Die Sandgrube – hier auf einem Foto aus der Zeit um 1900 – war am 16. Mai 1945 Schauplatz eines tödlichen Dramas. Foto: Schwarzwälder Bote

Kriegsende: Streit um Schafe löst tödliches Drama aus / Mehrere Ermordete und zwei vermisste Jugendliche

Offiziell war der Zweite Weltkrieg am 16. Mai 1945 – vor genau 75 Jahren – zwar vorbei, das Morden jedoch ging weiter. Marodierende Soldaten haben in der Sandgrube und im Stierhaus Menschen getötet.

Albstadt (key). Schon kurz nach der Jahrhundertwende war die "Sandgrube ein beliebtes Einkehr-Ziel für Wanderer gewesen, wie aus Zeitungsberichten hervorgeht. Dort suchten – wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der in Ebingen durch die Besetzung durch die Franzosen am 24. April 1945 markiert wird – Frauen und Kinder aus Ebingen Zuflucht vor den Truppen des Kriegsgegners, und auch hungernde Kriegsgefangene seien dort nie leer ausgegangen.

Das alles berichtete einst der damalige Wirt der "Sandgrube" und des Ebinger Schafhauses Eugen Göhring, der die Gastwirtschaft und den landwirtschaftlichen Betrieb zusammen mit seiner Frau Emma bewirtschaftete und sie von seinem Schwiegervater Johann Kiefer übernommen hatte. Auf 17 Hektar Feld – ursprünglich waren es sieben – baute Göhring den Betrieb "durch zähen Fleiß" aus, und so gab es immer genug zu Essen.

20 000 kriegsgefangene Russen hätten sich zum Kriegsende auf dem Truppenübungsplatz aufgehalten, heißt es in dem historischen Bericht. "Horden" von ihnen seien am 8. Mai – dem Tag der deutschen Kapitulation – bewaffnet an der Sandgrube erschienen hätten rund 30 Schafe und eine Kälbin mitgenommen.

Damit aber nicht genug: "Diese Exzesse steigerten sich von Tag zu Tag", und so seien am "verhängnisvollen 16. Mai" zwei Zivilrussen gegen 7 Uhr in den Rossstall gekommen und hätten von Göhring Schafe verlangt. Auf Göhrings Antwort "Die Schafe sind beim Schäfer" habe einer der beiden eine 08-Pistole gezogen und geschrien: "Du Kapitalist, ich dich totschießen!" Der Pächter jedoch habe sich mit seiner Mistgabel gewehrt und dem Russen die Pistole aus der Hand geschlagen, worauf hin beide Russen getürmt seien.

Göhring feuerte zurück – und zwei Russen fielen

Als kurz darauf der Schäfer am Haus vorbei zog, hätten drei bewaffnete Russen in Uniform Schafe gefordert. Göhring wollte eine Bescheinigung der französischen Kommandantur sehen und bekam zur Antwort: "Wir Russen nichts nach den Franzosen fragen." Ein Streifschuss traf ihn darauf am linken Bein. Göhring warf sich auf den Boden, feuerte mit der 08-Pistole zurück und traf zwei Russen tödlich, der dritte flüchtete mit einem Auto. Während der Pächter sich aufmachte nach Ebingen, um Hilfe zu holen, flüchteten seine Frau, seine Tochter und das Dienstmädchen mit einer Kassette und zwei Wolldecken in den Wald. Von zwei Schäfern, die ahnungslos zum Mittagessen vorbei kamen, habe nur einer flüchten können – der andere, Heinz Friedrich Auer, sei "auf bestialische Weise ermordet und ausgeplündert worden", heißt es weiter.

Zehn bis zwölf Russen feuerten schließlich auf Göhring, Oberwachtmeister Wickert und fünf deutsche Hilfspolizisten, als diese gegen Mittag kamen. Eine längere Schießerei dauerte, bis aus Ebingen Franzosen anrückten und die Russen entwaffneten. Weitere von ihnen umzingelten aber Schafhaus und Gasthaus, sobald die Franzosen abgerückt waren.

Während Eugen Göhring die Flucht gelang, wurde sein 57-jähriger Knecht Josef Schweizer, der den Hof nicht verlassen wollte, von drei Schüssen im Rücken getroffen. Die Russen zündeten Schafhaus und Sandgrube an, wobei auch angekettete Tiere – zwölf Küche und ein Pferd – starben. Das zweite Pferd riss sich los und rannte brennend fort, verendete aber "im Höllstall mit furchtbaren Qualen".

"Vom brennenden Schafhaus aus fuhren die Mordbrenner dann auf der Ringstraße zum Stierhaus", wie Heimathistoriker Ernst Koch in einem Bericht zum selben Thema geschrieben hat.

Das Stierhaus brennt bis auf die Grundmauern ab

Dort hätten sie die 68-jährige Frau des Pächters, Emilie Palm, erschossen und den Hof geplündert. Der 25-jährige Gerhard Fischer, der in Begleitung ihrer Tochter und deren Cousine auf dem Hof erschien, wurde ebenfalls erschossen, ehe die Russen das Stierhaus anzündeten – es brannte bis auf die Grundmauern ab.

Vermisst geblieben sind die beiden Jugendlichen Kurt Böckle und Hans-Dieter Zwiebelhofer aus Stetten am kalten Markt, die ein Pachtstück auf dem Truppenübungsplatz bearbeiteten – die Russen hatten sie mitgenommen, berichtet Koch.

Für Eugen Göhring, der am Abend im Ebinger Rathaus vor dem französischen Militärgericht verhört wurde, folgten vier Monate Schutzhaft im Balinger Amtsgericht, denn die Russen suchten weiter nach ihm. Später zog der Wirt, der 1949 seine Frau verlor, in seine Heimatgemeinde Erzingen zurück. Eine Entschädigung habe er nie erhalten.

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