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Teilnehmer erinnern an ermordete und deportierte Menschen jüdischen Glaubens im Raum Albstadt

Sechs Kerzen brannten am Donnerstag für sechs Millionen von Nazis ermordete Juden. An jene von ihnen aus der Region Zollernalb hat der Verein "Marsch des Lebens" in Ebingen erinnert.

Albstadt. "Jeder von uns ist gefordert, seine Stimme gegen Antisemitismus und die Diskriminierung von Minderheiten zu erheben, damit ein friedliches Zusammenleben möglich ist." Oberbürgermeister Klaus Konzelmann bringt es in seinem Grußwort, das Ralf Schumann verliest, auf den Punkt: 76 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur und der Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis ist das Thema nicht abgehakt. Im Gegenteil: "Gerade in diesen Zeiten, in denen auch antisemitistische Vorurteile und Verschwörungstheorien wieder das gesellschaftliche Klima vergiften, ist solch ein Zeichen gegen Hass besonders wichtig."

Dieses Zeichen wollen die Vertreter des Vereins "Marsch des Lebens" mit demselben setzen, der am Abend des 8. April – es ist der Tag "Jom haScho’a", der jüdische Gedenktag an die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten – durch Ebingen führt.

Doris Zedler, Dorothea Weiß, Albina Gabbasova, Konstanze Riegsinger, Ralf und Anke Schumann erinnern an die Älbler jüdischen Glaubens, die deportiert und ermordet wurden. Aus Hechingen alleine, wo 1933 100 jüdische Bürger lebten, waren es 55, aus Haigerloch gar 150. Die dortige Synagoge wurde 2003 restauriert und ist heute ein Haus der Begegnung.

Eine Begegnung mit den 25 jüdischen Personen, die damals in Ebingen lebten, ist nicht mehr möglich. Doch Doris Zedler hat bei Stadtarchivarin Dorothea Reuter, die gerne dabei gewesen wäre, viele Informationen eingeholt. In der Marktstraße 18 erinnert sie an Salomon Ries, einen Weber, dem das dreistöckige Haus von 1857 bis 1864 gehörte, an die Schwestern Mathilde und Johanna Dahlberg, die am 9. April 1900 ein Warenhaus eröffnet hatten, und ihre Nachfolgerinnen Frida Stern und Paula Wolff, die 1907 das Haus an Samuel Kahn verkauften, sowie an ihn, seine Frau Gretchen, geborene Rosenbaum, und Tochter Erna, Betreiber des Kaufhauses Kahn. Nach einem Feuer, das "alles in Schutt und Asche legte", waren sie 1911 nach Reutlingen gegangen, wo ihr Kaufhaus bis 1937 existierte.

Adolf Grünberg hatte ab 1928 sein Schuhgeschäft in der Langen Straße – heute Landgraben – und ab 1931 in der Marktstraße 18 betrieben, seine Brüder Sigmund und Jakob zu sich geholt. 1933 waren sie nach Esslingen und Hechingen gegangen, später nach Haifa ausgewandert.

Das Kaufhaus Wohlwert hatte ab 1931 seinen Standort im Schmeiengässle, Ecke Schmiechastraße, der nächsten Station. SA-Männer hätten dort immer wieder gerufen "Kauft nicht bei Juden", und so zog sich nach der jüdischen Familie Dreifuß – schon im Jahr zuvor – auch die Familie Gidion 1933 zurück, jenem Jahr, in dem das Kaufhaus "arisiert" worden war.

Erbauer des Thalia wurde hoch dekoriert – und seine Schwiegermutter ermordet

Mit fast 80 Jahren sei Simon Tanne 1942 der Judenvernichtung zum Opfer gefallen, berichtet Doris Zedler in der Gartenstraße 13, wo das "Kadep", das Kaufhaus der Einheitspreise, später Kaufhaus Tanne, stand und 1938 den Betrieb einstellte. Besonders bemerkenswert findet Doris Zedler die Geschichte von Alfred Dreher, der mit der Jüdin Julie Sichel verheiratet war. Ihre Mutter Sofie, seit 1912 Betreiberin eines Kaufhauses, war in Auschwitz ermordet worden, ihr Sohn Julius Sichel in Riga. Als Alfred Dreher, Erbauer des Filmpalastes in der Gartenstraße und des Thalia-Theaters in Tailfingen, der seine Frau und seine zwei Söhne vor den Nazis rettete, 1957 als Kinobetreiber hoch dekoriert wurde, sei die Ermordung seiner Schwiegermutter nicht einmal erwähnt worden, so Zedler.

Auch der in Tailfingen ansässige Arzt Max Klatschko, dem 1935 die Approbation und die deutsche Reichsangehörigkeit entzogen worden war, ist Thema. Seine Frau Julie, geborene Stern, und Tochter Lisbeth hätten 1951 in Tailfingen einen Antrag auf Wiedergutmachung gestellt – und der damalige Bürgermeister Hermann Schöller die Verfolgungen und Repressalien bestätigt. Nach Umwegen über Haifa respektive Stuttgart und Schwenningen war die Familie 1957 nach Villingen gezogen, wo Julie Klatschko 1964 starb, ihr Mann 1972.

In Tailfingen hält die TOS, Freikirche und internationales Hilfswerk mit evangelikal-charismatischer Prägung, auch ein Gemeindezentrum, dem mehrere der Teilnehmer sich zugehörig fühlen. Was sie zum "Marsch des Lebens" geführt hat, berichten sie vor dem Rathaus, erzählen von Elternhäusern, in denen Adolf Hitler "glorifiziert" worden sei, vom Vater bei der Waffen-SS und von ihren Schlüsselerlebnissen, nach denen sie "das Schweigen brechen" wollten. Sie selbst sind keine Täter, und bitten doch "das jüdische Volk um Vergebung", erheben ihre Stimme "gegen modernen Antisemitismus". Wie nötig das noch immer ist, macht die Präsenz zweier Männer in Blau deutlich: Die Polizei ist auf der ganzen Strecke dabei.

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