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Albstadt Jeder Höhenmeter ist ein kleiner Sieg

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Cornelia, Yunus und Ayla Borowczak wollen gemeinsam den Kilimandscharo besteigen. Yunus ist trotz der Leukämieerkrankung zuversichtlich es bis ganz nach oben zu schaffen. Foto: Kistner Foto: Schwarzwälder Bote

Sechs Jahre ist es her, dass die Nachricht von der Leu­kämieerkrankung des zwölfjährigen Yunus Borowczak aus Tailfingen eine Welle der Hilfsbereitschaft in Albstadt auslöste. Heute ist Yunus 18, es geht ihm gut, und er hat Großes vor: Er will auf den Kilimandscharo.

Albstadt-Tailfingen. 2013 war die Diagnose "chronische myeloische Leukämie", kurz "CML", gestellt worden, Ende des Jahres verbreitete sich die Nachricht in Albstadt. Die Folge waren eine Typisierungsaktion mit 826 Neuregistrierungen und 46 000 Euro Spendengeld, etliche Spendenaktionen und Benefizveranstaltungen von Vereinen, Schulklassen und Laienspieltruppen – Albstadt fieberte monatelang mit dem kranken Jungen aus Tailfingen.

Danach wurde es wieder ruhiger um ihn, und er war nicht traurig darüber. Wie sich mit der Zeit herausstellte, hatte er ein Stück weit Glück im Unglück gehabt: Zwar tritt CML, die Spielart der Leukämie, an der er leidet, vor allem bei älteren Menschen und kaum bei Kindern auf; das erschwert die Therapie, weil die Wissenschaft im Dunkeln tappt. Andererseits waren just zu der Zeit, als Yunus erkrankte, Medikamente auf den Markt gekommen, die das unkon­trollierte Wachstum von unreifen weißen Blutkörperchen wirkungsvoll abbremsten und die Krankheit damit zumindest in Schach hielten. Jetzt stellte sich nur die Frage, ob die Medikamente anschlagen würden – und ob sich die Nebenwirkungen auf ein vertretbares Maß beschränken ließen.

Beim ersten Medikament war das nicht der Fall; die Schmerzen in Muskeln und Knochen waren unerträglich. "Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten." Das zweite Medikament erwies sich dagegen als Volltreffer: Die Schmerzen hörten auf, und das Blutbild war bei regelmäßiger Einnahme so unauffällig, dass kaum ein Arzt, der die Vorgeschichte nicht kannte, etwas geahnt hätte. Zugegeben, Heilung ist noch mal etwas anderes – aber immerhin führt Yunus heute ein normales Leben. Wer hätte vor sechs Jahren an einen solchen Fortgang der Geschichte zu glauben gewagt?

Also alles o.k.? Nicht ganz. Schon 2013 war Yunus, seiner Mutter Cornelia Borowczak und seiner Schwester Ayla klar gewesen, dass die Typisierungsaktion in Albstadt es vielleicht ermöglichte, irgendwo in der Welt kranken Menschen zu helfen, dass es aber sehr unwahrscheinlich war, dass ausgerechnet Yunus zu ihnen zählen würde: Die Suche nach dem genetischen Zwilling glich der nach der Stecknadel im Heuhaufen.

Den Borowczaks war das egal – spätestens seit Yunus’ Krankenhausaufenthalten verband sie eine unverbrüchliche Solidarität mit den anderen krebskranken Kindern auf der Tübinger Station und in aller Welt, und so blieben sie im Kampf gegen CML auch dann am Ball, als klar war, dass Yunus’ Leben nicht mehr direkt bedroht war. Cornelia Borowczak sammelte alle verfügbaren Informationen über die Krankheit – vieles gab es nur auf Englisch – , nahm an Telefonkonferenzen teil, besuchte Kongresse, hielt selbst Vorträge, wurde Mitglied und Aktivistin im deutschen "Elternverein für Kinder mit CML" und ist heute gut vernetzt mit allen, die den gleichen Kampf führen wie sie.

Unter anderem mit der "International Chronic Myeloid Leukemia Foundation", kurz "iCMLf". Im Herbst 2018 stolperte sie bei einem Besuch auf deren Homepage über ein Projekt, dass sie interessant fand: "Climb for a Cure". Eine Gruppe von maximal 30 Personen, von denen jede zuvor 3000 Dollar für den Kampf gegen CML gesammelt hat, ersteigt Ende Oktober 2019 den mit 5895 Metern höchsten Berg Afrikas, den Kilimandscharo. Die drei Borowczaks waren sich rasch einig, dass sie mit von der Kletterpartie sein wollten, meldeten sich im Februar an und begannnen zu sammeln. Sie aktivierten Yunus’ Unterstützer, warben in der Show von Hundeprofi Martin Rütter für ihren guten Zweck, setzten zweimal das Tombolarad in Bewegung und beteiligten sich an Tailfingens "Langer Tafel". 5374 Euro haben sie schon und sind zuversichtlich, dass auch der Rest noch den Weg in die Spendenkasse finden wird. "Eine Bank werden wir deshalb nicht überfallen müssen", sagt Cornelia Borowczak.

Wobei es mit 9000 Dollar nicht getan ist – die sind ausschließlich für die Finanzierung von Forschung und CML-Therapie in Weltgegenden bestimmt, die kein so leistungsfähiges Gesundheitssystem wie das deutsche besitzen. Bergausrüstung, die Flüge nach Tansania, Unterkunft, Expeditionsbegleitung, Träger finanzieren die Borowczaks aus eigener Tasche, und das wird noch mal ein paar Tausender kosten. Der Gipfelsturm selbst scheint da der leichtere Teil der Aufgabe zu sein.

Der Kilimandscharo ist alpinistisch anspruchslos, eine sechstägige Bergwanderung, deren größte Herausforderung die Höhe darstellt: Auf 5000 Metern überm Meeresspiegel kann man schon ins Schnaufen geraten. Wird Yunus, der halt doch nicht kerngesund ist, mit der dünnen Luft zurecht kommen? Er gibt sich zuversichtlich: Er läuft, fährt Fahrrad, wird demnächst mit Schwester und Mutter an der Albstadt-Challenge teilnehmen – wenn er dennoch vor dem Gipfel umkehren muss, dann lässt er sich deshalb keine grauen Haare wachsen. Jeder Höhenmeter ist ein kleiner Sieg über die Krankheit – und vielleicht gelingt ja eines Tages auch der große.

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