Handlich: Ein Defibrillator ist kaum größer als eine Handtasche – und kann Leben retten. Wenn es nach Kurt Moosmann, Dina Carlucci-Schlagenhauf, Ralf Bösel und Andreas Ilch (von links) geht, dann wird es schon bald in ganz Albstadt öffentlich zugängliche Defibrillatoren geben, die im Notfall von medizinischen Laien bedient werden können. Foto: Kistner

"gesinA"-Team setzt sich für öffentlich zugängliche Notfallmaschinen ein. Überlebenschancen verzehnfachen sich.

Albstadt - Wie viele Herzinfarktopfer könnten gerettet werden, wenn parallel zur Herzmassage und Beatmung ein Defibrillator zum Einsatz käme. Die Statistik weiß es: etwa zehnmal so viele wie ohne "Defi". Wie viele öffentlich zugängliche Defbrillatoren gibt es in Albstadt? Keinen einzigen.

Das soll anders werden. Schon bei der letztjährigen Albstädter Gesundheitsmesse "gesinA" war der Vortrag von Ralf Bösel, dem Ausbildungsleiter des DRK Zollernalb, über Nutzen und Notwendigkeit von Defibrillatoren auf großes Interesse gestoßen – beim Publikum und bei den Organisatoren, die anschließend beschlossen, sich bei der nächsten "gesinA" eingehender mit den Thema zu befassen. Das wird der Fall sein. Neben Bösel wird diesmal noch ein Notarzt zu Wort kommen; außerdem soll ein Hersteller einen Vertreter entsenden, der vor Ort Funktionsweise und Bedienung des Geräts erläutert und womöglich auch vorführt.

Überzeugende Relation von Kosten und Nutzen

Damit wird es aber nicht sein Bewenden haben. Kurt Moosmann, Dina Carlucci-Schla­genhauf und Andreas Ilch, der im "gesinA"-Organisationsteam die Stadt Albstadt vertritt, wollen in Albstadt an möglichst vielen öffentlich zugänglichen Orten Stationen mit jenen handtaschengroßen Apparaturen einrichten, die Stromstöße aussenden und damit ein stockendes Herz wieder in den richtigen Rhythmus bringen können. Bei kaum einer Investition im Gesundheitsbereich, versichert Kurt Moosmann, sei die Kosten-Nutzen-Relation so überzeugend wie im Fall des Defibrillators: Die Überlebenschancen eines Infarktopfers stiegen durch den Einsatz eines "Defis" von vier Prozent, welche die Wiederbelebungstechniken Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung brächten, auf 43 Prozent – laut Ralf Bösel ein Erfahrungswert des DRK Zol­lernalb, das seit zwölf Jahren Defibrillatoren einsetzt, und zwar durchschnittlich 60mal im Jahr.

Den durchaus nicht exorbitanten Ausgaben von 1100 bis 1700 Euro pro Gerät steht ein nicht bezifferbarer, aber unvergleichlich höherer Nutzwert in Gestalt geretteter Menschenleben gegenüber. Wobei sich sicherlich auch eine überzeugende Rechnung in Euro und Cent aufmachen lässt: Mit jeder Minute Herzstillstand wird die Gesundheit stärker und irreparabler geschädigt, vermindert sich im Falle der gelingenden Reanimation die Lebensqualität – und steigen die Kosten der weiteren Behandlung.

Dennoch verfügen in Albstadt derzeit nur die Institutionen des Gesundheitsbereichs und mehrere größere Firmen über Defibrillatoren – im öffentlichen Raum sucht man sie vergeblich. Woran das liegt? Zum einen wohl an der Furcht des Normalverbrauchers davor, ohne medizinischen Sachverstand seinem Mitmenschen mit zwei Elektroden und 1000 Ampère Stromstärke zu Leibe zu rücken – wer weiß schon, ob der das wirklich braucht und ob man ihm nicht mehr schadet als hilft? Irrtum, sagt Ralf Bösel – im Falle des Herzstillstands macht der am meisten falsch, der nichts macht. "Der Defi arbeitet automatisch – schlägt ein Herz, schickt er auch keinen Strom." Und wenn die Rettung misslingt? Dann wurde sie wenigstens versucht. Im übrigen geht es nur darum, das Infarktopfer so lange am Leben zu erhalten, bis der Notarzt kommt. Die erste Anweisung des Defis an seinen Bediener lautet: "Betätigen Sie den Notruf."

Geeigneter Standort: neben dem Bankomat

Ein weiteres Problem: der Standort. Defi-Zellen wären eine Option, gehen aber ins Geld. Ralf Bösel und das "gesinA"-Trio favorisieren die Eingangsbereiche von Banken, die jeder Karteninhaber rund um die Uhr aufsuchen kann – allerdings bedarf es dafür noch einiger Überzeugungsarbeit bei den Geldinstituten. Erste Wahl wären, permanenter Zugang vorausgesetzt, öffentliche Gebäude: Rathäuser und Hallen. Die Stadt arbeitet laut Andreas Ilch bereits an einem Defi-Konzept. Es soll noch in diesem Jahr in die Gremien und möglichst im städtischen Haushalt 2014 berücksichtigt werden.

Der Defibrillator ist ein medizinisches Gerät, das durch gezielte Stromstöße Herzrhythmusstörungen wie etwa Kammerflimmern beendet. Zwei Elektrokontakte werden im Brust- und Achselbereich des Infarktopfers angelegt; der Bediener löst den Stromstoß auf Anweisung des Geräts aus. Der Idee, an öffentlichen Orten möglichst flächendeckend Defibrillator-Stationen einzurichten, die für jeden Passanten zugänglich sind, liegt die Überlegung zugrunde, dass es im Infarktfall auf jede Sekunde ankommt und auch der schnellste Notarzt oft nicht schnell genug ist. Die Münchner U-Bahn wurde vor Jahren mit 70 Defibrillatoren ausgerüstet; seither haben in 16 nachgewiesenen Fällen medizinische Laien mit Hilfe eines Defibrillators Infarktpatienten das Leben gerettet. Im Zollernalbkreis gibt es öffentlich zugängliche Defibrillatoren in Haigerloch, Geislingen, Burladingen und Bisingen.