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Albstadt "Die Chance: vertan"

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Nacht über der Kulturszene – im Bild: die Stadthalle Balingen – herrscht ab MontagFoto: Hauser Foto: Schwarzwälder Bote

Vier Wochen Lockdown gelten ab Montag für Gaststätten, Kinos, Fitnessstudios und Veranstalter. Sie fühlen sich ungerecht behandelt.

Zollernalbkreis. Dominique Brandt betreibt in Albstadt die "Alte Kanzlei", das "Gleis 4" und das "Tropi" – und fühlt sich durch den erneuten Lockdown unfair behandelt. Genau jene, die seit Monaten Kontaktdaten erfassten, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, müssten schließen, obwohl ihre Branche laut Virologen kaum Einfluss aufs Infektionsgeschehen habe. Für viele Bands, Veranstalter und Unternehmer brächten November und Dezember das Sechsfache an Einnahmen. Brandt versteht nicht, dass die Regierung den Lockdown erst für Montag angeordnet hat und befürchtet, dass viele das noch ausnutzen, die Gastronomie für weiter steigende Zahlen verantwortlich gemacht werde.

"Bisher keine einzige Rückverfolgungsanfrage"

Der selben Ansicht ist Kinobetreiber Ralf Merkel, der im "Capitol" Albstadt auch die "Cinebar" integriert hat. Er will dennoch auf den Verkauf von Popcorn, Nachos und Getränken verzichten. "Nur durch vier Wochen absolute Kontaktminimierung können wir die Zahlen in den Griff bekommen", ist er sicher. Einig sind sich Brandt und Merkel in der Befürchtung, dass der Lockdown länger dauern werde als vier Wochen – beide rechnen eher damit, 2020 gar nicht mehr zu öffnen.

Marcus Eichstädt, Geschäftsführer des "Badkap" in Albstadt, fühlt sich düpiert: Seit Wiederöffnung im Frühsommer habe das Gesundheitsamt keine einzige Rückverfolgungsanfrage gestellt; so gebe es keinen Anhaltspunkt dafür, dass sich jemand im Bad angesteckt habe: "Die Maßnahmen treffen die Falschen." Man habe getan, was man konnte, um Risiko zu minimieren: Nur 360 Gäste wurden zeitgleich eingelassen, an die 30 000 Euro in Desinfektionsmittel und Gesichtsschutz investiert, die Lüftung zu Lasten der Energiekosten komplett auf Frischluft umgestellt. Beim geplanten Kauf einer Infrarotkamera für den Eingang, die erhöhte Körpertemperatur registriert, wird es trotz Lockdown bleiben. Eichstädt macht sich keine Illusionen: "Corona wird uns den Winter über begleiten."

"Im Sommer hatten wir es in der Hand"

Den "kompletten Stillstand" bedeutet die neuerliche Vollbremsung für darstellende Künstler, sagt Christian Baumgärtner von der Albstädter Band "Südlich von Stuttgart". Auch wenn er und andere ihm bekannte Musiker nicht am Hungertuch nagten – für die Branche bedeute der Lockdown die wirtschaftliche Katastrophe. Wichtig seien Finanzhilfen über November hinaus, "denn bis Mitte 2021 wird kaum etwas laufen".

Nachvollziehen kann Baumgärtner die Logik der Beschlüsse: "Wer Nachrichten anschaut, sieht ja, wohin die Reise gerade geht." Den Maßnahmenkatalog, der Wirkung zeitige und keinem weh tue, gebe es nun mal nicht. "Was mich ärgert: Wir hatten es im Sommer in der Hand, die Sache zu einem guten Ende zu bringen. Und was haben wir gemacht? Party."

Der Beschluss, alle Kulturveranstaltungen im November abzusagen, ist für Jörn de Haan, den stellvertretenden Geschäftsführer der Stadthalle Balingen, "ein Schlag ins Gesicht". Das Hygienekonzept habe bisher funktioniert. "Wir hatten das Vertrauen der Zuschauer", sie seien gekommen und hätten die Regeln befolgt. Und: "Die Künstler waren dankbar." Nun gehe alles von vorne los, de Haan stellt sich auf Mehrarbeit ein. Er hat aber die Hoffnung, dass es im Dezember weitergeht. "Wir müssen optimistisch sein", sagt er, fordert aber bereits Mitte November ein Signal, um planen zu können.

Silvia Bakos, Inhaberin des Fitness-Studios "Mrs. Sporty" in Hechingen, bereitet schon wieder Live-Sessions vor. "Ich kann die Stimmung der Mitglieder nicht zuordnen. Manche verstehen es nicht und sind sauer. Individualtraining wird erlaubt, trotzdem werden wir rausgenommen." Bakos befürchtet, "dass der zweite Lockdown verlängert wird, wenn die Zahlen nicht runtergehen. Das bricht uns dann das Genick". Im Vergleich zum Frühjahr habe sie schon mehr Kündigungen, vor allem von älteren, treuen Mitgliedern, und Anfragen zu Ruhezeiten erhalten: "Die Solidarität lässt nach."

"Die Restriktionen schlagen auf die Psyche"

Aufgrund vieler Hausbesuche im April und Mai wisse sie, dass die Restriktionen den Leuten auf die Psyche schlagen: "Früher habe ich die Frauen umarmt, wenn sie einen runden Geburtstag hatten." Nun geht für Bakos auch ein Stück Menschlichkeit verloren. Besonders ärgert sie, dass Fitness-Studios in die gleiche Schublade wie Spaßbäder und Bordelle gesteckt würden. "Das ist eine absolute Frechheit. Wir sind dafür da, das Immunsystem zu stärken, damit die Leute gesund bleiben." Auf das Ordnungsamt ist sie nicht gut zu besprechen: "Von dem bin ich all die Zeit nicht besucht worden. Es hätte zuletzt viel intensiver die Hygienevorschriften prüfen sollen, statt Strafzettel an Autofahrer zu verteilen."

Zollernalbkreis. Die Zahl der Corona-Infizierten steigt im Zollernalbkreis weiter. Am Freitag meldete das Gesundheitsamt 28 weitere Infektionen. Die Betroffenen leben in Albstadt (4), Balingen (5), Bisingen (1), Burladingen (1), Haigerloch (1), Hechingen (6), Nusplingen (2), Rangendingen (5), Ratshausen (1) und Schömberg (2). 208 Personen gelten aktuell als infiziert. Bisher haben sich 1677 Menschen das Virus eingefangen; 1399 einst Infizierte gelten als genesen. 70 Menschen sind bisher an den Folgen von Covid-19 gestorben. Im Zollernalb-Klinikum werden zwölf Corona-Patienten behandelt. Die Inzidenz (Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen) liegt laut Landratsamt bei 69,7.

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