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Albstadt/Hechingen Ehefrau niedergestochen: Mutmaßlicher Täter vor Gericht

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Angriff mit einem Messer: Ein Mann hat am 30. Juli 2017 in Albstadt seine Frau niedergestochen. (Symbolfoto) Foto: Maier

Albstadt-Ebingen/Hechingen - In Extremsituationen reagieren Menschen bisweilen sonderbar. Nachdem ihr Mann sie in der gemeinsamen Wohnnung in Ebingen an einem Sonntag im vergangenen Sommer während des Kochens von hinten niedergeschlagen und ihr mit einem Küchenmesser 19 Stiche in Hals, Rücken, Oberkörper und Kopf versetzt hatte, nachdem sie blutüberströmt und schwerverletzt am Boden lag – da sagte die Frau dem Angreifer, er solle den Topf vom Herd nehmen, ansonsten brenne das Essen an. Nachdem sie dann gebetet hatte, verlor sie das Bewusstsein. Der ebenso brutale wie tragische Vorfall wird seit Donnerstag am Landgericht Hechingen juristisch aufgearbeitet.

Angeklagt wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung ist ein 52-Jähriger, der als junger Mann aus Pakistan nach Deutschland gekommen war, Asyl beantragte und mittlerweile deutscher Staatsangehöriger ist. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft räumte der Mann zu Beginn der Verhandlung ein.

Ist der Täter schuldfähig?

Während die Tat selbst unstrittig ist, steht stattdessen die Frage der Schuldfähigkeit im Raum. Neben dem Gericht um den Vorsitzenden Richter Breucker und Oberstaatsanwalt Beiter hört in der Verhandlung deshalb ein weiterer Mann ganz genau hin: Gutachter Winckler, der den psychischen Zustand des Angeklagten beurteilen soll. Zweimal hat er mit dem 52-Jährigen bereits gesprochen, dieser kann sich daran allerdings nicht erinnern.

Der 52-Jährige leidet seit längerer Zeit, spätestens aber seit einem schweren Unfall im Jahr 2002 und der dadurch bedingten Berufsunfähigkeit unter Depressionen, hört Stimmen, lebt mitunter, wie es scheint, in einer eigenen, eingebildeten Welt. Mindestens einmal will er, wie er vor Gericht sagte, versucht haben, sich umzubringen, zu erdrosseln – mit dem Schlauch eines Schlafapnoegeräts.

Dass er es ernst gemeint hatte, davon geht seine Ehefrau nicht aus: "Mein Mann ist ein Angsthase." Die 39-Jährige, ebenfalls gebürtig aus Pakistan, berichtet im Zeugenstand zumeist gefasst von ihrem Leben, ihrer Ehe. Einmal bricht sie in Tränen aus, als sie das Geschehen am Nachmittag des 30. Juli 2017 in der Wohnung in der Ebinger Bühlstraße schildert, von ihrem Kampf gegen den Ehemann, von ihren Versuchen, dem Messerangriff zu entgehen – und von der Sorge um die vier gemeinsamen Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren, die der Gatte davor in ein Zimmer eingesperrt hatte. Die Frage, warum er sie offensichtlich töten wollte, beschäftige sie bis heute – vor allem auch, dass er offenbar in keiner Sekunde an die Familie gedacht habe.

Als "anständig" beschreibt die 39-Jährige ihren Mann, dies, obwohl er sie über die Jahre immer wieder geschlagen und beleidigt habe. Gleichwohl habe sie ihn geliebt, er sei ja schließlich ihr Mann gewesen und der Vater der Kinder.

Kinder während Tat in Zimmer eingesperrt

Zweifel an der Ehe schienen nicht erlaubt. Allerdings war schon das Zustandekommen für hiesige Verhältnisse, anders als in Pakistan, bemerkenswert: Bis zum Tag der Hochzeit im Januar 2001 kannte sich das künftige Paar nur von Fotos. Die Familien hatten die Verbindung über eine spezielle Heiratsagentur arrangiert. Das erste Kind kam zur Welt – und es folgte der Unfall, der wohl vieles veränderte.

2002 stürzte der heute 59-Jährige, brach sich Arm, Schulter, Schlüsselbein und Rippen. In der Folge konnte er nicht mehr arbeiten. Die Ehefrau will bereits kurz nach der Hochzeit bemerkt haben, dass ihr Mann "nicht ganz normal im Kopf" sei; nun aber bekam er gewaltige psychische Probleme. Er ist bis heute in Behandlung, 2016 war er in der geschlossenen Abteilung des Vinzenz-von-Paul-Hospitals in Rottweil, wurde aber recht schnell wieder entlassen, weil er an der Behandlung nicht mitwirkte.

Ein weiterer Einschnitt war der Verkauf des Hauses in Winterlingen: Ein Ehepaar aus Nordeutschland, das den jungen Pakistani nach dessen Ankunft in Deutschland adoptiert hatte, hatte dem Paar die Immobilie finanziert. 2013 verkauften sie es wieder, weil er mit der Familie zurück nach Pakistan wollte. Das scheiterte. Sie kamen zurück, nach Albstadt. Er habe, sagt der 52-Jährige, seitdem noch mehr als davor das Gefühl gehabt, "alles falsch" zu machen – das hätten ihm auch "Stimmen" immer wieder gesagt, ebenso, dass er sich umbringen solle.

Tochter bezeichnet Vater als "krankhaft eifersüchtig"

Diese Belastungen führten regelmäßig zu Konflikten zwischen den Ehepartner – ebenso wie der ständige Verdacht des Mannes, dass seine Frau ihn betrüge. Die Eifersucht ging soweit, dass er sie einmal mit den Worten "Was soll das?" anging, weil sie ihren Bruder umarmt hatte.

Wenige Tage vor dem fast tödlichen Vorfall weckte er sie mitten in der Nacht und fragte sie, ob sie schwanger sei – von einem anderen Mann, möglicherweise von einem der Handwerker, der in dem Haus tätig war, das die Familie bald darauf beziehen wollte. "Du bist ja verrückt", habe sie zu ihm gesagt. Die Tochter sagte vor Gericht, dass ihr Vater "krankhaft eifersüchtig" gewesen sei und die Mutter ständig verdächtigt habe, mit anderen Männern anzubandeln.

Am Tattag dann sei ihr Mann "anders als sonst, komisch" gewesen. Er wollte mit ihr morgens zum neuen Haus gehen, sie wollte nicht. Daraufhin habe er sich für Stunden ins Schlafzimmer zurückgezogen, sie habe die Wohnung geputzt und Essen gekocht. Bis er zustach. Während des Angriffs klopften und trommelten die Kinder an die Tür, hinter der sie der Vater eingeschlossen hatte. Sie riefen aus dem dritten Obergeschoss auch aus den Fenstern um Hilfe, weil sie die Mutter schreien hörten.

Glücklicherweise war der Notarzt schnell vor Ort, eine Notoperation rettete ihr Leben. Elf Tage lag sie im künstlichen Koma, einen Monat im Krankenhaus, darauf folgte die Reha. Sie kämpft sich zurück. Ihr rechter Arm ist wegen des Angriffs taub und teilweise gelähmt, sie ist in körperlicher und seelischer Behandlung, die Narben von den Messerstichen sind deutlich zu sehen. Ihren Noch-Ehemann schaut sie während der Verhandlung nicht an: "Er hat das Leben unserer Familie kaputtgemacht."

  Die Verhandlung wird am Montag, 15. Januar, 9 Uhr, fortgesetzt.

 
 

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