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Albstadt "Ein Verbrechen an der Menschheit"

Von

Von Vera Bender

Albstadt-Onstmettingen. "Islam und Toleranz – Anspruch und Wirklichkeit" – der Titel eines Vortrags im evangelischen Gemeindehaus versprach eine rege Diskussion. Und diese folgte auch: ein Disput über radikale Muslime.

Dass Ideal und Praxis weit auseinander driften, machte die Überschrift des Vortrags von Abdelmalek Hibaoui deutlich, und der Referent überraschte mit seinen Belegen nicht nur den Gastgeber, Pfarrer Philippus Maier, sondern auch die knapp 90 Zuhörer, darunter Theologen mehrerer Konfessionen sowie Kirchengemeinderäte – die Themenreihe Toleranz hatten die christlichen Kirchen im Talgang initiiert.

Abdelmalek Hibaoui ist eine Größe unter den Islamwissenschaftlern: Der gebürtige Marokkaner ist unter anderem Dozent am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen und Mitglied der Islamkonferenz der Bundesregierung. Seit zwölf Jahren lebt er in Deutschland und ist mit einer Christin verheiratet. Doch er kam selbst einst als Doktorand mit Vorurteilen nach Deutschland, gab der muslimische Theologe zu.

Anhand einiger Stellen aus dem Koran machte der Referent deutlich, dass "der Islam seinem Wesen nach friedliebend und tolerant" sei und nannte die Greueltaten islamischer Extremisten wie beispielsweise des "Islamischen Staates" (IS) "Verbrechen an der Menschheit". Im Koran komme das Wort "Verzeihung" 27 Mal vor, der Begriff "Vergebung" gar 127 Mal, so Abdelmalek.

"Hätte Gott es gewollt, hätte er die Menschen zu einer Gemeinde gemacht", zitierte der Islamwissenschaftler aus der heiligen Schrift der Muslime, aus der er auch ableitet: Ein weltanschaulicher, religiöser Pluralismus sei gottgewollt. Juden, Christen und Muslime sollen demnach sogar einander helfen. Denn "Ungläubige" seien im Islam nicht die Christen, sondern Menschen ohne Glauben.

Toleranz heißt nicht: Auf Glauben verzichten

Allerdings betonte der Theologe: "Toleranz heißt nicht, auf den eigenen Glauben zu verzichten und den Andersgläubigen nicht zu überzeugen." Schließlich missionierten auch die Christen. Letztlich gehe es ja auch um die Frage der Gewalt. Und hier wurde Hibaoui eindeutig. Der Koran rufe nicht zur Gewalt auf. Wenn sich einzelne radikal-muslimische Gruppen auf das heilige Buch beriefen, dann habe das unterschiedliche, eigennützige Gründe: Die Verse im Koran würden aus dem Kontext gerissen, arabische Begriffe falsch übersetzt, man berufe sich auf einen fehlerhaften Nachdruck des Manuskripts oder man sei schlichtweg ungebildet.

"Wir Theologen leiden darunter, dass viele Menschen in islamischen Ländern ungebildet sind", sagte Abdelmalek Hibaoui. Und weiter: "Die Kämpfer, die sich aus Deutschland, Großbritannien und anderen Ländern der IS anschließen, haben keine Bildung, wollen auch unsere Religion nicht verstehen, sondern suchen nach Anerkennung und Identität."

Hibaoui ruft dazu auf, sich mit dem Koran zu beschäftigen, Vorurteile abzubauen, den Dialog zu suchen und Feindbilder auf beiden Seiten zu eliminieren. Dennoch nahmen die Besucher bei der Fragerunde kein Blatt vor den Mund, waren vom Vortrag selbst teilweise enttäuscht: zu theoretisch und allgemein gehalten. "War der Prophet Mohammed nicht selbst ein Kriegsherr?", "Warum distanzieren sich Muslime nicht öffentlich von den Gräueltaten?", "Sind denn nicht die meisten Terroristen Muslime?". Fragen über Fragen folgten.

Hibaoui hatte seine Mühe, den aufgebrachten Christen in Onstmettingen die Situation seiner muslimischen Brüder zu erklären. Diese seien mehrheitlich schließlich selbst Opfer. Und nur ein Prozent der Muslime in Deutschland gelte als radikal, so der Islamwissenschaftler. Hibaoui vermied es, näher auf historische Ereignisse wie Kreuzzüge im Mittelalter oder Bauernkriege in der Reformation einzugehen, sondern nannte nur diese Begriffe.

Doch er stellte auch die Frage, weshalb sich deutsche Christen eigentlich nicht von Taten der Amerikaner distanzierten, etwa als diese vor elf Jahren grundlos Bagdad bombardiert hätten?

Eines wurde klar: Die Angst vor islamischen Terroristen sitzt hierzulande tief. Da haben es friedliebende Muslime mit Erklärungen schwer.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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