Aktion statt Akten: Albrecht Mors freut sich darauf, im Ruhestand wieder mehr draußen in der Natur sein zu können. Foto: Eyrich Foto: Schwarzwälder Bote

Ruhestand: Als Sigmaringer Verwaltungsrichter hat Albrecht Mors im Lauf der Jahrzehnte einiges erlebt

Der April ist noch Resturlaub, aber die offizielle Verabschiedung hat bereits stattgefunden, coronabedingt im kleinsten Kreis, nämlich unter vier Augen. Am 1. Mai geht der in Ebingen wohnhafte Sigmaringer Verwaltungsrichter Albrecht Mors in den Ruhestand.

Albstadt-Ebingen. Albrecht Mors ist Albstädter avant la lettre: Die Mutter entstammte einer alteingesessenen Ebinger Familie; der Vater war Tailfinger – und in Tailfingen kam Albrecht Mors am 14. Januar 1956 zur Welt, unter den Händen der "Hebamme Schöller", einer Kapazität auf ihrem Gebiet. Er ging in Ebingen zur Schule, machte 1975 sein Abitur am Gymnasium und begann nach 15-monatigem Grundwehrdienst ein Jurastudium in Tübingen – übrigens ohne familiär vorbelastet zu sein; der Vater war Kaufmann.

Weshalb Jura? Am Gymnasium hatte der seinerzeitige Ebinger Amtsgerichtsdirektor gelegentlich kursorischen Rechtskundeunterricht erteilt; zudem entwickelte der junge Albrecht Mors in diesen Jahren ein geschärftes Rechtsempfinden: Er hatte den Eindruck, dass es bei der Notengebung – nicht in seinem Fall, aber bei Klassenkameraden – nicht immer mit (ge)rechten Dingen zuging, und beschloss, als es an die Berufswahl ging, der Sache auf den Grund zu gehen.

Die Studienjahre hat Mors in guter Erinnerung. Von den Verbindungen hielt er sich fern; dafür schloss er sich einem Tübinger Studentenstammtisch an, der heute, nach über 40 Jahren, immer noch regelmäßig tagt – zweien der Stammtischbrüder sekundierte Mors später als Trauzeuge, dem Kind eines weiteren stand er Taufpate.

Sogar das Auslandssemester in Lausanne absolvierte man gemeinsam, was für den gelernten Lateiner Mors den Vorteil hatte, dass er bei der französischen Sprachprüfung auf die Hilfe der Kommilitonen zurückgreifen konnte, die, anders als er, Französisch an der Schule gelernt hatten. Sie waren einen Tag vor ihm examiniert worden; wie sich herausstellte, waren die Fragen identisch.

"Auslandseinsätze" wollte er vermeiden

1981 legte Mors das erste Staatsexamen ab, drei Jahre später, nach einem Referendariat am Landgericht Hechingen, das zweite. Als Regierungsassessor wechselte er ans Landratsamt Sigmaringen und wurde Sozialdezernent. In diese Zeit fielen auch die Promotion zum Doktor der Jurisprudenz und erste Erfahrung mit der Verwaltungsgerichtsbarkeit: Albrecht Mors hat sich, anders als andere Schwaben, denen es – Zitat Hegel – "zu eng im Pfaffen- und Schreiberland" wurde, auf der Alb und an der Donau immer am wohlsten gefühlt; die Abstellung zum Verwaltungsgericht Sigmaringen bot die Möglichkeit, sich "Auslandseinsätzen", etwa in Karlsruhe, zu entziehen.

Stuttgart ging da gerade noch, obwohl selbst das für Mors an Exilierung grenzte: Zwei Jahre lang war er im Wirtschaftsministerium tätig, unter anderem als dessen Vertreter im Petitionausschuss des Landtages – in diese Zeit fiel unter anderem der Streit zwischen der Bundeswehr und dem Wirt des Naturfreundehauses Donautal, der einem Trupp von Soldaten auf Marschübung den Zutritt verweigert hatte, weil sie bewaffnet waren.

Nächste Station war das Regierungspräsidium in Tübingen – schon in dieser Zeit beschäftigte die Lautlinger Ortsumgehung die Behörde intensiv – , und dann kam der erste größere Asylbewerberschub: Auf einmal gab es zusätzliche Stellen am Verwaltungsgericht Sigmaringen. Albrecht Mors war erste Wahl dafür, denn er besaß bereits Verwaltungsgerichtserfahrung, und konnte sofort loslegen.

Womit er dort angekommen war, wo er, ohne es genau zu wissen, immer hingewollt hatte. Gerechtigkeit war sein Thema, und da fand er den Gegensatz Bürger-Behörde am Ende spannender als etwa die zeigefingerwackelnde Strafjustiz. Er hat so manches erlebt in zweieinhalb Jahrzehnten am Verwaltungsgericht Sigmaringen – etwa den Auswärtstermin im Allgäu, bei dem er im Ehebett eines Paares testliegen musste, das sich nachts vom Licht der Straßenlaterne belästigt fühlte. "Dabei kam es gar nicht bis zum Kopfkissen". Oder der Ortstermin in einer Gemeinde, bei der die Delegation des Gerichts abends versehentlich im Rathaus eingeschlossen wurde – wohlgemerkt in einer Zeit, als noch nicht jeder ein Handy hatte.

Albrecht Mors war dabei, als das Thema Asyl erneut das alles dominierende wurde – "die Standards haben sich geändert; aus fünf Seiten Begründung sind 30 geworden" – , und er hat die Einführung der "elektronischen Akte" mitgemacht und skeptisch mitverfolgt: "Der Zeitaufwand ist eher größer als früher – und oft wird das Programm zum Gängelband."

Ihn gängelt es nicht mehr. Albrecht Mors wird die neue Freiheit zum Joggen, Schwimmen, Radfahren, zum Wandern – im Kneipp-Verein ist er Wanderführer – , vor allem aber zum Singen nutzen: Seit 40 Jahren singt er im Chor der "Eintracht" Ebingen – und ich bin nach wie vor der Jüngste". Anders als bei der Juristerei ist beim Singen übrigens klar, wo es herkommt: Albrecht Mors’ Mutter war eine ausgebildete Sängerin: "Wenn wir es wollten, war sie imstande, sich vom Spätzleschaben weg ans Klavier zu setzen – und dann hat sie Schubert gesungen."

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