Im Jahr 1912 war der Rohbau des Ebinger Rathauses – heute das Rathaus der Gesamtstadt Albstadt – fertig. Bis es so weit war, wurden allerdings einige Kämpfe in der Stadt ausgetragen. Foto: Repro: Reuter

Ein Blick zurück in die Geschichte: Um das Rathaus herrschte einst heftiger Streit zwischen Ober- und Unterstadt.

Albstadt-Ebingen - Rathaus Albstadt, Ebinger Rathaus, Rathaus in Ebingen – am Namen schieden sich gelegentlich die Geister, die architektonische Würdigung war stets einmütig: ein Kleinod. Am 11. Dezember wird das Rathaus in Ebingen 100 Jahre alt.

Wer die Vorgeschichte des Rathausbaus studiert, der wird feststellen, dass öffentliches Bauen in Ebingen schon zu Zeiten, als noch niemand einen Gedanken an chinesischen Granit verschwendete, seine skurrilen Seiten hatte. Der Beschluss, ein neues, repräsentatives und vor allem geräumiges Rathaus zu errichten, war am 26. Januar 1910 im Stadtrat gefallen, und zwar einmütig – das Projekt trug den neuen Zeiten Rechnungen, die so neu nicht mehr waren: Bereits 1819 hatte das Königreich Württemberg begonnen, seine Gemeinden an den kommunalen Aufgaben zu beteiligen und ihnen eine gewisse Verwaltungsautonomie zuzugestehen.

Eigene Finanzquellenhelfen den Kommunen

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde diese kommunale Selbstverwaltung immer weiter ausgedehnt, die Gemeinden bekamen auch eigene Finanzquellen wie Grund- und Gewerbesteuer zugestanden, und diese neue Selbständigkeit brachte einen bis dahin ungekannten Personal- und Platzbedarf mit sich: Mit Rathäusern traditionellen Zuschnitts – Ratssaal, Trauzimmer, Schreibstube – war es nicht länger getan. Das Problem, einem wachsenden Verwaltungsapparat Obdach geben zu müssen, hatten nicht nur die Ebinger, sondern alle Gemeinden Württembergs – in Ebingen kam allerdings noch ein durch die rapide Industrialisierung verursachtes Bevölkerungswachstum hinzu – zwischen 1850 und 1900 verdoppelte sich die Zahl der Einwohner auf 9000, und 1913 waren es bereits über 11.000.

Lange Zeit behalf sich die Stadtverwaltung mit zahlreichen Außenstellen und Provisorien – beispielsweise die "Alte Kanzlei", in der Schultheißenamt, Verwaltungsratsschreiberei und Standesamt untergebracht waren –, aber irgendwann war der Leidensdruck unerträglich geworden, und man beschloss, Nägel mit Köpfen zu machen: sprich ein neues Rathaus zu bauen.

Unerträglicher Leidensdruck? Nicht ganz – andernfalls wäre die Geschichte vermutlich nicht auf eine Weise weitergegangen, die Assoziationen an die "Mäulesmühle" weckt. Wenn Albstadt heute in zwei Teile zerfallen sein sollte, dann war es Ebingen damals auch: Sowohl die Oberstadt am Markttor als auch die Unterstadt am Bür­gerturm beanspruchten das neue Rathaus für sich, und der Kampf in den Leserbriefspalten wurde erbittert und ohne Pardon geführt: Die Unterstädter hielten den Oberstädtern die Kosten des Standorts Markttorkasten – die heutige Volksbank – vor, die Oberstädter verwiesen auf den sperrigen Bürgerturm in unmittelbarer Nachbarschaft des Standorts Schweinweiher und provozierten damit Unterstädter Ikonoklasmus: "Dann halt weg mit dem Ding!"

Einen Kompromissvorschlag gab es auch, nämlich die geographische Mitte, das heutige H&M-Areal am Marktbrunnen. Ein Jahr und etliche Gutachten später – kommt das dem Nachgeborenen nicht bekannt vor? – hatten sich der Bürgerausschuss, der die Oberstadt favorisierte, und der Gemeinderat, der für den Standort Marktbrunnen eintrat, so heillos zerstritten, dass Stadtschultheiß August Spanagel die Verhandlungen abbrach und erklärte, er betrachte die Angelegenheit als "verschoben – auf unbestimmte Zeit". Er konnte nicht ahnen, wie sehr er sich irrte.

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