So unterschiedlich können Waagen aussehen – Rudi Keinath (rechts) kennt sie alle. Foto: Müller Foto: Schwarzwälder-Bote

Haus der 1000 Waagen: Am Tag der offenen Tür entdecken Besucher echte Schätze

Von Beatrix Müller

Frühere Waagenbauer, Techniker und viele Interessierte, die nicht vom Fach sind, haben den Tag der offenen Tür im "Haus der 1000 Waagen" genutzt, um sich die neuen Räume – und ihren Inhalt – anzuschauen.

Albstadt-Onstmettingen. 1100 Waagen haben auf rund 400 Quadratmetern im Haus der 1000 Waagen eine Heimat gefunden, etliche davon in den hellen und einladenden neuen Räumen, die acht Mitglieder des Arbeitskreises Waagen – Heinz Meintel, Walter Gonser, Peter Nüssen, Gustaf Boss, Fritz Brenner, Stefan Tisler, Ludwig Bosch und Rudi Keinath – im Schweiße ihres Angesichts renoviert und museumstauglich gemacht haben. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg gebaute Waagen werden darin gezeigt. Auf einer davon, einer großen Metzgerwaage, grinst ein Schweinchen die Besucher an.

Morphium oder Nylon – wiegen lässt alles

Ein unvergleichliches Wissen über Waagen, ihre Funktionsweise und ihre Geschichte hat Rudi Keinath in einem halben Jahrhundert angesammelt. Die Führung mit ihm macht Station bei den "ober- und -einschaligen" Waagen. Zu sehen sind Eier-, Brief-, Getreide- und Butterwaagen; letztere dienten dazu, herauszufinden, ob die Butter tatsächlich nur 15 bis 16 Prozent Wasser enthielt. Für fast alles gab es eine eigene Waage, beispielsweise für Morphium, das gewogen wurde, um Verunreinigungen durch Gift auszuschließen. Oder für Nylonstrümpfe – als die auf den Markt kamen, entstanden binnen kurzem Waagen, mit denen sich das Fadengewicht ermitteln ließ.

Die Gewichte hatten es einst buchstäblich "in sich": Man konnte ihnen den Kopf abnehmen und sie mit Zinnspänen füllen – Blei hingegen war keine Option; es zersetzte sich. Die neueren Gewichte sind dagegen aus einem Guss.

Zu den empfindlichsten Apparaturen in der Ausstellung zählt die große Haigiswaage, zu den eigenartigsten Kon­struktionen die Ultra-Mikro-Waage, die aus drei übereinander liegenden Gehäusen besteht und das Gewicht auf 0,01 Milligramm genau anzeigt. Besonders stolz ist Rudi Keinath auf eine Waage, die er selbst noch gebaut hat: Großbanken überprüften damit das Gewicht ihrer Goldbarren; man kann aber mit ihr aber auch leichtere Obejkte wiegen – ein Centstück ist 2,4 Gramm schwer.

Keinath versteht sich aber nicht nur auf Uhren – gemeinsam mit Ernst Bosch hat er eine defekte Rechenmaschine wieder so weit instandgesetzt, dass sie die vier Grundrechenarten beherrscht – bis zur elften Stelle hinterm Komma.

Große Freude bereitet einer Besucherin der Anblick von Omas Küchenwaagen – Kenner haben für die Veteranen nur ein amüsantes Schmunzeln übrig: hübsch, aber aufgrund des Federbetriebs doch recht ungenau. Präziser messen die Briefwaagen mit dem aufgeprägten Posthorn – allerdings taugen auch sie heute nicht mehr für den Gebrauch. "Wie können Sie das alles nur im Kopf behalten?", möchte eine Besucherin wissen. Keinath schmunzelt: "Der ist groß genug."