Wasserbüffel und Co. könnten nach Ansicht von Dieter Haas zur Artenvielfalt beitragen, indem sie die Mähmaschine ersetzen.Foto: Haas Foto: Schwarzwälder Bote

Ein Buch über Vögel, das auch von Wasserbüffeln handelt? Dieter Haas entfaltet in der erweiterten Auflage seines ornithologischen Bodenseeführers Perspektiven, die über die Vogelkunde weit hinausgehen.

Albstadt-Pfeffingen - Vor beinahe vier Jahren veröffentlichte Dieter Haas aus Pfeffingen einen Vogelführer über die geflügelte Fauna der Bodenseeregion, wie es ihn bis dahin nicht gab: Ein handliches Kompendium, 144 Seiten dick und mit 464 Farbaufnahmen bebildert, stellte rund 250 Vogelarten vor; das Spektrum reicht vom Höckerschwan über die Kolbenente, Trauerseeschwalbe, Bekassine, Schwarzstorch, Purpurreiher, Rotschenkel, Klappergrasmücke, Odinshühnchen, Ortolan, Sumpfohreule und Misteldrossel bis hin zu Gimpel und Star. So ziemlich alles, was im, am, um und über dem Bodensee einen Schnabel und zwei Flügel hat, war darin berücksichtigt.

Das Buch war eine Fundgrube für Hobbyornithologen und eine wertvolle Hilfestellung für alle, die gelegentlich das Wochenende am See verbringen, sich dort mit Fernglas oder Okular auf die Lauer legen und sich dann gelegentlich fragen, mit welchem Piepmatz sie es eigentlich gerade zu tun haben.

Das Buch kam gut an. Die erste Auflage war 2500 Exemplare stark; sie ist mittlerweile vergriffen, und demnächst kommt die zweite auf den Markt, wieder mit etwa 2600 Exemplaren. Die Zahl der Seiten ist auf 160 gestiegen, die Zahl der dokumentierten Vögel auf knapp 280.

Die Dokumentation folgt dem bewährten Muster; sie bietet – ihr Markenzeichen – fantastische Aufnahmen, von denen Dieter Haas die allermeisten selbst geschossen hat, und zu jeder Vogelart einen Steckbrief mit Maßen, Beschreibung und Angaben zu Habitat, Nahrung, Brutverhalten und sonstigen Eigenheiten. Wer es zur Abwechslung von hinten nach vorne durchblättert, der wird zur seiner Überraschung auch auf Bildern von Tieren stoßen, die vier statt zwei Beine haben und definitiv fluguntüchtig sind: Hirsche, Pferde, Rinder, Wasserbüffel. Was haben sie in einem Vogelführer zu suchen?

Der Lebensraum ist immer weiter geschrumpf

Die Antwort: Auf den hinteren Seiten seines Werks entwirft Haas für den Bodensee die Vision einer Vogelfauna, zu der auch Rebhuhn, Bekassine, Kiebitz, Braunkehlchen und Uferschnepfe gehören – Vogelarten die mittlerweile fast oder zur Gänze von den Ufern des Sees verschwunden sind, weil ihr Lebensraum – offene und zugleich naturnahe Zonen, Sumpf- und Riedlandschaften sowie die extensiv bewirtschafteten Felder, Wiesen und Weiden – immer weiter geschrumpft ist.

Um diese und andere seltene Arten wieder heimisch zu machen, müssten die Landwirte die Mahd einschränken und stattdessen zu einer Form der Bewirtschaftung übergehen, die Dieter Haas seit Jahren propagiert: die "Wilde Weide", die ganzjährige extensive Beweidung durch sogenannte Apex­arten, große Säugetiere wie Pferd, Rind, Büffel und Esel. Sie gewährleistet, dass diese Landschaften licht und offen bleiben, ohne dass die Artenvielfalt dabei Schaden nimmt. Die Mähmaschine kann das nicht.

Genaugenommen, und deshalb ist Dieter Haas’ Vogelführer auch für Leser von Interesse, die nicht mit der Kamera hinter Vögeln her sind, gilt diese Botschaft nicht nur für den Bodensee, sondern für ganz Deutschland und Mitteleuropa, mithin auch für die Schwäbische Alb.

Sogar unter Naturschützern und -freunden scheiden sich die Geister seit Jahr und Tag an der Frage, was schützenswerter ist: Wild oder Wald, Rehbock oder Weißtannenspross; für die Extrempositionen steht einerseits die Behauptung, der Anblick eines Hirschs am helllichten Tag sei bereits ein Indiz dafür, dass der Bestand aus dem Ruder laufe, andererseits das Diktum "Eine Landschaft ohne weidende Tiere ist nichts als Kulisse".

Diese Art von Natur verdient ihren Namen nicht

Dieter Haas würde seine Position nicht ganz so drastisch formulieren, aber auf welcher Seite er steht ist klar: Wiederholt hat er sich für den Erhalt der Tieringer Gämsenpopulation eingesetzt, und er hat sich für die "Wilde Weide" in der Ehestetter Talaue zwischen Ebingen und Straßberg eingesetzt – eine Natur, in der nur noch eine einzige "Apexart" vorkommt, nämlich ein haarloser Primat mit zwei Armen und zwei Beinen, verdient in seinen Augen den Namen nicht.

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