Kriegsende: Am 25. April 1945 nahmen die Amerikaner in Tailfingen den Atomwissenschaftler Otto Hahn fest
Am 24. April 1945 hatten die Franzosen Tailfingen eingenommen – dass sich in der Stadt die Crème der deutschen Nuklearforschung aufhielt, wussten sie nicht. Die Amerikaner schon: Am 25. April bemächtigten sie sich handstreichartig Otto Hahns und seiner Mitstreiter.
Albstadt-Tailfingen. Im Februar 1944 war das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem durch Bomben weitgehend zerstört worden; Otto Hahn und Fritz Straßmann, die Entdecker der Kernspaltung, siedelten deshalb im Frühjahr 1944 mit ihren Wissenschaftlern und Technikern nach Tailfingen um und richteten sich dort in drei Fabrikgebäuden ein: in der Firma Ludwig Haasis in der damaligen Bahnhof- und heutigen Eisenbahnstraße, wo sich heute das "Musicland" befindet, im Fabrikgebäude Johannes Maier zum Ritter, heute Standort der IHK-Akademie, und in der Firma Konrad Ammann. Privat war Hahn bei der Fabrikantenfamilie Hakenmüller in der Panoramastraße untergebracht und Straßmann beim Arzt Dr. Kaiser in der heutigen Goethestraße 51.
Die "kriegswichtigen" Wissenschaftler, die den Alliierten nicht in die Hände fallen durften, blieben bis zum Kriegsende auf der Alb. Wie sich nach ihrer Internierung durch die Alliierten herausstellte, waren sie vom Bau einer Atombombe weit entfernt, doch die Amerikaner waren natürlich sehr interessiert an ihrer Arbeit und besaßen augenscheinlich gute Geheimdienstinformationen – auch über ihren Verbleib.
Volker Lässing, der das schwäbische Intermezzo der deutschen Kernforschung in seinen Büchern "Den Teufel holt keiner!" und "Forschung im Schatten der Zollerburg" dokumentiert hat, erhielt im Zuge seiner Recherchen Zugang zu US-Archiven; unter anderem sichtete er dort Einblick in Dokumente, in denen die politische Gesinnung der deutschen Wissenschaftler beurteilt wurde: Bei Hahn stand "Antinazi", "prodemokratisch", "ehrlich", "verlässlich" und "missbilligt den Nationalsozialismus".
In der Tat: Lise Meitner, Hahns vormalige engste Mitarbeiterin und Patin seines Sohnes Dietrich, war Jüdin, und Hahn setzte sich unerschrocken für Mitarbeiter ein, die etwa schikaniert wurden, weil sie jüdische Frauen hatten. Fritz Straßmann machte aus seiner Abneigung gegen das System kein Hehl und wurde deshalb im Dritten Reich nicht habilitiert.
Hahn forderte, Tailfingen nicht mehr zu verteidigen
Als am 23. April 1945 klar war, dass die Ankunft der Franzosen unmittelbar bevorstand, suchte Hahn den stellvertretenden Bürgermeister Robert Ammann im Rathaus auf und forderte ihn auf, auf eine Verteidigung von Tailfingen zu verzichten. Am Tag darauf war es dann so weit; in Tailfingen fiel kein Schuss.
Hahn war also alles andere als ein Nazi – verhaftet wurde er trotzdem. Am 25. April kurz vor 10 Uhr hielt ein Jeep vor der Villa Hakenmüller, zwei Uniformierte klingelten und fragten, als geöffnet wurde, nach Professor Hahn. Sie gehörten einer amerikanischen Spezialeinheit mit dem Decknamen "Alsos" an, die den Auftrag hatte, die Atomwissenschaftler in der Region "einzusammeln" – die Franzosen wussten von nichts.
Die Besucher, die akzentfrei Deutsch sprachen, waren sehr höflich, aber verbindlich; Hahns Frau Edith musste alle Unterlagen ihres Mannes herausgeben. Er selbst war nicht da, sondern in der Haasis-Fabrik, vor der, wie auch vor den beiden anderen Institutsstandorten, zeitgleich weitere amerikanische Militärfahrzeuge vorfuhren.
Die Herren waren förmlich; Gewalt wurde nicht angewandt. Der Forderung, seine Unterlagen einschließlich der Geheimpapiere zu übergeben, kam Hahn – anders als seine Kollegen in Hechingen und Haigerloch – bereitwillig nach; in sein Tagebuch schrieb er später, er habe einfach vergessen, sie beizeiten zu verstecken oder zu vernichten. Doppelposten sicherten die Eingänge, alle Räume wurden durchsucht und das gesamte Aktenmaterial konfisziert; allerdings versäumten die Amerikaner es, kalkuliert mit Papieren übersäte Schreibtische aufzuräumen. Wodurch ihnen, wie Fritz Straßmann später erzählte, das eine oder andere interessante Dokument entging.
Formvollendet wie nur selten in diesen Zeiten
Danach wurde Otto Hahn beiseite genommen und bekam unter vier Augen mitgeteilt, dass er sich für einige Zeit für die Amerikaner "zur Verfügung halten" müsse. So formvollendet wurde in dieser Zeit nicht jeder inhaftiert. Überhaupt befleißigten sich die Amerikaner bester Manieren, eskortierten in den folgenden Tagen sogar die jungen Tailfinger Mitarbeiterinnen der Institute zum Schutz vor Übergriffen nach Hause.
Als sie Anfang Mai wieder verschwanden und die Franzosen die Regie übernahmen, brachen allerdings rauere Zeiten an. Otto Hahn gaben die "Alsos-Leute zwei Stunden Zeit, sich auf seine Reise vorzubereiten; dann bestieg er vor der Haasis-Fabrik, wo sich mittlerweile viele neugierige Tailfinger versammelt hatten, einen amerikanischen Panzerspähwagen und fuhr von dannen.
Wohin? Auf Umwegen nach England, auf den Landsitz Farm Hall in der Nähe von Cambridge, wo Hahn und neun Kollegen, darunter Werner Heisenberg, Max von Laue und Carl Friedrich von Weizsäcker, bis Januar 1946 interniert wurden.
In Farm Hall erfuhr Hahn im August aus dem Radio vom Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und war am Boden zerstört – dafür wurde ihm im November mitgeteilt, dass er den Nobelpreis für Chemie erhalten habe. Wohlgemerkt schon 1944, aber die Königlich-Schwedische Akademie hatte mit der Bekanntgabe bis nach dem Krieg gewartet, weil die Nazis Hahn sonst gezwungen hätten, die Auszeichnung abzulehnen. Entgegennehmen konnte er sie erst ein Jahr später, am 10. Dezember 1946.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Hahn Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahre 1968 in Göttingen, kehrte aber noch mehrmals nach Tailfingen zurück, oft auf dem Rückweg von den Nobelpreisträgertreffen, die regelmäßig in Lindau stattfanden. Die Kontakte zu seinen alten Tailfinger Freunden wie Ludwig Haasis und der Familie Hakenmüller hat er nie abreißen lassen.
Weitere Informationen: Volker Lässing, Den Teufel holt keiner! CM-Verlag, gebunden, 230 Seiten. Volker Lässing, Forschung im Schatten der Zollerburg, CM-Verlag, gebunden, 224 Seiten.