War die Welt 1984 so, wie George Orwell sie sich 1948, als er seinen berühmten Roman schrieb, vorgestellt hat? Noch nicht – doch inzwischen ist sie es, zumindest in Staaten wie China. Die Aufführung von a.gon München in der Festhalle war zeitlos verstörend.
„Big Brother is watching You!“ – der „große Bruder“ beobachtet Dich – ist als geflügeltes Wort aus George Orwells Klassiker „1984“ in den Sprachgebrauch übergegangen. Im Theaterstück ist es Syme (Georg Stürzer), der das „Neusprech“-Wörterbuch überarbeitet und Winston Smith (Peter Kremer) vorschwärmt: „Du verstehst nicht, wie schön es ist, Wörter zu zerstören!“
Nein, Winston versteht das nicht. Der Mitarbeiter im Ministerium für Wahrheit im Staat Ozeanien ist an sich zuständig für das, was man heute – Neusprech! – Fake News nennt, doch mehr und mehr liegt es ihm quer, auf diese Weise seine Mitmenschen zu verdummen. Er hat das Gefühl, „kein menschliches Wesen“ mehr zu sein.
Als „menschliches Wesen“ gegen Orwells Regime
Alles, was aus Winston heraus will, will das totalitäre Regime unterdrücken: Er schreibt Tagebuch, denkt selbstständig, hat Freude am Leben, als er sich in Julia, zauberhaft dargestellt von Laura Antonella Rauch, verliebt und – konspirativ in der Dachkammer – das Gegenteil zum alltäglichen „Zwei-Minuten-Hass“ praktiziert. „Wenn Du es schaffst, ein menschliches Wesen zu bleiben, dann hast Du sie besiegt“, bestärkt sie ihn zwischen blutroten Laken. Und in der Tat: Winston fasst den Mut, sich an O’Brien (eindrucksvoll zwielichtig: Marcus Widmann) zu wenden, hinter dem er einen Verschwörer gegen den Führer Emmanuel Goldstein wähnt.
Folter à la Ozeanien: Der Rattenkäfig mitten im Gesicht
Dass er einem doppelten Spiel aufsitzt, merkt er zu spät, und als O’Brien ihm den Rattenkäfig aufs Gesicht setzt, ist er gar bereit, Julia zu verraten – um im nächsten Moment zu erfahren, dass sie ihn verraten hat.
Mit welcher Intensität und Konzentration der vormalige ZDF-Kommissar „Siska“ die Wandlung des Winston Smith herausarbeitet, ist phänomenal. Das grau-nüchterne Bühnenbild ist die ideale Kulisse für Kremers eindringliche Bühnenpräsenz. Die sparsamen Bild- und Toneffekte mit verstörenden Anweisungen vom allgegenwärtigen Televisor schrecken das Publikum auf, reißen es hinein in diese Welt, die keiner will, und die in manchen Staaten doch heute schon präsent ist.
Dass die Münchener Bühne „a.gon“ im Programmheft den Weg Chinas „zur totalen Überwachung“ thematisiert, ist ein weiterer Pluspunkt der rundum stimmigen und in jeder Hinsicht beeindruckenden Inszenierung von Johannes Pfeifer, der Goldstein im Televisor sein Gesicht leiht.
„Big Brother“ heißt heute Siri und Alexa
Heute hießen die Abhörgeräte Siri und Alexa, heißt es im Heft, und jene Daten, die Bundesbürger bei der großen Volkszählung 1987 nicht herausgeben wollten, verrieten sie heute aller Welt via Facebook, Instagram und Co..
Das Heft macht zudem deutlich, dass der Überwachungsstaat auch auf deutschem Boden schon Realität war, und entlarvt die Gemeinsamkeiten von „Neusprech“ und der Sprache der Politiker, die Negatives positiv zu verkaufen suchten. Da passt O’Brians Aussage „Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit“ und sein Bekenntnis: „Wir sind einzig und allein an Macht interessiert. Sie ist kein Mittel zum Zweck – Macht ist der Zweck!“.
Manchmal braucht es eine 1949 erschienene Dystopie über die düsteren Aussichten im Jahr 1984, um Theaterbesuchern 2023 deutlich zu machen, welchen Wert die Gedanken-, Rede-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit hat. Selten ist das so kompakt und glasklar deutlich geworden wie im erstklassigen Zweiakter nach Alan Lyddiards Bearbeitung.