Dietrich Hahn (stehend) erzählte im Maschenmuseum von Leben und Persönlichkeit seines Großvater Otto Hahn. Das Publikumsinteresse war, wie man sieht, groß. Fotos: Fischer Foto: Schwarzwälder-Bote

Dietrich Hahn erzählt im Maschenmuseum über das Leben seines berühmten Großvaters Otto Hahn

Von Judith Fischer

 

Albstadt-Tailfingen. "Er war ein liebenswerter, gütiger Mann mit viel Humor." So hat Dietrich Hahn seinen berühmten Großvater Otto Hahn, den Entdecker der Kernspaltung, in Erinnerung. In einem Vortrag im Tailfinger Maschenmuseum hat er nun aus Otto Hahns Leben erzählt.

Warum in Tailfingen? Weil die Stadt für die Familie Hahn eine nicht ganz unbedeutende Rolle gespielt hat. Ein knappes Jahr lang, vom Sommer 1944 bis April 1945, wohnte und wirkte Otto mit seiner Familie und zahlreichen anderen Wissenschaftlern des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts in Tailfingen – er sollte der Stadt zeit seines Lebens verbunden bleiben.

Sein Sohn Hanno Hahn heiratete 1945 in Tailfingen, und Dietrich, der einzige Enkel Otto Hahns, wurde zwar nicht in Tailfingen geboren, aber immerhin mit einiger Sicherheit gezeugt: "Made in Tailfingen" bekennt er selbstbewusst und legte auf seiner derzeitigen Europareise – Hahn und seine Frau leben mittlerweile in Bangkok – gerne einen Zwischenstopp am "Ursprungsort" ein.

In seinem humorvollen und detailreichen Vortrag mit dem Titel "Otto Hahn – Ein Leben für Wissenschaft, Menschlichkeit und Frieden" lernten seine Zuhörer Otto Hahn vor allem von seiner privaten Seite kennen. Sie erfuhren, dass der Sohn eines Frankfurter Glasermeisters die drei Einsen keineswegs in naturwissenschaftlichen Fächern eingeheimst hatte, sondern in Singen, Turnen und Religion. Oder dass die ersten Experimente mit radioaktivem Material, die er und seine Kollegin Lise Meitner gemeinsam machten, in einem kleinen Holzverschlag über die Bühne gingen.

1912 wurde für Hahn eine eigene Abteilung für Radiochemie am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie eingerichtet; zu diesem Zeitpunkt hatte sich Hahn bereits einen Namen als Entdecker mehrerer chemischer Elemente gemacht – für fünf seiner Entdeckungen sollte er später für den Nobelpreis vorgeschlagen werden.

Seine "wichtigste Entdeckung" machte er laut Dietrich Hahn allerdings auf einem anderen Gebiet als der Radiochemie: 1911 lernte er die Kunststudentin Edith Junghans kennen – sie wurde seine Frau und Jahrzehnte später Dietrichs Hahns Oma.

Nobelpreise bekommt man für solche Entdeckungen allerdings nicht – Hahn erhielt ihn stattdessen für die der Kernspaltung, die ihm und Fritz Straßmann 1938 gelang – Lise Meitner war Jüdin und zu diesem Zeitpunkt bereits emigriert. Auch Straßmann war während des Tailfinger Intermezzos des Kaiser-Wilhelm-Instituts im Talgang, und anders als Hahn wurde er nicht von den Amerikanern verhaftet und interniert, sondern blieb unbehelligt.

Otto Hahn hatte nach der ersten Kernspaltung zuerst nicht geglaubt, dass seine Entdeckung praktischen Nutzen haben könnte, und er wollte auch nicht an der Entwicklung von Atomwaffen mitwirken – laut Dietrich Hahn ließ er sich nur deshalb darauf ein, weil man ihm weisgemacht habe, dass sich dadurch der Krieg rascher beenden lasse.

Umso schockierter war er von Verheerungen, welche die Atomboben von Hiroshima und Nagasaki anrichteten: Sie hätten ihm große seelische Qualen verursacht und zu einem der schärfsten Kritiker der atomaren Aufrüstung gemacht.

Otto Hahn wurde 89 Jahre alt – ein bemerkenswertes Alter, bedenkt man, mit welcher Leichtfertigkeit und Nonchalance sich Pioniere der Atomphysik und Radiochemie der radioaktiven Strahlung aussetzten. Hahn empfand die Strahlenschutzverordnungen als völlig überzogen und arbeitete oft völlig ungeschützt mit den radioaktiven Materialien. Seine Gesundheit wurde davon nicht beeinträchtigt – er starb, durchaus "vorzeitig", 1968 an den Folgen eines bei einem Sturz erlittenen Halswirbelbruchs.