Der Chor "cantus imperitus" gestaltete ein außergewöhnliches Programm mit außergewöhnlichen Stimmen. Foto: Miller Foto: Schwarzwälder Bote

Kirchenkonzert: "cantus imperitus" präsentiert in Bestform herausragendes Programm

Um Licht und Dunkelheit samt der Palette des damit verbundenen menschlichen Gefühlsausdrucks ging es in dem Konzert, das Martinskantor Steffen Mark Schwarz und das Gastensemble "cantus imperitus" in der Martinskirche gegeben haben.

Albstadt-Ebingen. Die 16 Sängerinnen und Sänger des "cantus imperitus", alle aus dem süddeutschen Raum, und ihr musikalischer Leiter Nikolai Ott spannten beim Konzert "Lux in tenebris – und die Finsternis hat’s nicht begriffen" in ihrer ambitionierten Werkauswahl einen Bogen über 400 Jahre Musikgeschichte – das Programm umfasste "Alte Musik" und Werke des Barock, aber auch viele zeitgenössische Stücke.

Die Verbindung von Musik, die vor 1750 und nach 1945 entstanden war, ist ein Markenzeichen des 2016 gegründeten Vokalensembles, das es liebt, Kontraste auszureizen und überraschende Übereinstimmungen auszuleuchten. Das Resultat ist eine reizvolle Binnenspannung, die ihre Wirkung in der Martinskirche umso zuverlässiger zu entfalten vermochte, da das Programm dramaturgisch klug zusammengestellt war.

Es begann mit einer Tonschöpfung von Carlo Gesualdo da Venosa – ein stimmiger Einstieg in ein Konzert, das um Tod, Leiden, Zerrissenheit, Schmerz und die Hoffnung auf Erlösung kreiste, denn immerhin hatte dieser Komponist, der zeitlich an der Schwelle von der Renaissance zum Barock steht, aus Eifersucht zwei Menschen umgebracht. Die Gespaltenheit seiner Seele wird in seiner Musik fühl- und hörbar.

Seinem "O vos omnes", auf Deutsch "O ihr alle", folgte eine zeitgenössische Vertonung exakt desselben lateinischen Textes. Indes wandelte Pawel Lukaszewskis Tonschöpfung auf deutlich kraftvolleren Beinen einher als das zarte Klanggespinst Venosas, dessen Ausdruck seelischen Schmerzes eher einem leisen Seufzen glich – der zuvor zwar selbstbewusste, aber doch zurückgenommene Ton des Chores steigerte sich zu Ende des zweiten Vortrages zu einem veritablen Aufschrei.

Was besonders gefiel: die jungen, frischen Stimmen, die klare Artikulation der zumeist in Latein gesungenen Texte, der wohldosierte Schönklang, der immer wieder aufblühte, und die kontemplative und dennoch sehr lebendige Atmosphäre.

Werk voller tiefer Emotionen über eine große Katastrophe

Besonders anrührend gestaltete "cantus imperitus" das über zehnminütige "Canticum Calamitatis Maritimae", in dem der Finne Jaakko Mäntyjärvi die Katastrophe des Untergangs der Estonia verarbeitet hat. Das Werk spricht eine individuelle, vielgliedrige Sprache voll tiefer Emotion. Allein die subtile Lautmalerei war für jeden Sänger eine Herausforderung. Nikolai Ott dirigierte das alles mit ruhiger, unaufgeregter Intensität. Fraglos füllt er seinen Part als musikalischer Leiter dieses Vokalensembles mit Herzblut aus.

Einen Großteil des Programmes in der Martinskirche bestritt der Chor a-cappella – die Rensch-Orgel prunkte nur gelegentlich mit warmer Kraft, beispielsweise als Steffen Mark Schwarz Arvo Pärts "Pari Intervallo" spielte, bis im Gotteshaus die Luft pulsierte.

Finaler Jubelgesang schloss thematisch den Kreis hin zum Sieg des Lichts und Christi Auferstehung: "Unicornis Captivatur" stammt aus der Feder des Zeitgenossen Ola Gjeilo und beschreibt in christlichen Tierallegorien das Osterwunder. Das, worin die Zuhörer einstimmten, war am Ende zwar kein Gesang, aber Jubel, der sich in minutenlangem stehenden Applaus ausdrückte. Der brach sich – passend zum Titel des herausragenden Konzertes – Bahn wie das Licht in der Dunkelheit.

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