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Albstadt Spionin mit Vorliebe für junge Männer

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"Les Charmettes" – in diesem alten Landhaus logierte vor bald 300 Jahren der große Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Foto: Kistner Foto: Schwarzwälder Bote

Drei Ausflugsangebote hatten die Chambérianer ihren Gästen aus Albstadt für den zweiten Tag des Partnerschaftstreffens unterbreitet – die hatten die Qual der Wahl.

Albstadt/Chambéry (mak). Da war zum einen die Wanderung auf den 1562 Meter hohen Mont Revard, zweitens die Besichtigung einer Käserei in Entremont le Vieux in der Chartreuse – samt Mittagessen mit mehreren Gängen – und drittens eine weitere Wanderung zu einem 360 Jahre alten Landhaus mit Namen "Les Charmettes", in dem der Philosoph Jean-Jacques Rousseau die laut eigener Aussage besten Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Frühe Jahre wohlgemerkt – es waren die 30er-Jahre des 18. Jahrhunderts, Rousseau war Anfang 20 und hatte noch keines seiner großen Werke verfasst. Damit ließ sich der junge Mann noch ein wenig Zeit; stattdessen las, nein, verschlang er die Bücher anderer Schriftsteller – er habe Wissen und Erfahrungen in dieser Zeit aufgesogen wie ein Schwamm, sollte er später schreiben. Die Erfahrungen waren nicht nur geistiger Natur – "Les Charmettes" gehörte Françoise-Louise de Warens, Rousseaus 13 Jahre älteren Mentorin, Gönnerin und Geliebten, einer bemerkenswerten Frau, die ihren Mann in der Schweiz verlassen hatte, im Ruf stand, für die Krone von Savoyen-Piemont zu spionieren und sich auf allen möglichen Geschäftsfeldern versuchte, meistens mit katastrophalen Ergebnissen. Die Liebesbeziehung hielt fünf Jahre lang; dann verließ Madame den jungen Mann für einen noch jüngeren.

Das Haus, in dem sich diese Geschichte abspielte, hat seither Revolutionen und Restaurationen erlebt. Vom einstigen Inventar ist wenig übrig; immerhin dokumentiert eine Sänfte, wie die eher füllig Madame de Warens den Anstieg zum Haus – "Les Charmettes" liegt am Berg – bewältigte: sitzend. Frühere Kuratoren haben antiquarisches Mobiliar zusammengetragen, die Tapeten bezeugen das Faible der Savoyarden fürs sogenannte "Trompe l’oeil": Es sind Simse, Säulen und sogar ein geöffnete Tür aufgemalt, die den Betrachter ins Bockshorn jagen. Die Bettlade Rousseaus wirkt nur mäßig bequem; die oben erwähnten Erfahrungen dürfte er im Nebenzimmer gesammelt haben, wo Madame in einem deutlich komfortableren Bett nächtigte.

Außer diesen Räumen besichtigten französische Gastgeber und deutsche Gäste – ihre Zahl war überschaubarer als die der Teilnehmer an der Käsereibesichtigung – den benachbarten französischen Garten, in dem Kräuter und Heilpflanzen an eine der Geschäftsideen von Madamen de Warens erinnern, die so oft verlustreich versandeten. Der Garten stammt aus dem vergangenen Jahrhundert – Jean-Jacques Rousseau hätten, wie der kenntnisreiche Führer einräumte, wenig gefallen; er hätte einem englischen Garten wohl den Vorzug vor den rechteckigen Beeten und der französischen Gartengeometrie gegeben. Für das geplante Picknick im Freien war es etwas zu feucht; die beiden Wanderführer Martine und Henri Prolongeau verlegten es kurzerhand nach Chambéry und luden ihre Begleiter zu sich nach Hause ein.

Physisch fordernder als der Besuch bei Rousseau war der Gipfelstrum auf den Revard – es dauerte fast fünf Stunden, bis die Wanderer den Aufstieg über Stock und Stein bewältigt hatten, es nieselte, und von der Aussichtsplattform war lediglich eine weiße Nebelwand zu erkennen. Erst gegen Ende schaute dann doch noch die Sonne durch die Wolken, und erschien die Panoramaansicht auf Aix-les-Bains und den Lac du Bourget, den größten natürlichen See, der ganz in Frankreich liegt – eine angemessene Entschädigung dafür, dass es mit dem Blick gen Osten, der bis zum Mont Blanc reichen sollte, an diesem Tag nichts war.

Informationen waren auch geboten: Wie die Ausflügler von Wanderführerin Michèle Bailly und ihrem Mann erfuhren, verband einst eine Ende des 19. Jahrhunderts konstruierte Zahnradbahn Aix-les-Bains mit dem Mont Revard. Ihr Betrieb wurde allerdings schon im frühen 20. Jahrhundert wieder eingestellt, und die Nachfolgerin, eine Seilbahn, stellte den Betrieb 1969 ein. Seither kommt man nur noch im Auto auf den Mont Revard. Oder zu Fuß.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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