Kantor Steffen Mark Schwarz spielt fortlaufend Werke zur Passions- und Osterzeit ein, die im Internet zu hören sind.Foto: Eyrich Foto: Schwarzwälder Bote

Passionszeit: Martinskantor Steffen Mark Schwarz bietet Kirchenmusik im Internet

Sowohl der Kirchgang zu Ostern als auch das Konzert zur Sterbestunde Jesu in der Martinskirche fallen in diesem Jahr aus. Kantor Steffen Mark Schwarz hat sich deshalb etwas Besonderes einfallen lassen.

Albstadt-Ebingen. Das Konzert zur Sterbestunde Jesu mit der Kantorei der Martinskirche und dem Schwarzwald Kammerorchester hat seit 2012 seinen festen Platz im Jahresprogramm, mit dem Kantor Steffen Mark Schwarz das Kirchenjahr um musikalische Perlen bereichert. Diesmal fällt es aus – ebenso wie die Gottesdienste in allen Kirchen vor Ort.

Die Aufführung der "Markus-Passion" auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr, nach dem Abflauen der Coronavirus-Pandemie, verschieben? "Das ist vom Thema her nicht möglich", sagt Schwarz, der plötzlich – wie so viele – vor einer völlig neuen Situation steht: "Für mich ist das seit knapp 30 Jahren das erste Mal, dass ich zum Hochfest Ostern kirchenmusikalisch nicht tätig werden kann."

Andererseits: "Warum eigentlich nicht?", fragte sich Schwarz und griff zu einem anderen Mittel: Schon seit Jahren verfügt die "Musik Martinskirche Ebingen" über einen eigenen Youtube-Kanal, und auch auf Facebook und Instagram zeigt die Martinskirche "musikalisch-theologische Präsenz", wie Schwarz das nennt: In den vergangenen Tagen hatte er sich an die Rensch-Orgel gesetzt und immer wieder Werke eingespielt, die den Zuhörern in der Corona-Krise Kraft und Zuversicht schenken sollen.

"Wir leben in einer wirklich außergewöhnlichen Zeit mit ganz ungewöhnlichen Erfahrungen", sagt der Kantor. "Für mich selbst ist der Spagat schwer auszuhalten, dass die verschiedenen Szenarien für die einen eine massive Entschleunigung bedeuten, die mit ihren Einschränkungen Freiräume und Zeit zum Innehalten ermöglicht, und dabei gleichzeitig für andere länderübergreifend ein Übermaß an Energie, Kraft, Ausdauer und Hingabe in der medizinischen Versorgung, der Pflege, in Krankheit, Tod und vielen anderen wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft einfordert."

Gerade der weitere Weg durch die Passionszeit, durch die Heilige Woche über den Karfreitag zu Ostern, werde eine "schwere Zeit für Menschen unserer Kirchen und Religionsgemeinschaften", befürchtet der 42-Jährige. "Das erfahre ich nicht zuletzt von vielen, die ich in diesen Tagen bei Stille und Gebet – mit angemessenem Abstand – in unserer Martinskirche treffe, wenn ich an der Orgel bin. An vielen Stellen müssen wir jetzt Machtlosigkeit ertragen und aushalten, aber auch dankbar sein und hoffen, dass diese Zeit – bei allem Elend – letztlich ein gutes Ende nehmen kann."

Kraft schöpfen im Kontext des Kirchenjahres

Dass Steffen Mark Schwarz vor allem Werke von Johann Sebastian Bach gewählt hat, um den Zuschauern durch diese schwere Zeit zu helfen: kein Wunder. Denn der Leipziger Thomaskantor hat in seinem umfangreichen Werk viele Stücke komponiert, die Trost spenden, Kraft geben und dazu einladen, in sich zu gehen und gerade im Kontext des Kirchenjahres selbst neue Kraft zu schöpfen. "Wenn wir in höchsten Nöten sein", BWV 641, ist darunter, "O Mensch, bewein dein Sünde groß", BWV 622, und "Jesu, meine Freude", BWV 610, aber auch Werke anderer Komponisten sowie ein eigenes Werk: Drei Miniaturen zu EG 98 "Korn, das in die Erde".

Unterstützt hat den Kantor dabei Martin Franzki, Sprecher des Chorbeirates der Martinskantorei: Er hat – wie sonst bei den öffentlichen Aufführungen – für gute Tonqualität gesorgt und zudem dem Kantor mit der Videokamera zugesehen. Der Blick in die menschenleere Martinskirche, auf den Altar, das Haupt- und die Seitenschiffe, die bei den Aufführungen sonst voll besetzt sind, wirken dabei keineswegs skurril – im Gegenteil: Die Bilder vermitteln Ruhe und lassen Raum für eigene Gedanken.

"Mit der wunderbaren Musik von Johann Sebastian Bach schlagen unsere Herzen für alle: Kranke, Gesunde, Freunde, Familie, medizinisches Personal und alle Menschen, die sich in dieser schweren Zeit für andere einsetzen", betont Steffen Mark Schwarz. "Die Corona-Krise ist eine gesundheitliche und spirituelle Herausforderung. Dabei geht es um Schutz der andern als Akt der Nächstenliebe und unsere eigene Obhut." Und bei alldem bleibe tagtäglich die Frage: "Wie (er-)fülle ich die mir anvertraute Zeit und Aufgaben? Wie gehe ich mit brisanten Herausforderungen, mit den anderen und mit mir selbst um? Wie ertrage oder gestalte ich Stille?" Johann Sebastian Bach gibt ihr in der Passions- und Osterzeit einen eigenen, ganz besonderen Klang.

Weitere Informationen: https://www.youtube.com/channel/UCzhJh1bUYlUPysz3iWi78pw/featured

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