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Albstadt In diesem Chor – da geht’s vorwärts

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"Dies irae" – Tage des Zorns – werden im Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart besungen. Dirigent Steffen Mark Schwarz ruft seine Akteure mit entsprechenden Gesten zum gewaltigen Gesang auf. Fotos: Jannik Nölke Foto: Schwarzwälder Bote

Von Karina Eyrich

Albstadt-Ebingen. "Für Choranfänger: Wenn im Orchester die Instrumente gestimmt werden, schweigt der Chor", flüstert Nikolai Ott mir augenzwinkernd zu. Von wegen! Choranfängerin bin ich ganz und gar nicht. Mit Inbrunst und kräftiger Stimme habe ich als Schülerin und noch einmal weit nach dem Abitur, als Gast, das Musical "Hair" im Schulchor mitgesungen. Wahrlich nichts für Pfeifen angesichts der herausfordernden Höhen und Tiefen, der teils nicht wirklich sinnvollen Texte.

Der liturgische Text des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozarts in deutsch ausgesprochenem Latein nimmt sich dagegen kinderleicht aus. Für eine Historikerin mit großem Latinum ein Kinderspiel.

Das Problem ist das Singen: 22 Jahre, in denen die Stimme nie geölt, höchstens strapaziert wurde. Unvermeidlich kommt mir Christian Danner, ein deutscher Formel-1-Rennfahrer, in den Sinn, der – von Blacky Fuchsberger nach dem Unterschied zur Formel 3 befragt – einst geantwortet hat: "Naja, da geht’s schon vorwärts."

Da geht’s schon vorwärts, in der Martinskantorei Ebingen: Knapp 50 Sängerinnen und Sänger – teils mit jahrzehntelanger Erfahrung, singen seit Jahren unter der Leitung eines Profis mit hohem Anspruch, Kantor Steffen Mark Schwarz. Und dann kommt eine ehemalige Schulchor-Chanteuse daher, stellt sich – hoppla! – zwischen die Tenöre und glaubt (oder hofft), da mitsingen zu können.

Martin Franzki bekommt es knüppeldick ab: Der Vorsitzende des Chorbeirats ist im Brotberuf Sozialdiakon und verfügt über Geduld und Langmut im Übermaß. Als einer von wenigen Tenören – an ihnen mangelt es in jedem Chor! – steht er neben mir und bringt es fertig, jeden meiner unsicheren und fragenden Blicke wie folgt zu kommentieren: "Alles gut! Ich höre keine falschen Töne!" Was daran liegen mag, dass ich erst einmal ganz leise singe und gelegentlich wohlweislich schweige. Bei den Koloraturen zum Beispiel. Was das ist? Ein Bergsteiger würde sie als Auf und Ab, Auf und Ab auf einem steinigen Weg bezeichnen, auf dem man viel Puste braucht. Eine Silbe eines lateinischen Wortes in 50 Töne verpackt, die so schnell gesungen werden, dass ich mich staunenden Mutes frage, wie das jemand schafft.

Gut, dass es Carla Thullner gibt! In den Registerstimmbildungs-Einheiten vor und zum Beginn jeder Chorprobe trainiert die Profi-Sopranistin, die an der Leipziger Hochschule Felix Mendelssohn Bartholdy studiert hat, mit Amateuren wie mir, wie man so singt, dass es hinterher gut klingt. Und plötzlich zeigt sich: Da geht’s schon vorwärts! Die Stimmbildung bringt richtig viel und ist die Basis dafür, dass Chorleiter Steffen Mark Schwarz in den eigentlichen Proben das Werk zum Thema machen kann – und nicht die technischen Grundlagen des Chorgesangs erarbeiten muss.

Ein Grünschnabel singt das Werk eines Genies

Das Werk auf dem Probenplan ist diesmal kein geringeres als das eines Genies, das jeder Musikliebhaber in aller Welt schätzt. Kollegin Erika zum Beispiel. "Du singst das Mozart-Requiem mit?" fragt sie staunend ob der Kenntnis um meine Feierabendsituation. Und dann fängt sie auch schon an zu singen. "La-a-crimo-o-sa. Di-ies il-la!." Genießerisch verdreht sie die Augen und berichtet von ihrer ersten Rezension einer Aufführung jenes Meisterwerks, das zu Mozarts eigenem Requiem werden sollte. Dafür zu werben, in den Ankündigungen die Besonderheiten des Karfreitagskonzerts herauszukitzeln: tausend Mal gemacht. Am Probenwochende im Kloster Heiligkreuztal vormittags, nachmittags und weit in den Abend hinein zu singen: etwas völlig Anderes.

"Das Probenwochenende bringt noch einmal einen kräftigen Schub", hatte Martin Franzki mir versprochen. Und erst jetzt wird mir klar, wie viel Aufwand hinter einer solchen Aufführung steckt, wie viele Feinheiten es herauszuarbeiten gilt, wie minimal die Spielräume sind, wenn es um Einsätze und halbe Töne geht. Da geht’s schon vorwärts...

Irgendwie seltsam, dass danach tatsächlich alles leichter geht, fast wie von selbst. Natürlich hat auch die CD geholfen, die ich mir heimlich besorgt habe und auf der die Tenorstimme, deutlich lauter als die anderen, perfekt eingesungen ist. Hören hilft.

Und dann geht plötzlich alles ganz schnell: In der letzten regulären Probe vor dem Karfreitagskonzert zur Sterbestunde Jesu führt der Dirigent im Schweinsgalopp durch die Partitur, probt Anfänge, Einsätze, kleine Feinheiten. Das ganze Werk einmal durchsingen? Das passiert erst am Gründonnerstagabend, an dem ich nur ungern den Gottesdienst bei meinem Lieblingspfarrer versäume. Meine Stimmbänder sind nach dem Probenwochenende ein einziges Reibeisen und die nächstgelegene Apotheke macht ein Bombengeschäft mit meinen "Ipalat"-Bestellungen.

Das Orchester macht Mut zu mehr Pathos

Gleichwohl: Alles klappt wie am Schnürchen: Die Scheu, laut zu singen, sinkt proportional zum Anwachsen der Lautstärke, die das Orchester zu verantworten hat. Nur 20 Zentimeter vor mir sitzen Musiker, über die ich oft berichten durfte. Mehr als nur Profis – Meister ihres Fachs. Preisträger. International gefragt. Da geht’s schon vorwärts.

Waren die Proben bisher eine Auszeit vom Alltag, sind sie plötzlich ein Erlebnis, wie eine einfache Amateursängerin, ohne Damenbart und doch Teil der Männerstimmen, es nicht alle Tage hat. Mit echten Könnern zusammen zu arbeiten – es fühlt sich einfach immer gut an, egal in welchem Metier und egal, wie viel man selbst zur Qualität beiträgt.

Die Probe am Vorabend: Sie klappt ganz gut. Ein schlechtes Omen? Heißt es nicht immer, wenn die Generalprobe schief geht, wird die Aufführung gut? Ein Trost bleibt mir: In diesem Chor bin ich das kleinste Licht neben Sängerinnen und Sängern, die teils seit Jahrzehnten dabei, die im Brotberuf Musiklehrer oder die auch noch in anderen Chören aktiv sind. Für ein Desaster werde ich ebenso wenig verantwortlich sein wie für einen Erfolg.

Trotzdem: Als der Karfreitag endlich da ist, ist die Nervosität groß, die Spannung spürbar. Im Publikum, das so zahlreich gekommen ist, sitzen Kollegen, Freunde, Verwandte und meine Mama, die selbst singt wie ein Engel und trotzdem am Telefon mit mir verwechselt wird – unverständlicherweise.

Die Perspektive ist diesmal eine völlig andere: Habe ich sonst auf der Nord- oder Südempore der Martinskirche der Aufführung gelauscht, gelassen den Chor beobachtet und den Dirigenten nur von hinten gesehen, blicke ich nun von der Orgelempore in Hunderte erwartungsvolle Gesichter. Und mitten ins Gesicht von Steffen Mark Schwarz, der beim Läuten der Glocken die Augen schließt und still lauscht. Ganz bestimmt ist eine fette Portion Konzentration dabei, denn das, was folgt, ist ein Kraftakt für den Dirigenten – weit mehr noch als das Probenwochenende und die monatelange Vorbereitung. Das wird mir zum ersten Mal klar. Unter Einsatz von Gestik und Mimik, von der mancher Schauspieler sich eine dicke Scheibe abschneiden könnte, gibt er Einsätze, lockt sanfte Töne heraus beim "Voca me" der Frauenstimmen und entzündet mit hochrotem Gesicht das Höllenfeuer im "Dies irae" – Tage des Zorns.

Ich bin Teil des Feuers, singe mit Inbrunst, wie einst in der dritten Stimme des Schulchors, dessen Leiter nicht den Mut gehabt hatte, angesichts mehrerer "Tenoreusen" von "Männerstimmen" zu sprechen. Es macht Spaß. Es macht riesigen Spaß! Karfreitag hin oder her! Laut singe ich die Koloraturen, und es ist mir schnurzpiepegal, dass auch mal ein Ton daneben geht, wenigstens um einen halben. Die Stimme funktioniert – ohne Lutschpastille, homöopathisches Spray für den Kehlkopf, Wasser und literweise Ingwertee. Das Adrenalin macht all das wett! Sie erklimmt die Höhen und ich fühle mich im Himmel – auch wenn es das Höllenfeuer ist, das wir besingen.

Die Spannung entlädt sich in Rührung

Viel zu schnell sind die knappe Stunde und die Karfreitagsaufführung zur Sterbestunde Jesu vorbei. Ich weiß, dass Mesnerin Aksana Kauerhof die Glocken zum Läuten bringen wird, kaum dass der letzte Ton verklungen ist. Wieder blicke ich in das Gesicht von Steffen Mark Schwarz, auf dem sich bei aller Stille die ganze Freude über die intensive und gelungene Aufführung in einem entspannten Lächeln entlädt, während ich mit Tränen der Rührung kämpfe: Wie sehr vermag es doch zu berühren, zu befreien, zu begeistern, Teil einer solchen Aufführung zu sein! Ein winziger Teil, zugegeben. Aber nur scheinbar blutige Anfängerin. Und immerhin die beste Tenorsängerin, welche die Martinskantorei hat.

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