Es gibt Fragen, die sich nicht im Nachhinein beantworten lassen – mitten im Frieden einer Demokratie. Was Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seinem Attentat auf Adolf Hitler gewagt hat, hätte ihm erst mal einer nachmachen müssen, meint die Kolumnistin.
So ganz zusammen passt das jetzt nicht: einerseits darauf hinweisen, wie wichtig es sei, jungen Leuten Geschichtsbewusstsein mitzugeben, und andererseits den Wert der weltweit bedeutendsten Sammlung von Waagen und Gewichten an der Zahl der Besucher zu messen – wohlgemerkt: in einem Jahr, da das „Haus der 1000 Waagen“ ein Dreivierteljahr lang geschlossen war.
Aber lassen wir das: Zum Drama um die Kommunikation zwischen dem Amt für Kultur, Tourismus und bürgerschaftliches Engagement und dem Förderverein Philipp-Matthäus-Hahn-Museum ist vorerst alles gesagt. Jetzt ist die Zeit, den Blick nach vorne auf die Veranstaltungen zum Gedenktag „80 Jahre 20. Juli 1944“ zu richten – und zurück zum Tag des gescheiterten Attentatsversuchs auf Adolf Hitler, den Claus Schenk Graf von Stauffenberg unternommen hat.
Was wäre gewesen, wenn er geblieben wäre?
An diesem scheiden sich ja bis heute die Geister: War Stauffenberg nun ein Held oder ein Hasenfuß? War es mutig von ihm, mit Sprengstoff in der Tasche zum „Gröfaz“ – für den „größten Führer aller Zeiten“ hielt Adolf Hitler sich ja bekanntlich selbst – in die Besprechungs-Barracke der Wolfsschanze zu gehen? Oder war es feige von ihm, den Raum zu verlassen, ehe die Tasche explodierte? Wäre er geblieben, hätte er dafür sorgen können, dass der Sprengstoff möglichst nah an seinem Ziel detoniert und seine Wirkung nicht durch den Tisch gebremst wurde, auf dem der Weltkriegsgefreite und seine Spießgesellen die – damals für Deutschland bereits katastrophale – militärische Lage anhand von Landkarten diskutierten. Wäre der Umsturzversuch gelungen, wenn Stauffenberg um den Preis seines eigenen Lebens geblieben wäre? Was wäre in Hitlers Todesfall in Berlin und den anderen, von Deutschland besetzten Hauptstädten in Europa geschehen? In Paris hatten jene, die an „Operation Walküre“ beteiligt waren, schließlich bereits das Heft in der Hand, hatten die Nazi-Schergen dort entmachtet.
Aus Fehlern der Vorfahren lernen – anstatt sie zu wiederholen
Doch ein „Wenn“ gibt es nicht in der Geschichte – das lernen alle, die sich je professionell damit auseinander gesetzt haben, zu allererst. Diese Auseinandersetzung dürfen wir freilich nicht den Profis alleine überlassen – wir alle sind gefordert, uns mit unserer Geschichte zu beschäftigen. Warum? Ist doch alles schon so lange her! Die Antwort ist ganz einfach: Wer seine Geschichte kennt, der lernt aus den Erfahrungen der Vorfahren – anstatt deren Fehler zu wiederholen. Wer seine Geschichte kennt, bewahrt deren Zeugnisse, die sonst unwiederbringlich verloren gingen – egal, ob es sich um die Schulhefte der Oma handelt oder um die damals weltbesten Analysewaagen, die deutschen Chemikern und Pharmazeuten reihenweise Nobelpreise eingebracht und zum Wohlstand der Bundesrepublik erheblich beigetragen haben: 261,18 Milliarden Euro Umsatz hat die chemisch-pharmazeutische Industrie 2022 in Deutschland gemacht. Mit Hilfe von Waagen, deren Vorfahren in der Riedschule in Onstmettingen auf engstem Raum gehalten werden wie Hennen in der Lege-Batterie.
Eine einzige Frage – aber die entscheidende
Über ein „Wenn“ in der Geschichte haben die alte Historikerin, die hier über Geschichtsbewusstsein philosophiert, und ihre WG-Mitbewohnerin in Studienzeiten, eine Juristin, im Übrigen oft am Abendbrottisch diskutiert – nicht selten bis tief in die Nacht. Die Frage: Hätten wir selbst unser Leben geopfert, um Adolf Hitler zuverlässig um die Ecke zu bringen? Klar doch! Für eine junge, hochmotivierte Historikerin hätte es doch nichts Selbstverständlicheres gegeben als sich mit Sprengstoff umgürtet auf den Tyrannen zu stürzen! Meine Freundin hat mich damals mit einer einzigen Frage zum Schweigen gebracht: „Und wenn Du Kinder gehabt hättest?“ Stauffenberg hatte fünf.