Vor einem Jahr betrat Matthias Mey in Lautlingen Neuland – heute kennt er das Unternehmen in- und auswendig. Foto: Kistner

Mey Bodywear seit drei Generationen ein Familienbetrieb in Lautlingen. Aus der Schweiz auf die Alb.

Albstadt-Lautlingen - Offiziell hat der Generationswechsel in der Chefetage der Firma Mey bodywear bereits im Januar 2014 stattgefunden. Aber Rom wurde nicht an einem Tag erbaut; Matthias Mey hatte sich selbst ein Jahr Einarbeitungsphase zugestanden und ist nun angekommen.

 

Zu Hause angekommen: Matthias Mey und sein Bruder Florian führen Mey bodywear gemeinsam in der dritten Generation. Die erste der Unternehmerfamilie Mey waren die Pioniere, Franz Mey, der 1928 eine Lohnwirkerei in Lautlingen begründete, und sein Bruder Karl – gemeinsam stiegen die beiden 1948 in die Konfektionierung von Oberbekleidung ein und trafen elf Jahre später die wegweisende strategische Entscheidung, sich auf hochwertige Damenwäsche zu konzentrieren.

Die zweite Generation, die Brüder Albrecht und Dietmar Mey, erweiterten das Sortiment um Herrenwäsche und nahmen die Produktion im Ausland – zuerst in Portugal, später in Ungarn – auf. Jetzt hat die dritte, die Enkelgeneration, das Ruder übernommen: Florian Mey leitet die Produktion, Matthias Mey zeichnet als geschäftsführender Gesellschafter für Vertrieb, Marketing und Design verantwortlich. Roland Kull ist als Geschäftsführer zuständig für Finanzen und Dienste.

Vor einem Jahr war der heute 42-jährige Matthias Mey aus der Schweiz auf die Alb zurückgekehrt. Eigentlich keine "terra incognita" für ihn, doch die Umstellung, welche die Heimkehr zu den biografischen und unternehmerischen Wurzeln bedeutete, erwies sich als anspruchsvoll. Nach einer Bankkaufmannslehre hatte Mey in München und der Schweiz studiert; im Jahr 2000 machte er seinen Master of Business Administration und erwarb sich anschließend die unternehmerischen Sporen in der in Kreuzlingen ansässigen Holy Fashion Group. 14 Jahre lang arbeitete er in der Schweiz, zuletzt als Managing Brand Director von windsor.men. Dort stand er auf der Brücke eines Großunternehmens – weit entfernt vom "Maschinenraum".

Standortreue gehört zur Firmenphilosophie

Das änderte sich mit der Rückkehr nach Lautlingen schlagartig. Eine einzige Tür trennt den Flur, der zu seinem Büro führt, vom Lager mit den mächtigen Garnrollen und den Produktionshallen mit den Rundstrick-, Plätt- und Nähmaschinen. Zur Firmenphilosophie von Mey bodywear gehört die hohe Fertigungstiefe ebenso wie die Treue zum Standort Deutschland. Das bedeutet, dass Matthias Mey in der 2008 entstandenen vollverglasten und großzügig dimensionierten Firmenkantine Mitarbeitern aus allen Abteilungen begegnet: Strickerei, Ausrüstung, Näherei – alles ist unter einem Dach.

Mey erzielt 70 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland, ebenso groß ist der Anteil der Beschäftigten, die in Lautlingen und Bitz in Lohn und Brot stehen. Dort entsteht der allergrößte Teil der sogenannten "NOS-Ware" – das Kürzel bedeutet "Never out of stock" und auf Deutsch so viel wie "Immer auf Lager". Lediglich die Mitarbeiter, welche die BHs zusammennähen, wird man in Lautlingen vergeblich suchen: BHs sind sehr komplexe Produkte; sie bestehen aus annähernd 40 Einzelteilen – entsprechend hoch ist der Anteil der Arbeits- an den Produktionskosten. Die BH-Produktion ist daher in Ungarn; Körbchen aus Lautlingen wären sehr teuer und kaum konkurrenzfähig.

Anders als viele andere Textilhersteller ist Mey jedoch nie in Versuchung geraten, die ins Ausland verlängerte Werkbank zum Allheilmittel zu machen – schon die Gründergeneration hatte ihre Marktnische gesucht und gefunden, hatte auf Qualität und die Partnerschaft mit dem Fachhandel gesetzt, und die dritte hält es nicht anders. Matthias Mey weiß, was er an den schwäbischen Tüftlern und ihrem Know-how hat. "Eine gut gemachte Unterhose", sagt er, "kommt nie aus der Mode." Natürlich hat sie auch ihren Preis, aber den zahlen Mey-Kunden bereitwillig – und, darauf legt Mey Wert, nicht für den Namen. "Das ist Quatsch – Unterwäsche trägt man nicht ostentativ spazieren."

Was bekommt der Kunde für sein Geld? Nachhaltigkeit und Ökologie zum Beispiel – seit zwei Jahren bietet Mey bodywear als erster Wäschehersteller überhaupt bluesign® zertifizierte Produkte an, bei deren Herstellung jeder Arbeitsgang dokumentiert werden muss. Woher kommen Garn und Baumwolle? Wo geht das Färbewasser hin? Mey-Kunden, die das wissen wollen, erhalten Antwort.

Aber natürlich stellt nicht jeder solche Fragen – es gibt noch andere, unmittelbarere Kriterien für Qualität. Kratzen Nähte? Rutschen die Boxer-Shorts nach oben, wenn man die Hose drüber zieht? Die neuen Spacer BHs von Mey sind atmungsaktiv, das neue Mey-Business-Shirt für Geschäftsleute, in das auch Berufserfahrungen des Firmenchefs eingegangen sind, ist im Nacken und im Achselbereich verstärkt – Schweißflecken gibt es nicht mehr. Dank des verlängerten Funktionsrückens rutscht es auch nicht aus der Hose, und da der Brustausschnitt parabolisch ausgeschnitten ist, bleibt es unsichtbar, wenn sein Träger einmal die Krawatte ablegt. Solche Kleinigkeiten machen den großen Unterschied aus.

Mit Understatement kommt man nicht weit

Aber genügen sie, um sich langfristig auf dem Markt zu behaupten? Mey hat schon in der Vergangenheit verstanden, sich öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen – man denke nur an die Werbekampagnen, die "Jung von Matt" für die Lautlinger machte. Matthias Mey will hier anknüpfen. "Wir müssen noch stärker nach außen kommunizieren, was wir wert sind. Mit schwäbischem Understatement kommt man heutzutage nicht mehr weit."