alb" heißt es unter Freunden schöner bunter Wälder. Im Winter aber anscheinend auch: Der herrliche Schnee, der in jüngster Zeit reichlich auf Albstadt herabgerieselt ist, lockt sie an, die Wanderer und Wintersportler. Aus Tübingen, Böblingen und Sindelfingen, ja sogar von weiter her, aus Heilbronn, Ludwigsburg und anderen größeren Städten.

Verständlich irgendwie. Da hocken die Leute im Lockdown wochenlang aufeinander in ihren Stadtwohnungen, viele sogar im Homeoffice oder beim Homeschooling – dann wollen sie am Wochenende einfach raus, frische Luft schnuppern, der Enge der Stadt entfliehen. Und wo könnte man das besser als auf der schönen Schwäbischen Alb, auf den Traufgängen rund um Albstadt? Zwei davon –"Schneewalzer" bei Burgfelden und "Wintermärchen" bei Onstmettingen – sind sogar Premium-Winterwanderwege, und machen ihren Namen bei solchem Wetter alle Ehre.

Dass manche teils mehrere hundert Kilometer weit fahren, um dann ein paar Kilometer zu laufen, ein paar Stunden zu rodeln oder über Loipen zu skaten, mag uns Albstädtern unverständlich sein. Weil all jene von uns, die noch nie in einem Ballungsraum gelebt haben, es vielleicht nicht kennen: das Gefühl, im tristen Häusermeer und inmitten von Auto-Strömen zu ersticken, wenn der Winter kalt und grau ist, kein Fleckchen Grün in Reichweite. Die Coronavirus-Pandemie mit ihren Folgen verschärft dieses Gefühl der Enge überdies.

Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob es wirklich solcher Mammut-Touren bedarf, um nicht verrückt zu werden in den eigenen vier Wänden. Je mehr Auto-Kilometer, desto größer die Gefahr eines Unfalls und desto zahlreicher die Verletzten in den Krankenhäusern, wo Ärzte und Pflegekräfte gerade andere Sorgen plagen. Zudem ist die Gefahr, sich mit dem neuartigen Coronavirus anzustecken, selbst bei Bewegung im Freien nicht gebannt: "Die Wahrscheinlichkeit, mit virushaltigen Tröpfchen und Aerosolen in Kontakt zu kommen, ist insbesondere im Umkreis von ein bis zwei Metern um eine mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infizierte Person erhöht", vermeldet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung dazu. Das dürfte vor allem dort der Fall sein, wo Wandergruppen zusammenstehen und sich ein Bierchen oder einen Glühwein genehmigen.

Dass nicht wenige ihren Müll danach an Skipisten, auf Parkplätzen oder gar den Wanderwegen selbst zurücklassen, wie mehrere Wintersportvereine im Schwarzwälder Boten berichtet haben, schlägt dem Fass dann vollends den Boden aus. Und wenn ein einheimischer Wanderer berichtet, dass er von einem Anderen angemeckert worden sei, weil er seine Mund-Nase-Maske trug, wenn es zu Pöbeleien und Beleidigungen auf eng zugestellten Parkplätzen kommt, stellt sich spätestens die Frage: Muss das eigentlich sein?

Am Wochenende steht die nächste Nagelprobe an, ob die Parkplätze rund um Albstadt ausreichen werden, ob Wanderer und Wintersportler – egal, von wo sie kommen – ihre guten Manieren mitnehmen auf ihre Tour. Und ihren Müll wieder mit nach Hause. So wunderschön, wie die Region um Albstadt gerade gezuckert ist, müssen wir uns schließlich nicht gegenseitig die Freude an der Natur versalzen. Schönes Wochenende!

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