Die sogenannte Albstadt-Scherzone ist die seismisch aktivste Gegend Deutschlands; in regelmäßigen Abständen ereignen sich kleineren Erdbeben – und irgendwann wird wieder ein großes kommen.
Dreimal, 1911, 1943 und im Jahr 1978, ist es im vergangenen Jahrhundert in Albstadt beziehungsweise den Gemeinden, aus denen die Stadt 1975 hervorging, zu Erdbeben mit der Magnitude 6 auf der Richter-Skala gekommen, jedes Mal mit erheblichen Gebäudeschäden – unter anderem stürzten Fabrikschornsteine und Hauswände ein, 1911 auch die Lautlinger Pfarrkirche.
Schwächere Beben treten wesentlich häufiger auf; allein in den vergangenen fünf Jahren wurden sechs registriert, deren Magnitude über dem Wert 5 lag. Magnitude 5 bedeutet, dass über dem Epizentrum Ziegel vom Dach fallen und Risse im Putz auftreten können – und dass noch in 100 Kilometern Umkreis die Gläser im Schrank klirren. Noch häufiger ist die Magnitude 4 – auch noch deutlich spürbar. In noch niedrigeren Magnitudenbereichen merkt der Normalverbraucher zwar nichts mehr, aber die Messgeräte schlagen an. Und zwar gar nicht so selten.
Albstadt-Scherzone ist seismisch aktivste Region
Wie kommt Albstadt zu der zweifelhaften Ehre, Deutschlands seismisch aktivste Region zu sein? Die Stadt liegt mitten in der sogenannten Albstadt-Scherzone, einer Region, durch die sich eine etwa 30 Kilometer lange und bis zu 15 Kilometer tiefe Verwerfung in der Erdkruste zieht, von Tübingen im Norden bis zum Großen Heuberg im Süden. Sie ist ein Bündel von mehreren gleichgerichteten, fünf bis zehn Kilometer langen Rissen – die Scherzone besteht ihrerseits aus kleineren Segmenten mit unterschiedlich hoher seismischer Aktivität.
In Albstadt ist am meisten los: Die westliche Bruchkante drückt nach Süden, die östliche nach Norden, und wenn die Kanten – so der Fachausdruck – „gelockt“ sind und sich verhaken, dann stockt die Bewegung, und im Erdinneren baut sich Spannung auf. Irgendwann entlädt sich diese Spannung und die beiden Kanten verschieben sich ruckartig gegeneinander, bei einem Erdbeben der Magnitude 6 um bis zu 30 Zentimeter. Kein Wunder, dass es oben dann gewaltig rumpelt.
Gesamtes Gebiet erst in einigen Jahren definiert
Die Seismologen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und des in Freiburg ansässigen Landeserdbebendienstes können mit ihren jeweils sechs zwischen Tübingen und Sigmaringen stationierten Seismometern auch bei kleineren Beben, die der Mensch nicht spürt, das Ausmaß der Verschiebungen und damit die Intensität des Bebens messen. Sie haben auf diesem Weg bereits einen Teil der verschiedenen Segmente der Albstadt-Scherzone vermessen können. Bis das gesamte Gebiet definiert ist, werden laut Professor Joachim Ritter vom KIT aber noch fünf bis zehn Jahre vergehen – die Messwerte wären da; was fehlt, ist das Personal, das sie auswerten könnte.
Erkenntnisfortschritte haben die Wissenschaftler dennoch erzielt: Unter anderem weiß man seit Kurzem, dass sich unter der Albstadt-Scherzone, in 15 bis 17 Kilometer Tiefe, noch eine weitere Schicht in der Erdkruste befindet, die sich quer zur Scherzone in ostwestlicher Richtung bewegt und diese dadurch zweifellos beeinflusst – wie, das muss man noch herausfinden.
Von Osten und Westen zieht sich übrigens auch der „Hohenzollerngraben“ durch den Mittelbereich Hechingen und über den Onstmettinger Raichberg, den man vor einer Generation gerne für die Beben in der Region verantwortlich machte. Inzwischen weiß man es besser: Der Hohenzollerngraben liegt weit oben in der Erdkruste und ist laut Joachim Ritter „harmlos“: „Hier ist seit über einer Million Jahren nichts mehr passiert.“
Alle 40 Jahre ein stärkeres Beben fällig?
Aber wie sieht es weiter unten aus? Die Erdkruste bewegt sich prinzipiell gleichförmig; wenn etwas „lockt“ und sich verhakt, dann liegt das am Gestein. Wüsste man, wo die Bewegung stockt und sich Druck aufbaut, dann könnte man auch Prognosen treffen. Aber dafür müsste man Bohrungen in zehn Kilometer Tiefe vornehmen, und die, so Ritter wären erstens nicht wirklich aufschlussreich – „30 Meter weiter links kann alles anders aussehen“ – und zweitens wahnsinnig teuer.
Aber lässt sich vielleicht mit Hilfe der Historie etwas darüber sagen, wann es in Albstadt zum nächsten größeren Erdbeben kommen könnte? 1911, 1943, 1978 – alle 40 Jahre wieder? Dann wäre das Beben der Magnitude 6 überfällig.
„Eine Milchmädchenrechnung“, sagt Joachim Ritter. Und zwar schon deshalb, weil die Datenmenge nicht ausreicht: Könnte man mehrere hundert oder gar tausend Jahre überschauen, dann stünden die Dinge – vielleicht – ein wenig anders. Aber die Kirchenbücher, die mit Abstand wichtigsten Schriftquellen, sind nicht wirklich verlässlich und verstummen, wenn man wenige Jahrhunderte zurückgeht. Und die Erdbebenarchäologie steckt erstens noch in den Kinderschuhen, und befasst sich zweitens mit Zeiträumen, mit denen Politikern und Versicherungsgesellschaften nicht gedient ist.
Unter diesen Umständen hütet sich Ritter vor Prognosen. Nur so viel lässt er sich entlocken: Nach seiner Einschätzung, die er unter Vorbehalt abgibt, war das 20. Jahrhundert im Südwesten relativ erdbebenreich – und in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Frequenz der Kleinbeben in der Albstadt-Scherzone leicht erhöht. Aber das muss nichts bedeuten.