Teils schockiert, teils erfreut, aber in jedem Fall überrascht verfolgen die Albstädter den Wahlkrimi: Auf der Wand gegenüber werden die Ergebnisse gezeigt. Foto: Weiger

Sensation in Albstadt: Alternativer Kandidat holt 43,4 Prozent der Stimmen. Kopf-an-Kopf-Rennen wie ein Krimi. Mit Kommentar.  

Albstadt - Ein hochspannender Auszählungskrimi nach einem höchst außergewöhnlichen Wahlkampf: Einen Sieger hat die OB-Wahl am Sonntag nicht hervorgebracht. Die Albstädter werden in zwei Wochen noch einmal zur Urne gebeten.

Als Anton Reger, der Erste Bürgermeister, um 19.05 Uhr ans Rednerpult trat, um das vorläufige Wahlergebnis zu verkünden, lag eine nervenaufreibende Stunde hinter den Albstädtern, die sich pünktlich um 18 Uhr im Sitzungssaal des Ebinger Rathauses eingefunden hatten.

Für den einen oder anderen mag der Sonntagabend klassischerweise Krimizeit sein, doch nach dieser Auszählung konnte man getrost auf den "Tatort" verzichten. Oberbürgermeister Jürgen Gneveckow und Klaus Konzelmann trennten nach Auszählung der 54 Wahlbezirke gerade einmal 131 Stimmen. Der Begriff "Kopf-an-Kopf-Rennen" bekam damit eine neue Dimension.

4647 Albstädter hatten für das amtierende Stadtoberhaupt gestimmt, was einen Anteil von 44,7 Prozent ausmacht. 4515 Stimmen entfielen auf Klaus Konzelmann, das sind 43,4 Prozent. Reiner Stegmüller, der den Posten des Oberbürgermeisters nie angestrebt hatte, sondern lediglich angetreten war, um einen zweiten Wahlgang zu erwirken, erreichte 1074 Stimmen, was einem Stimmenanteil von 10,3 Prozent entspricht.

Hatte Jürgen Gneveckow nach den ersten Wahlbezirken noch klar vorn gelegen, rutschte er im Lauf der weiteren Auszählung auf unter 40 Prozent ab. Während der 62-jährige Amtsinhaber den Löwenanzeil seiner Stimmen in Ebingen und Lautlingen geholt hat, räumte Klaus Konzelmann hingegen im Talgang ab – vor allem in seinem Heimatort Truchtelfingen.

Konzelmann: Die Zeit ist reif für den Wechsel

Konzelmann, der erst nach Ende der Bewerbungsfrist zum Herausforderer geworden war, strahlte – erwartungsgemäß: "Ich bin wirklich überwältigt." Offen räumte er ein, er könne es nicht fassen, dass so viele Wähler den Aufwand in Kauf genommen hätten, seinen Namen auf das dritte, freie Feld des Wahlscheins einzutragen. Dies wertete er als klares Zeichen dafür, dass in Albstadt die Zeit reif sei für einen Wechsel. In den nächsten zwei Wochen will sich Klaus Konzelmann mit ganzer Kraft seinem Wahlkampf widmen, und das mit großer Zuversicht: "Ich habe mein erstes Etappenziel auf jeden Fall erreicht. Hinter mir steht ein fähiges Team."

"Ins Boot holen" möchte der 52-Jährige ausdrücklich die Ortsteile, wie er es formuliert. Deshalb liegt ihm eine neuerliche Kandidatenvorstellung in der Zollernalbhalle sehr am Herzen. Eines versprach er den Albstädter Bürgern gestern schon einmal – im Falle eines Wahlsiegs in zwei Wochen: Er möchte die Bevölkerung mehr in politische Prozesse einbinden – "und nicht nur alle paar Jahre, wenn gewählt wird".

Der Amtsinhaber war bei der Verkündung des vorläufigen Endergebnisses nicht zugegen – er erschien erst 20 Minuten später, als sich die Euphorie von Klaus Konzelmanns Unterstützern etwas gelegt hatte. Gneveckow wirkte gefasst, ja beinahe gelassen, aber machte kein Hehl aus seiner Enttäuschung: Er habe in den vergangenen Tagen ermutigende Gespräche auf der Straße geführt und den Eindruck gewonnen, dass die Stimmung sich zu seinen Gunsten drehe. Auf ein derartiges Ergebnis sei er daher nur bedingt vorbereitet gewesen, doch ziehe er daraus die Konsequenz, dass jetzt all jene, die an diesem schönen Sonntag das Donautal dem Wahllokal vorgezogen hätten, zum Urnengang in zwei Wochen bewegt werden müssten. "Wir nehmen dieses Resultat als Weckruf – die Kraft und das Kämpferherz habe ich allemal." Wirkungstreffer ja – aber wie jemand, der vor dem Knockout steht, wirkte der OB gestern nicht.

Der Wahlkampf geht also weiter. Theoretisch könnten morgen etliche weitere Kandidaten den Hut in den Ring werfen, die sich bisher keine Chancen gegen Jürgen Gneveckow ausrechneten und jetzt Morgenluft wittern. Einer wird heute ganz sicher seine Wählbarkeitsbescheinigung und was es sonst noch für eine Kandidatur braucht, im Rathaus abholen: Bis Mittwoch, 18 Uhr, hat Klaus Konzelmann Zeit, die Unterlagen ausgefüllt zurückzubringen, samt 50 Unterstützerunterschriften – bei 4516 Stimmen, die er gestern erhielt, dürfte ihm das nicht allzu schwer fallen.

Am Sonntag der einzige wirkliche Wahlsieger

Und Reiner Stegmüller? War gestern Abend zu Hause und bester Laune – er sieht sich als den einzigen wirklichen Wahlsieger: "Zehn Prozent hatte ich mir vorgenommen; jedem wollte ich fünf wegnehmen – und das habe ich geschafft." Der zweite Wahlgang war Stegmüllers Ziel gewesen – somit ist er der einzige wirkliche Wahlsieger des gestrigen Abends. Der Einzelhändler aus Straßberg hofft nun auf neue, auswärtige Kandidaten – "oder eine Kandidatin" –, denn mit Klaus Konzelmann mag er sich auch nicht anfreunden: "Der ist seit 20 Jahren im Gemeinderat dabei; alles, was hier lief, hat er mitverantwortet." Nein, eine Wahlempfehlung ist das letzte, was von Stegmüller zu erwarten ist – er will sich heute in aller Ruhe überlegen, ob er weiter macht oder nicht. "Und meine Erkältung auskurieren."

Kommentar: Unerwartet

Karina Eyrich

Damit hatte wohl niemand gerechnet: Ohne als Option auf dem Stimmzettel zu stehen, holt Klaus Konzelmann 43,4 Prozent der Stimmen bei der Oberbürgermeisterwahl und liegt damit nur knapp hinter dem Amtsinhaber Jürgen Gneveckow, dessen Wiederwahl lange als sichere Sache erschienen war. Ihm gereicht wohl die mit 31,7 Prozent sehr niedrige Wahlbeteiligung zum Nachteil, dürfte doch die Mobilisierungsquote der Unterstützer Konzelmanns und Reiner Stegmüllers, des einzigen offiziellen Gegenkandidaten, sehr hoch sein. Auch die Erhöhung des Wasser-Grundpreises um 420 Prozent war für Gneveckow, der dem Aufsichtsrat der Albstadtwerke vorsitzt, zur Unzeit gekommen. Konzelmann hat angekündigt, im Fall eines zweiten Wahlgangs offiziell anzutreten. Nun wird es erst recht spannend. Selten in Albstadt ist es wohl so sehr auf jede Stimme angekommen.

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